Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Am Sonntag, den 6. Mai versammelte sich eine große Zahl 
von Mitgliedern in der tierärztlichen Hochschule, um die dortigen 
Neubauten in Augenschein zu nehmen. Sie wurden von Professor 
Hoffmann empfangen und geführt. Neben den auf das Reinlichste 
und Zweckmäßigste angelegten Stallungen erregten die in der Dunkel 
kammer für die Augenuntersuchung vorgezeigten Apparate, sowie die 
im Operationssaal ani Operationstisch mit einem Pferd vorgeführten 
Demonstrationen ungeteiltes Interesse. Eine Besichtigung der Lehr 
sammlungen beschloß den hochinteressanten Rundgang. — An diese 
Besichtigung reihte sich noch ein Besuch der nahegelegenen Bürger 
halle der Aktienbrauerei Wulle an, beNvelchem die Architeken Schmohl 
und Stähelin, sowie die beiden Direktoren Feldmüller und 
Wulle die Führung übernahmen. 
[Pom Maulbronner Kloster. 
Am Sonntag, den 17. Juni führte der Verein unter zahlreicher 
Beteiligung einen Familienausflug nach Maulbronn zur Besichtigung 
des dortigen Klosters aus. Veranlassung zu demselben gab ein von 
Baurat Beger am 2. Juni gehaltener Vortrag über die seit 1892 
am Kloster vorgenommenen Erncuerungsarbeiten. Indem wir die 
Anlage des Klosters und seine hervorragenden Kunstbauten als be 
kannt voraussetzen, entnehmen wir jenem seiner Form und seinem 
Inhalt nach gleich gediegenen Vortrag folgende Mitteilungen. 
Der in der Nacht vom 19./20. Januar 1892, eingetretene 
Brand des Pfründnerhauses, durch welchen der engere Klosterkomplex 
von ernster Feuersgefahr bedroht war, veranlaßte die k. Finanz 
verwaltung, sich mit der Frage zu befassen, welche Maßregeln zur 
Verminderung der Feuersgefahr bezw. zur Verhütung einer weiteren 
Verbreitung eines Brandes zu ergreifen seien. Es fehlte damals 
nicht an Stimmen, welche der gänzlichen Befreiung der Klostergebäude 
von den profanen Wohngebäuden das Wort redeten, allein in Ueber 
einstimmung mit dem Württembergischen Altertumsverein und dem 
Verein für Baukunde, der in seiner Versammlung vom 12. März 1892 
sich eingehend mit der Frage befaßt hatte, wurde von solch weit 
gehenden Maßnahmen abgesehen und als erste und wirksamste Maß 
regel zur Verminderung der Feuersgefahr eine neue Hochdruckwasser 
leitung angelegt und zur Beseitigung der alten Erdölbeleuchtung das 
elektrische Licht in den Räumen des Seminars ausgeführt; außerdem 
wurden verschiedene alte und geschleifte Kamine durch neue ersetzt, 
zahlreiche Brandmauern eingezogen und die Dachböden durch Auf 
bringung eines Estrichs gegen Feuersgefahr geschützt. 
Neben diesen äußerlich wenig erkennbaren Maßregeln zur Feuer 
sicherheit kamen in den letzten Jahren eine Reihe baulicher Verände 
rungen an den Klostergebäuden zur Ausführung, welche neben dem 
Zwecke der Erhaltung des Klosters zugleich auf die Befreiung seiner 
äußeren Erscheinung von fremden Zuthaten gerichtet waren, um dem 
selben seinen ursprünglichen und einheitlichen Charakter zurückzugeben. 
An den aus spätgotischer Zeit stammenden Giebelbau der 
„Winterkirche" stieß weit in den Klosterhof ausladend ein neuzeitlicher 
weißgetünchter Fachwerksbau, die Seminarküche und den Speisesaal 
nebst Professorswohnung enthaltend. Derselbe verdeckte gerade den 
alten, in streng romanischen Formen gehaltenen Teil der Klosterfront, 
das Laienrefektorium. Auch auf letzterem ruhte seil dem ersten Drittel 
des 19. Jahrhundert ein mehrstöckiger häßlicher Aufbau, in dem bis 
1891 das Kgl. Oberamtsgericht sich befand. An Stelle der zwischen 
den beiden Refektorien gelegenen alten gewölbten Klosterküche, in der 
Faust sein Unwesen getrieben haben soll, standen ein gewöhnlicher 
Schuppen und verschiedene Nebengebäude. Ueber dem neben dem 
Herrenrcfektorium gelegenen Kalefaktorium (Wärmstube) erhob sich 
als weitere fremde Zuthat ein nahezu baufälliger Fachwerksaufbau 
mit Famuluswohnung. Neben der Beseitigung dieser meist aus Holz 
bauten bestehenden Zuthaten galt es, die wachsenden Bedürfnisse des 
Klosters ins Auge zu fassen und trotzdem ein einheitliches Bild der 
Klostcranlage zu schaffen, das beim Betreten des Klosterhofes die 
wundervolle vordere Klosterschauseite in ihrer früheren Ausdehnung 
unverkürzt vor Augen führt. 
Im Jahr 1895 wurde, nachdem zuvor für die wegfallenden 
Wohnräume entsprechender Ersatz geschaffen war, mit dem Abbruche 
des hölzernen Aufbaues auf dem Kalefaktorium begonnen und über 
der Brunnenkapelle im Kreuzgarten ein Aufbau zu einem Hörsale 
errichtet. Ueber dem Laienrefektorium wurde sodann an Stelle des 
alten hölzernen Aufbaues ein neuer steinerner Stockaufbau ausgeführt 
und die Seminarküche mit dem Speisesaal auf dem Platze der alten 
Klosterküche errichtet. Besondere Schwierigkeiten machte die Verlegung 
der Haupttreppe zum Seminar und zur Winterkirche. Dieselbe ließ 
sich ohne einen Vorbau vor der westlichen Klosterfassade nur dadurch 
erreichen, daß sie in den gotischen Giebelbau selbst hineingelegt 
wurde. 
Mit einer Einzelschilderung der Anlage dieses Treppenhauses, 
der neuen Küche und des Speisesaales, sowie mit einer Darlegung 
über die früher übliche Behandlung der Mauersteinflächen, sogenannter 
„Klosterhieb", schloß Baurat Beger, nach dessen Entwürfen und 
unter dessen Leitung sämtliche Restaurationsarbeiten zur Ausführung 
gelangten, seinen interessanten, mit großem Beifall aufgenommenen 
Vortrag. 
Bei der Besichtigung des Klosters hatte der Verein Gelegenheit, 
sich von der Zweckmäßigkeit und der vortrefflichen Wirkung jener 
Erneuerungsarbeiten zu überzeugen. Hiebei nahm Prof. Lauser 
von Stuttgart Veranlassung, den Teilnehmern an der Kirchenvorhalle, 
dem sog. „Paradies", eine neue Art der Maßbestimmung für 
■ die Größen- und Formverhältnisse antiker und mittelalterlicher Bauten 
unter Anwendung von Schnüren vorzuführen und darzulegen, daß 
diese Verhältnisse wahrscheinlich nicht auf willkürlicher Annahme, 
sondern auf bestimmten geometrischen Gesetzen bernhen. 
Mit einem im Kreuzgange eingenommenen gemütlichen Imbiß, 
bei dem der als Gast anwesende Sänger Brodersen die Versamm 
lung durch den Vortrag dreier Lieder im Herrenrefektorum entzückte, 
schloß der nach jeder Richtung gelungene Ausflug. 
Elektrische Ieuerlelegraphie. 
Vortrag, gehalten in der 5. ordentlichen Versammlung, von Ingenieur Emil Fein in Stuttgart. 
Die bedeutenden Fortschritte im Gebiete der Elektrotechnik und 
insbesondere in demjenigen des elektrischen Signal- und Verkehrswesens 
haben auch zu einer wesentlichen Ausbildung und Vervollkommnung 
derjenigen elektrischen Einrichtungen geführt, welche dem Interesse 
der Feuersicherheit dienen. Dieselben beziehen sich nicht nur auf 
Verbesserungen älterer Apparate-Konstruktionen, sondern vielfach auch 
auf die Herstellung von neuen Apparaten und Einrichtungen, unter 
welchen sich unter Hinzuziehung der in der Starkstromtechnik 
gemachten Erfahrungen die neueren Stromquellen, 
Dynamomaschinen und Akkumulatoren befinden. Die Statistik 
hat bewiesen, daß durch diese Feuertelegrapheu-Eiurichtungen und die 
damit in Verbindung stehenden Verbesserungen der Feuerwehr-Organi 
sationen die Anzahl der größeren Schadenfeuer ganz erheblich ver 
mindert wurde. Zu erwähnen ist, daß selbstverständlich die massive 
Bauart und überhaupt die sonstigen baupolizeilichen Vorschriften 
wesentlich zu diesem Fortschritt beigetragen haben. 
Was nun die Feuertelegrapheu-Eiurichtungen selbst betrifft, 
so muß ich mich darauf beschränken, nur auf diejenigen meiner
	        

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