Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Haus-Rosette eine Lösung durchführt, welche nun mit den übrigen 
Teilen der angrenzenden Umgebung in harmonischem Einklang steht. 
Hierher gehören auch die an beiden Chortürmen leichtfertig angefügt 
gewesenen zwei Strebepfeiler, an welchen den übrigen Strebepfeiler- 
Endigungen der Seitenschiffe entsprechend spätgotische Formen durch 
geführt wurden. Unter den Baldachinen dieser beiden Strebepfeiler 
wurden die Statuen von Moses und Jesaias ausgestellt. 
Unter den zur Zeit in Ausführung begriffenen und noch zu 
beginnenden Bauarbeiten, welche bis zu der aufs Frühjahr 1900 fest 
gesetzten Vollendung des Innern erforderlich sind, nennen wir folgende 
Einzelheiten: 
Auf den Rohbau des Ganzen haben Bezug die noch auszu 
führenden Verstärkungs- und Ergänzungsarbeiten im Innern der 
westlichen Vorhalle und dem darüber befindlichen Stockwerke, des 
gleichen in den östlichen Turmhallen, sodann die Neueinfügung der 
Gewölbe in den beiden Seitenschiffen, die Erneuerung der verbrannt 
gewesenen Gewölbe-Rippen im Chor und zwischen den Chortürmen, 
die Einsetzung der Bänke und des steinernen Pfostenwerks in sämt 
lichen Fenstern, die Erneuerung weniger bisher zurückgestellter Strebe 
bögen über den Seitenschiffen. Ferner haben sich die Umfassungs- 
wände des südlichen Kapellen-Anbaues (Abb. 4) bei der neuesten 
Untersuchung derart defekt gezeigt, daß eine gründliche Ausbesserung 
derselben sich als unabweisbar ergab. Auch diese Kapelle soll ihrer 
zweckmäßigeren Benützbarkeit halber von außen einen direkten Ein 
gang erhalten. 
An Dachbedeckungen sind noch die sog. Lauben beiderseits vom 
Hauptturm und die beiden Sakristei-, beziehungsweise Kapellen-An- 
bauten am Chor auszuführen. 
Um nach dem Bezug der Kirche eine ungestörte Benützung der 
selben zu sichern, müssen als äußere Arbeiten die sämtlichen Aus 
besserungen der östlichen Chorwand, sowie diejenigen am untersten 
Stockwerk der Westvorhalle ins Auge gefaßt werden. Im Innern 
der Kirche sind außer den oben genannten Arbeiten noch auszu 
führen: die steinerne Orgelempore nebst Treppeniurm, die Central 
heizungsanlage, für welche eine Niederdruck-Dampfheizung in Aus 
sicht genommen worden ist, ferner die Bekleidung und Dekorierung 
der massiven Gewölbeflächen, die Herstellung der Böden und des 
ganzen Gestühls, der Kirchthüren und Windfänge, der Kanzel mit 
Schalldeckel, der Orgel, der Beleuchtungsanlage, sowie die Versetzung des 
heiligen Grabes in den Chor*) 
Von dem letzteren sagt Dr. P. Keppler mit Recht: „Deutsch 
lands schönstes Werk dieser Art, mit überaus reicher, figurenbesetzter 
Baldachinkiönung, vor dem Sarkophag zwei schlafende Wächter 
(prächtige Gestalten, wie lebend hingegossen), hinter denselben 
Johannes mit drei Frauen voll Leben und schmerzlicher Bewegung." 
Wirkungsvoll und mannigfaltig ist der plastische Schmuck dieses 
hervorragenden Werkes, das in seiner ganzen Ausführung eine Fein 
heit uud Gewandheit, eine Vollkommenheit der Technik zeigt, wie sie 
nur wenigen Werken jener Zeit eigen ist. Leider hat das heilige 
Grab in der Zeit der Bilderstürmerei und durch den großen Brand 
sehr gelitten. 
Weniger umfassend werden die Erneuerungsarbeiten an dem im 
ganzen gut erhaltenen Taufstein sein.*) Dieses reich mit fast runden 
*) Abbildung ist in dem Bericht enthalten. 
Reliefs geschmückte Kunstwerk zieht die Aufmerksamkeit der Kenner 
in besonderem Maße auf sich. Der Taufstein ist achteckig, an den 
Ecken stehen acht Apostelsiguren, in den Nischen sind die sieben 
Sakramente dargestellt; dazu außerordentlich feines Zierwerk; am 
Fuße der Nischen sind humoristische Tierszenen, z. T. mit symbolisch- 
satyrischer Anspielung angebracht. Das herrliche Werk stammt aus 
dem Jahre 1499. Der Taufstein und das heilige Grab sind wehl 
von demselben Meister, wahrscheinlich von Peter von Breisach. 
Ausbesserungsbedürftig sind auch die in der alten Sakristei be 
findlichen, vor 50 Jahren von Professor Eberlein aufgedeckten und 
leider damals stark übermalten Wand- und Deckenbilder. Dieselben 
sind von hohem Wert, als ein seltenes Beispiel der Kunst der 
Malerei des 14. Jahrhunderts. Sie zeign: das Martyrium der 
heiligen Katharina, auch Einzelgestalten von Heiligen. An der West 
wand, ziemlich zerstört, Christus am Kreuz, die Kriegsknechte u. s. w. 
Ungemein anziehend erscheinen besonders die blonden, schlanken, hold 
lächelnden, langlockigen, idealschönen Gestalten, wie sie zur selbigen 
Zeit auch in der italienischen Kunst auftauchen. 
Noch mag hier angefügt werden, daß die Modelle zu allen 
architektonisch und künstlerisch bedeutenderen Arbeiten in einer Samm 
lung vereinigt wurden, in welcher auch die bei den Restaurations 
arbeiten gemachten Funde, insbesondere auch Baureste aus früherer 
Zeitpeuode Aufnahme fanden. Es wird diese Sammlung nicht nur 
dem Architekren und Künstler, sondern auch dem Laien einen genauen 
Einblick in die edlen Formen unseres Baudenkmals gewähren, wie 
auch eine leicht zugängliche Quelle für das Studium der verschiedenen 
Baustiele bieten. 
Die vom 1. Mai 1893 bis 30. Juni 1898 an die Bauleitung 
zur Ausbezahlung angewiesene Kostensumme berechnet sich aus 
490 893 M. 20 H, während die von dieser Zeit ab bis zur 
Vollendung des Innern noch erforderliche Summe sich auf 
376 650 Ji. berechnet, bis zu diesem Zeitpunkt sind also rund 
868 000 Jt erforderlich. 
Am Schlüsse des Berichts heißt es: „Mit der Erlangung dieses 
vorerst gesteckten Ziels ist jedoch das Ende der Restauration unserer 
Marienkirche noch nicht erreicht, denn einerseits sind die oberen Teile 
der Westfapwde, sowie der Hauptturm, soweit sich bis jetzt beurteilen 
läßt, von sehr schadhafter Beschaffenheit, andererseits wird es sich, 
wie in Ulm und Heilbronn, auch hier frage», ob nicht die Vollendung 
der nicht ausgebauten Chortürme als letzter Schlußstein in unser Bau 
programm aufzunehmen ist. 
Hätten wir uns darauf beschränken können, unsere Kirche nur in 
den Stand zu stellen, daß dieselbe ihrem Hauptzweck — dem gottes 
dienstlichen — genügen würde, so hätten die uns zur Verfügung 
stehenden Mittel weitaus gereicht, allein wir mußten als unsere Auf 
gabe erkennen, unser ehrwürdiges und erhabenes Denkmal mittel 
alterlicher Baukunst, welches von unsern Voreltern in Zeiten schwerer 
Not begonnen und in Zeiten harter Bedrängnis notdürftig wieder 
hergestellt wurde, in den Stand zu versetzen, daß dasselbe in seiner 
alten Schönheit und Vollendung als Kleinod und Vorbild seiner 
Gotik wieder erscheine. 
Diesen Zweck zu erreichen, wollen wir nicht müde werden." 
Möchte es diesen Blättern vergönnt sein, das Interesse 
für die edle, große Sache auch ferner zu erhalten und ihr die that 
kräftige Hilfe weiterer Kreise zu gewinnen. 
Verschiedenes. 
Eine Ehrung für Baudirektor von Bach. Aus Anlaß der 
Ueberreichung der Ehrenmitgliedsurkunde an Baudirektor C. v. Bach, 
dessen Ernennung zum Ehrenmitglied des Gesamtvereins deutscher 
Ingenieure im Juni d. I. auf der Hauptversammlung in Nürnberg 
geschehen, fand am Sonntag den 19. November d. I. im Oberen 
Museum zu Ehren v. Bachs ein Festessen statt, an dem über 
100 Mitglieder und Gäste teilnahmen. Die feierliche Ueberreichung 
der Urkunde erfolgte vorher in der Wohnung des Gefeierten durch 
den Vors, des Gesamtvereins, Baurat Bissinger-Nürnberg, den 
Direktor des Vereins, Baurat Peters-Berlin, und die Vorstands 
mitglieder Geh. Reg.-Rat Ritschel-Charlottenburg, Reg.- und Baurat 
v. Borries-Hannooer, Professor Truhsen-Berlin, Dir. Majert-Siegen. 
Die Feier wurde beehrt durch die Anwesenheit des Kultministers 
Dr. v. Sarwey mit dem Min.-Rat Dr. Bälz, des Direktors der 
Techn. Hochschule Prof. Dr. v. Weyrauch und vieler anderer Ehren 
gäste. Der Vors, des württ. Jngenieurvereins, Dir. Cox-Cannstatt,
	        

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