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Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukbnde in Stuttgart. 
Nr. 2 
Zur Frage der Gleichberechtigung der höheren Schulen. 
eber diesen Gegenstand verbreitete sich Generaldirektor 
v. Öchelhäuser-Dessau sehr eingehend im zweiten 
Teil seiner Eröffnungsrede zu der im Juni 1900 in 
Mainz gehaltenen 40. Jahresversammlung des deutschen 
Vereins von Gas- und Wasserfachmännern. Er knüpfte dabei 
an die Worte an, die S. M. der Kaiser an die Rektoren der 
drei preussischen technischen Hochschulen richtete, als sie ihm 
unter Fühlung von Prof. Riedler den Dank für die Verleihung 
des Promotionsrechts aussprachen. 
Diese Ausführungen dürften deswegen von besonderem 
Interesse sein, weil ein Vergleich zwischen ihnen, bezw. den 
Worten des Kaisers und dem inzwischen erschienenen kaiserlichen 
Erlass über die Weiterführung der Reform der höheren Schulen 
in Preussen zeigt, wie weit in letzterem den Forderungen der 
Techniker Rechnung getragen ist. 
Dem „Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung“ 
zufolge hatte dieser Teil der Rede von Öchelhäuser’s folgenden 
Wortlaut: 
„Anschliessend an jene schon zitierten Worte 1 ) sagte unser 
Kaiser weiter: 
„Unsere technische Bildung hat schon grosse Erfolge 
errungen. Wir brauchen sehr viel technische In 
telligenz im ganzen Lande.“ 
„Ja, das ist in der That gerade unserem deutschen Volke 
sehr und mehr von Nöthen, als Viele glauben. Denn die Er 
folge der deutschen Technik in den letzten drei Dezennien 
haben gleichwohl die technische Intelligenz im ganzen 
Lande nur wenig oder wenigstens nicht annähernd in dem 
für die Weiterentwicklung unseres Staates notwendigen Maasse 
berührt und erhöht. Denn wenn wir auch in Deutschland, 
wie wir hoffen, zur Zeit einen Vorsprung in der wissenschaft 
lichen Ausbildung unserer Ingenieure besitzen, so fällt anderer 
seits ein Vergleich der technischen Durch Schnitts-Intelligenz 
im ganzen Lande mit derjenigen bei anderen Kulturnationen 
sicherlich nicht zu Gunsten Deutschlands aus. Die 
technische Durchschnitts-Intelligenz unter (Jen Ge 
bildeten im Allgemeinen — also von den eigentlichen 
Fachleuten abgesehen — ist bei uns, und das kann man bei 
jeder Reise ins Ausland beobachten, sie ist bei uns jedenfalls 
geringer als z. B. in England und Amerika. Der Gebildete, 
insbesondere der humanistisch Gebildete, hat bei uns un 
glaublich wenig von den grossartigen Errungenschaften der 
praktischen, geschweige denn der wissenschaftlichen Technik 
in sich aufgenommen, obwohl er sie täglich vor Augen hat 
und benutzt. Lediglich die Elektrotechnik mit ihren staunens 
werten Erfolgen hat, namentlich in Folge der vom Staat und 
den elektrotechnischen Interessenten mit Hochdruck betn ebenen 
Popularisierung derselben, wenigstens einiges Interesse und Ver 
ständnis zu erwecken vermocht. 
Wer jemals Gelegenheit gehabt hat, z. B. Sitzungen der 
verschiedenen Commissionen des englischen Parlaments bei 
zuwohnen, die sich bekanntermassen u. a. auch mit Ver 
gebung gewerblicher Monopole in unseren Fächern sowie mit 
dem Strassenbahnwesen etc. zu befassen haben oder in eng 
lischen Gerichtsssälen Patentprozesse mit anhörte, der wird, 
glaube ich, geradezu erstaunt gewesen sein über das Maass 
technischer Durchschnittsbildung und Intelligenz, das sich aus 
den gestellten Fragen der Parlamentsmitglieder und Richter und 
schliesslich aus den Resultaten dieser Verhandlungen und den 
richterlichen Urteilen zur Evidenz ergab. Und wie technisch 
gebildet und praktisch erfahren Engländer und Amerikaner auch 
auf so vielen Geb eten des politisch wirtschaftlichen Lebens 
sind in der Vertretung durch ihre Commissare, Consulats- und 
Colonialbeamten, das hat unser deutsches Volk bis vor nicht 
langer Zeit bei gar vielen Gelegenheiten zur Genüge erfahren. 
Und wenn auch vereinzelte Beispiele für Den nicht viel be 
weisen, der nicht aus vielfacher persönlicher Erfahrung 
jenen Eindruck im Auslande selbst gewonnen hat, so möge 
doch für solche, die mir in dieser Erfahrung beipflichten, hier 
ein kleines Erlebnis eingeschaltet sein, das Manchen vielleicht 
Gemeint sind die eingangs der Rede erwähnten Worte des Kaisers 
in jener Ansprache: „ . . . . Ich wollte die techn. Hochschulen in den 
Vordergrund bringen, denn sie haben grosse Aufgaben zu lösen, nicht blos 
technische, sondern auch grosse soziale . . an welche v. Öchelhäuser 
als ersten Teil seines Vortrages eine Besprechung der von den Gas- und 
Wasserwerken getroffenen sozialen Einrichtungen anschloss. 
an andere, eigne Erfahrungen erinnern wird. Als ich zur Zeit 
der Chicagoer Ausstellung von den Fällen des Niagara nach 
den Stromschnellen unterhalb des Flusses am Ufer entlang 
fuhr, da unterhielt ich mich mit meinem Kutscher über den 
Orkan, der in der letzten Nacht getobt hatte, und er bestätigte 
mir die Gewalt desselben mit der Bemerkung, die er offenbar 
der Morgenzeitung entnommen hatte: dass der Wind sogar 
so und so viel Fass Geschwindigkeit gehabt hätte. Und dieser 
Kutscher war nicht etwa irgend ein verkrachter, gebildeter 
Europäer, sondern ein einfacher Kutscher des Landes, der auf 
meine weitere Frage, wieviel Fuss Geschwindigkeit denn sonst 
ein starker Wind hier zu Lande hätte, ganz verständig ant 
wortete. Auch bei Störungen der verschiedenen Strassenbahn- 
systeme in Amerika hörte ich statt der bei uns sonst gewöhn 
lich nur sehr energisch auftretenden sittlichen Entrüstung des 
Publikums sehr vernünftige Erörterungen über die wahrschein 
liche Ursache jener Störungen und ein solches eingehendes 
Interesse daran, wie die Störungen vor unseren Augen zu be- I 
seitigen gesucht wurden, dass ich sicherlich nicht der einzige ' 
europäische Ingen eur gewesen bin, der sich über diese hohe 
technische Durchschnitts-Intelligenz von Amerikanern ebenso wie 
Engländern wundern und erfreuen musste. Dagegen erinnere 
ich mich — als ein Beispiel von vielen —, vor nicht langer 
Zeit von einem unzweifelhaft gebildeten deutschen 
Herrn bei einem Diner über den Tisch herüber die Bemerkung 
gehört zu haben, als vom Gas glühlicht, das in vielen Exemplaren 
allein im Zimmer brannte, die Rede war: „So! Ich dachte das 
Gasglühlicht würde durch Elektrizität betrieben!“ Dieser ge 
bildete Landsmann und jener amerikanische Droschkenkutscher 
sind mir oft als typische Erscheinungen in vergleichende Er 
innerung gekommen! Ja, geradezu erstaunlich müssen in dieser 
Beziehung oft behördliche Verfügungen noch in neuester Zeit 
berühren, die eine solche Unkenntnis in technischer 
Beobachtung der Gegenwart verraten, das auch unsere 
Industrie fast jedes Jahr sich solcher Missgriffe zu erwehren 
hat. Ich übergehe absichtlich hier den neuesten Fall dieser 
Art in seinen Einzelheiten, da unser Verein sich als solcher 
auf dem offiziellen Beschwerdewege befindet, und erwähne 
davon nur, dass, nachdem gerade in den letzten Jahren sich 
die Brände bei elektrischen Anlagen, auch solcher von 
ersten elektrotechnischen Firmen, in solchem Maasse vermehrt 
und in so prägnanten Beispielen hervorgetreten sind, wie 
z. B. in elektrischen Centralen, bei Ausstellungen, Theatern, 
Krupp’s Germaniawerft, der Comedie Fran^aise, und gerade in 
jüngster Zeit bei mindestens acht grossen Warenhäusern 1 ) 
(unter denen die Brände in München, Frankfurt a. M., Braun 
schweig und Rixdorf ganz besonderes Aufsehen erregten) — 
so dass man selbst von Damen, die jene Warenhäuser ja 
hauptsächlich besuchen, gefragt wurde, was denn eigentlich 
dieser gefürchtete „Kurzschluss“ sei —, dass da jüngst die Ver 
fügung eines deutschen Polizeipräsidiums erschien, welche in 
Warenhäusern lediglich die Elektrizität zulässt und 
das Gas vollständig ausschliesst. Man könnte auch in diesem 
Falle an den technischen Rat jener Behörde wohl die Frage 
richten, die bei Richard Wagner der Landgraf an Tannhäuser 
richtet, als dieser aus bekannten Gründen längere Zeit abwesend 
gewesen: „Sag an, wo weiltest du so lang?“ 
Nach Beweisen für die Notwendigkeit des kaiserlichen 
Wortes: „Wir brauchen sehr viele technische Intelligenz im 
ganzen Lande,“ brauchen wir also kaum in den unteren und 
oberen Schichten unseres Volkes zu suchen Wie aber wird 
eine solche bessere technische Intelligenz zu schaffen sein? 
Die technischen Hochschulen können, auch wenn sie ganz 
nach ihren eigenen Wünschen weiter ausgestaltet und unter 
stützt werden, hier nur einen Faktor bilden. Die Grund 
lage für eine Erweiterung der technischen Intelligenz muss 
vielmehr durch eine Reform der höheren Schulen und des 
B erecht igu ngswesens geschaffen werden, welche, dank 
dem frischen und zeitgemässen Impuls unseres Kaisers, jetzt 
von Neuem auf der Tagesordnung steht und sicherlich so bald 
nicht davon verschwinden wird, mögen auch die sehr grossen 
Nachdem Obiges niedergeschrieben, sind (am I. und 6 Juni c.) 
zwei weitere grosse Warenhäuser in Solingen und Brandenburg a. H. 
niedergebrannt, und geben die Zeitungen übereinstimmend „Kurzschluss“ als 
Ursache an.
        

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