Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Aeußerungen des Badischen Architekten- und Jngenieurvereins zu 
diesen neuen Normvorschlägen. 
Der Württembergische Verein für Baukunde ist dabei zu den im 
Nachstehenden kurz ausgeführten Anschauungen gelangt. 
Wie bekannt, hat der genannte Verein im vergangenen Jahr 
dem in Kassel aufgestellten Entwurf einer Honorar-Norm zugestimmt, 
in der Ueberzeugung, daß damit ein wesentlicher Fortschritt gegenüber 
den veralteten und unsicheren Bestimmungen der alten Norm erreicht 
werde. Er hält daran fest, daß besonders der Ersatz der manche 
Unklarheit zulassenden Klassenbestimmungen durch eine rechnerisch zu 
ermittelnde Verhältniszahl erwünscht wäre. 
Der Kasseler Entwurf hat nun in dem neuen vom Verbands- 
Vorstand verfaßten Vorschlag eine Umarbeitung erfahren, welcher 
wir nicht mehr beistimmen können. Unsere .Hauptbedenken richten sich 
hiebei gegen denjenigen Teil der neuen Gebührenordnung, welcher 
für jede Art von Bauausführung, oder Gebäude-Klasse bezüglich der 
vorbereitenden Arbeiten und der Rohbauausführung ein und dasselbe 
Honorar bestimmt. 
Aus dem auf der Delegierten-Versammlung zu Freiburg zu 
Tage getretenen Widerspruch gegen die Kasseler Norm und den uns 
vorliegenden Aeußerungen des Hannoverischen und Badischen Vereins 
haben wir nun den Eindruck gewonnen, daß der mit dem neuen 
Vorschlag gemachte Versuch, eine Einigung der widerstrebenden Vereine 
zu erzielen, als gescheitert anzusehen ist. und daß überhaupt eine 
große Majorität für ein Normsystem auf der Grundlage „als" 
vorläufig nicht zu gewinnen sein wird. — Eine Verbesserung der 
Honorar-Norm sollte aber unter allen Umständen geschaffen werden, 
und eine solche können wir uns nach Verwerfung des Kasseler Vor 
schlags nur auf der Basis der alten Norm als möglich denken. In 
diesem Sinne verdient der Entwurf des Hannoverschen Architekten- 
und Ingenieur-Vereins alle Beachtung, wenn wir demselben auch 
nicht in allen Teilen zustimmen können. Während wir die vorge 
schlagene Honorar-Tabelle, aus welcher die einzelnen Gebühren direkt 
als Geldsumme abgelesen werden können, als wesentliche Verbesserung 
gegenüber der alten Norm begrüßen, und mit der „Vorbemerkung", 
nach welcher die Gebühren nur für normale Lösungen normaler Auf 
gaben gelten, vollkommen einverstanden sind, eraihten wir die weiteren 
für die Berechnung nicht normaler Fälle dienenden Bestimmungen als 
zu kompliziert und meinen, der Versuch, auch für nicht normale 
Fälle Normen aufzustellen, habe durch sein Ergebnis im Verlauf 
der letzten Normverhandlungen seine Fruchtlosigkeit bewiesen. Be 
sonders die Anwendung des Einheitswertes für den Kubikmeter um 
bauten Raumes würden wir geradezu als fehlerhaft ansehen; denn 
erstens ist dieser Einheitswert im deutschen Reiche kein einheitlicher 
und zweitens kein stabiler. Man müßte also alle paar Jahre wieder 
Einheitswerte aufstellen und die Norm käme nie zur Reihe, und 
würde dadurch bei Publikum und Gericht nie die Geltung bekommen, 
welche die alte Norm besitzt. 
Mit Ziff. 4, nach welcher einzelne Bauteile und Ausstattungs 
gegenstände, welche eine besondere künstlerische Behandlung erfordern, 
herausgegriffen und nach Klasse V berechnet werden können, sind 
wir einverstanden. 
Verbesserungsbedürftig halten wir die Aufzählung der in den 
einzelnen Klassen aufgeführten Gebäudegattungen. So sollten bei 
spielsweise, unseren süddeutschen Verhältnissen entsprechend, Einfamilien 
häuser erst in der III. Klasse aufgeführt werden; ferner gehören auch 
die Fest- und Ausstellungshallen in die genannte Klasse, da diese 
erfahrungsgemäß viel künstlerische Arbeit erfordern im Verhältnis 
zu den Baukosten, welche in Anbetracht des billigen Materials, mit 
welchem solche Bauten erstellt werden, meist gering find. 
2) für Bauingenieure: 
Wir vermissen im allgemeinen die genaue Präzisierung dessen, 
was der beauftragte Ingenieur zu leisten hat, insbesondere, ob es 
ihm obliegt, das Hilfspersonal aus der ihm gewährten Pauschalsumme 
zu bezahlen oder nicht. In der Regel wird der bauleitende bezw. 
projektierende Ingenieur die Reinzeichnungen der allgemeinen und 
Spezial-Projekte nicht eigenhändig vollziehen; § 3 giebt in diesem 
Falle keine klare Auskunft, ob aus dem Honorar die Kosten für das 
Hilfspersonal zu bestreiten sind. Nach § 3, Abs. 2 könnte es scheinen, 
als ob wenigstens für die Spezialprojekte die Bauführer zur Auf 
zeichnung derselben vom Auftraggeber bezahlt werden müßten. Wir 
beantragen deshalb den Zusatz zu 8 3: 
„Wird zwischen dem Auftraggeber und dem beauftragten Inge 
nieur nichts anderes vereinbart, so hat der letztere alles Personal, 
dessen er zur Bearbeitung der Pläne, Kostenüberschläge ec. für Bau 
entwürfe bedarf, aus seinem Honorar zu bezahlen." 
Zu 8 5 (Berechnung der Reisekosten und Zeitgebühren) sind wir 
der Meinung, daß zwar der Satz von 20 M. für die erste Stunde 
aufgewendeter Zeit, von 5 Ji. für jede folgende Stunde und von 
2 ^ für den Gehilfen angemessen erscheint; es dürfte jedoch im 
Interesse besserer Verständlichkeit des Tarifes liegen, wenn der Satz 
von 20 Jh. eliminiert und statt dessen gesagt würde: „Die Minimal- 
Gebühr für eine mündliche oder schriftliche Beratung beträgt 20 .Ai.', 
ist dazn ein größerer Zeitaufwand als eine Stunde erforderlich, so 
kommen für jede folgende Stunde 5 Jl. in Ansatz. Gehilfen erhalten 
2 Jl. pro Stunde Für Stellvertretung des beauftragten Ingenieurs 
ist eine besondere Berechnung unstatthaft." — Die Berechnung der 
Reiseentschädigung, die gegenüber der früheren Honorarnorm eine 
wesentliche Erhöhung enthält, scheint uns im allgemeinen angemessen; 
in besonderen Fällen sollte jedoch eine Herabsetzung oder Erhöhung 
der Gebühr statthaft sein je nach der Leistungsfähigkeit des Auf 
traggebers. 
Die seither übliche, nach Höhe der Bausnmme bezw. Maßgabe 
des Zeitaufwandes bestimmte Honorarnorm hat unseres Wissens in 
Süddeutschland nur dann Anwendung gefunden, wenn kleine Bau 
summen in Betracht kamen; bei größeren Bausummen sind in der 
Regel geringere Honorare bedingt worden, als sie der alte Tarif 
zuließ. Der neye Tarif, soweit er nach Bausummen berechnet, be 
läßt nun im allgemeinen die alten Sätze, wenn die Bausumme 
1 Million Mark erreicht; ist sie kleiner, so erhöhen sich die Sätze 
und besonders bei den sehr häufig vorkommenden Bausummen zwischen 
5000 und 100000«^. sind die Erhöhungen relativ groß. Angesichts 
des Umstandes, daß in Württemberg ohnehin der akademisch gebildete 
Ingenieur im Zivil-Bauwesen mit der Konkurrenz der nieder gebildeten 
Techniker mehr als anderwärts zu rechnen hat, dürfte es sich nicht 
empfehlen, die neuen Normen in verbindlicher Weise anzurechnen. 
Kleineren Gemeinden z. B. würde in der Regel die Bezahlung hier 
nach berechneter Honorare als unannehmbare Last erscheinen. Wir 
sind der Meinung, daß die allgemeine Anwendung der neuen Norm 
sehr bald die Auftraggeber dahin bringen würde, auf die Hilfe der 
akademisch gebildeten Ingenieure zu verzichten. Umgekehrt glauben 
wir, daß es erwünscht ist, den akademisch gebildeten Ingenieuren 
auch in Württemberg eine möglichst ausgedehnte Privatthätigkeit in 
ihrem Fache zu sichern und daß dies Ziel sich bei Belassunq der 
alten Honorarnorm besser erreichen lassen würde. Wir empfehlen 
deshalb die Beibehaltung der alten Ansätze und möchten überhaupt 
den Einzelnen überlassen wissen, nach Maßgabe des besonderen 
Falles sein Honorar mit dem Auftraggeber zu vereinbaren. 
Die Berechnungen nach Länge der Linie und Größe der Fläche 
für einzelne Arbeiten des Ingenieurs durchzuführen, halten wir für 
ganz korrekt, obschon die eingeworfene Frage, ob einfache oder 
schwierige Verhältnisse vorliegen (S. 5 des Entwurfs), den richtigen 
Ansatz der Gebühr zweifelhaft erscheinen läßt und in der Praxis 
da und dort Prozesse hervorrufen kann. Wir halten überdies die 
Ansätze für zu hoch und würden vorschlagen: 
für den Kilometer Baulänge bei Deichanlagen, Straßenanlagen und 
selbständigen Uferbefestigungen: 
bei einfachsten Verhältnissen Jt. 400 
bei schwierigsten „ „ 1200 
für den Kilometer Haupteisenbahnen, Nebenbahnen ec. (S. 5, 2): 
bei einfachsten Verhältnissen Ji 600 
bei schwierigsten „ „ 1800 
anzunehmen.
	        

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