Volltext : Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1893-97)

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das  Ideal  einer  städtischen  Versorgung  jene  fei,  bei  welcher  nur  gutes
Trinkwasser  für  alle  Zwecke  zur  Verteilung  gelange.  Müsse  man
aber,  mangels  passender  bezw.  ausreichender  Bezugsquellen  dazu
schreiten,  Wasser  von  zweierlei  Qualität  zu  verteilen,  von  welchen
nur  das  eine  sich  znm  Trinken  re.  eignet,  so  darf  nur  dieses  Trinkwasser ­
  in  die  Privathänser  geleitet  werden,  nicht  aber  das  geringwertigere ­
  Wasser,  weil  keine  Vorschriften  imstande  sind,  die  Verwechslung ­
  beider  zu  verhüten.
Matthews  beschreibt  die  für  den  Hausgebrauch  und  für  sanitäre ­
  Zwecke  getrennte  Wasserversorgung  in  Southampton.  Dieselbe
entspricht  in  der  Anordnung  genau  den  von  Bechmann  vertretenen
Grundsätzen.
Oelwein  bespricht  die  Abkühlung  des  Wassers  von  Thalsperren ­
  re.  durch  Anlage  von  Kühlschächten,  wie  er  einen  solchen  bei
Jglau  in  Mähren  angewendet  hat.  Der  letztere  erhielt  eine  Tiefe
von  17,3  Meter  unter  Spiegel  und  faßt  eine  Kubatur  von  9000  cbm;
die  Abkühlung  des  im  Sommer  20  bis  22°  C.  warmen  Teichwassers
beträgt  angeblich  9,6  bis  10,5°  C.
Deften  führte  den  Nachweis,  daß  bei  großen  Wassergeschwindigkeiten ­
  in  den  Leitungsröhren  dann,  wenn  die  letzteren  undicht  sind,
durch  den  Leck  Gruudwasser  und  Sand  ans  der  Umgebung  des
Leituugsrohres  nachgesaugt  wird,  was  sanitätliche  Gefahren  bringt.
Dabei  sei  es  wesentlich,  ob  der  Leck  die  Richtung  spitzwinklig  mit
der  Strömungsrichtung  habe  oder  nicht;  nur  im  ersteren  Falle  findet
ein  Ansaugen  statt.
Die  Diskussionen  brachten  im  wesentlichen  die  Thatsache  znm
Ausdruck,  daß  es  von  Jahr  zu  Jahr  schwieriger  werde,  den  Wasserverbrauch ­
  der  großen  Städte  zu  decken.  Da  man  mehr  und  mehr  auf
den  Bezug  des  Wassers  aus  Seen,  Sammelteichen  und  Flüssen  angewiesen
sei,  werde  das  Studium  der  künstlichen  Reinigung  und  der  Befreiung
des  reinen  Wassers  von  Bakterien,  noch  mehr  aber  die  Verhütung
der  Verunreinigung  aller  offenen  Gewässer  durch  menschliche  Abfallstoffe ­
  re.  von  Jahr  zu  Jahr  wichtiger.  Ausfallend  war,  daß  wenig
oder  gar  nichts  über  Grundwasserversorgungs-Anlagen  aus  den  Fluß-Alluvioneu
  gesprochen  wurde.  In  dieser  Hinsicht  hätte  sich  aus
Deutschland  viel  Interessantes  anführen  lassen,
ad  II.  Kanalisation.
Im  allgemeinen  stimmen  sämtliche  Vorträge  darin  überein,  daß
es  fehlerhaft  ist,  statt  der  Schmntzwasserkanäle  in  Städten  Flutkanäle
zu  erbauen  bezw.  die  Kanalquerschnitte  so  zu  bemessen,  daß  mittels
der  Kanäle  auch  große  Regenfluten  fortgeführt  werden  können.  Wo
das  letztere  geschieht,  sind  in  trockenen  Zeiten  Ablagerungen  und  daraus
folgende  üble  Ausdünstungen  unvermeidlich.  Insbesondere  bemerkt
hiezu  Robinson:  „Es  ist  von  der  größten  Wichtigkeit,  daß  die  Schmutzwasserableitungen ­
  aus  den  Städten  künftighin  unter  dem  Eindrucke
der  in  der  letzten  Zeit  gewonnenen  Erfahrungen  ausgeführt  werden.
Man  muß  beachten,  daß  die  Kanäle  dazu  da  sind,  die  denselben
überlieferten  Schmntzstoffe  fortzuführen,  nicht  aber,  sie  zurückzuhalten.
Es  ist  trotz  aller  eiförmigen  Querschnitte  re.  als  eine  Unmöglichkeit
anzusehen,  dieses  Ziel  zu  erreichen,  wenn  die  Kanäle  gleichzeitig  zur
Ausnahme  großer  Regenfälle  angeordnet  werden.  Während  längerer
Trockenheit  halten  alle,  dem  letztgenannten  Zwecke  angepaßten  Kanäle
eine  große  Menge  fester  Stoffe  ans,  die  sich  zersetzen  und  zu  ungesunden ­
  und  übelriechenden  Ausdünstungen  Anlaß  gebe».  Dies  hat
man  au  vielen  Stellen  inerhalb  Londons  während  des  letzten  trockenen
Winkes  erfahren.  Besonders  im  warmen  Klima  werden  ähnliche
Zustände  sehr  gesundheitsgefährlich.  Notauslässe  zur  Entlastung  der
Kanäle  bei  großen  Regenfällen  sollten  mehr,  als  es  jetzt  üblich  ist,
mtd  in  der  Weise  zur  Anwendung  gelangen,  daß  die  Schmutzwasserkanäle ­
  in  ihrer  Größe  lediglich  der  Schmutzwassermenge  angepaßt
werden.  Nur  dadurch  vermeidet  man  die  Umgestaltung  der  Kanalnetze
zu  Schmutzbehältern".
Middleton  besprach  ausführlich  das  System  der  getrennten  Ableitungen, ­
  bei  welchen  die  Fäkalie»,  der  Urin,  die  Spülwasser  rc.  für
sich  abgeführt  werden,  während  das  Regenwasser  auf  dem  kürzesten
Wege  dem  nächsten  Wasserlanfe  zugeht.  Dieses  System  ist  nicht
gleichbedeutend  mit  dem  von  Robinson  bei  seinem  obigen  Ausspruche
gemeinten.  Unter  die  Schmutztvasser  fallen  vielmehr  nach  Robinson  —
und  dies  ist  auch  die  in  Deutschland  allgemein  verbreitete  Annahme  —
nebst  den  Spülwassern  die  denselben  in  Hinsicht  auf  Gefährlichkeit

für  offene  Gewässer  äquivalenten  ersten  Abspülungeu  der  Dächer,
Höfe,  Straßen  re.  durch  gewöhnliche  Regen.  Nur  größere  Regenfälle
sollen  und  können  auch  ohne  Gefahr  den  offenen  Wasserläufen  direkt
durch  Notauslässe  zugehen,  wobei  ein  gewisses  Verdüilnungsverhältnis
(in  Deutschland  ea.  1  :  5)  als  Grenze  festgesetzt  wird,  derart,  daß
die  Notauslässe  zu  wirken  beginnen,  sobald  das  Verhältnis  des  Regenwasserzuslusses
  zur  normalen  Schmutzwassermenge  diese  Grenze  überschreitet. ­

Bei  dem  von  Nti  d  d  le  t  o  u  behandelten  sogenannten  Separat-System
ist  die  Menge  des  Schmutzwassers,  das  die  Kanäle  führen,  sehr  gering,
und  dementsprechend  sind  es  auch  die  Dimensionen  der  Kanäle.
Regenwasser  wird  überhaupt  nicht  aufgenommen.  Middleton  selbst
hält  indessen  das  Separat-System  nicht  für  allgemein  anwendbar.
Als  Vorteile  sind  zu  bezeichnen:  die  Anwendung  sehr  kleiner  Kanalprofile, ­
  die  Regelmäßigkeit  in  der  Beschaffenheit  und  Menge  der
täglich  abzuführenden  Wassermenge  und  damit  (entsprechend  dem
Minimum  und  Maximum)  die  Möglichkeit  der  Wahl  von  Gefällen,
durch  welche  bestimmte  Minimalgeschwindigkeiten  gesichert  werden.
Durch  richtige  Wahl  der  letzteren  (ea.  0,9  m  pro  Sek.)  wird  allen
Ablagerungen  in  den  Kanülen  vorgebeugt.  Bkuß  das  Kanalwasser
künstlich  gehoben  werden,  so  gestattet  das  Separat-System  große
Ersparnisse  an  den  Aulagekosten  und  dem  Betrieb  des  Pumpwerkes  re.
Ein  weiterer  Vorzug  des  Separat-Systems  ist,  daß  schwere  Suspensionen ­
  wie  Sand  und  Abfälle  von  den  chanssierten  Straßen,
Höfen  re.  nicht  in  die  Kanäle  gelangen,  znfolgedessen  diese  leichter
von  Ablagerungen  frei  bleiben.  Endlich  ermöglichen  Kanäle  geringer
Lichtweite  mit  regelmäßigen  Durchflilßmengen  eine  gründliche  und
konstante  Entlüftung,  verhindern  also  schädliche  und  übelriechende
'Ausdünstungen  innerhalb  des  Entwässerungsgebietes.
Middleton  meint,  daß  das  Separat-System  in  flachliegenden
Gegenden,  in  welchen  man  die  Abwasser  nach  nahe  aneinander
liegenden  Behältern  leiten  und  deren  Inhalt  von  einer  Zentrale  aus
mittels  Dampfkraft,  Wasser-  oder  Luftdruck  ansangen  und  heben
kann  (Liernur),  manche  Vorzüge  bietet.  Besonders  vorteilhaft  erscheint ­
  ihm  diese  Disposition,  wenn  die  Schmutzflüssigkeiten  durch
Luftdruck  gehoben  werden,  weil  hier  stoßfrei  gearbeitet  und  die  verbrauchte ­
  Luft  gleichzeitig  zur  Ventilation  des  Kanalnetzes  verwendet
werden  kann.
Nachteile  des  Systems  liegen  in  der  Komplikation  der  Anlagen
(besondere  Regenwasser-Ableitung,  auch  ans  Häusern,  Höfen  re.)  und
in  den,  durch  die  kleinen  Lichtweiten  der  Kanäle  bedingten  großen
Gefällen,  um  die  Minimalgeschwindigkeit  zu  erzeugen.  *)  In  letzterer
Hinsicht  ist  auch  noch  zu  beachten,  daß  bei  zähflüssigem  Schmutzwasser
eine  zusätzliche  Spülung  erforderlich  werden  kaun,  um  den  Durchlauf
durch  die  Kanäle  zu  ermöglichen.
Sehr  beachtenswerte  Mitteilungen  erfolgten  über  die  Entlüftung
der  Kanäle  durch  die  Herren  Santo  Crimp  und  Read.
Santo  Crimp  widersprach  zunächst  der  vielfach  verbreiteten
Ansicht,  daß  die  treibende  Kraft  für  die  Lnftbewegung  in  Kanälen
in  den  Temperaturdifferenzen  allein  liege.  Nach  seinen  Erfahrungen
und  Versuchen  sei  diese  Bewegnugsursache  nicht  imstande,  eine  belangreiche ­
  Lnftströmniig  hervorzubringen;  es  sei  fast  ohne  Ausnahme
nur  der  Wind,  welcher  die  letztere  veranlasse.  Dieser  müsse  daher
!  für  die  Ventilation  der  Kanäle  voll  ausgenützt  werden.  Kleinere
!  Kanäle  bedürfen  nicht  in  dem  Maße  der  Entlüftung,  wie  große;
bei  allen  aber  —  ohne  Ausnahme  —  sollten  bis  über  die  höchsten
Gebäude  geführte  Lüftungsrohre  zwecks  Ableitung  der  Kanalgase  in
die  höheren  Luftschichten  angewendet  und  Straßenentlüftungeu  auf
ein  Minimum  beschränkt  werden.
Read  betont  zunächst,  daß  bei  ca.  0,9  m  und  größerer  Geschwindigkeit ­
  des  Wasserabflusses  pro  Sekunde  im  Kanal  Luft  nach-*)

  Bekanntlich  müssen,  wen»  die  Geschwindigkeit  0,9  Meter  betragen
soll,  folgende  Gefälle  a  pro  Meter  bei  den  beigeschriebenen  Lichtweiten  6
eingehalten  werden:

d

a

d

a

d

a

d

a

d

st

d

st

100  mm

0,022

150

0,012

200

0,008

250

0,006

300

0,004

500

0,0020

!  125  „

0,017

175

0,010

225

0,007

275

0,005

400

0,003

600

0,0015
            
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