Volltext: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukdnde in Stuttgart. 
Nr. 2 
Wenn aber unser Kaiser mit Recht Wert darauf legt, 
dass in Zukunft „die besten Familien“ ihre Söhne immer mehr 
der Technik zuwenden, so kann dies nicht allein durch das 
wachsende Ansehen der deutschen Technik, das er betont, 
sondern zunächst und zuerst nur durch thatsächliche 
Gleichstellung der höheren wissenschaftlichen Schulen ge 
schehen. Nur dadurch kann sich der Ingenieurstand einerseits 
die durch Familie und Tradition einflussreichsten Kreise der 
Gesellschaft ebenfalls zuführen und andererseits die besten 
Elemente aus sich selbst der wissenschaftlichen Technik er 
halten. 
Ein Vorurteil, das namentlich in vielen Regierungskreisen 
und auch im Parlament wiederholt hervorgetreten ist und das 
der Einführung jener Gleichberechtigung so oft entgegengehalten 
wird, ist die Meinung: als würden durch Freigabe aller Studien 
für alle Aibturienten der höheren Schulen die gelehrten Berufe, 
und namentlich der juristische und medizinische, eine Geber 
füllung erfahren. Diese Befürchtung dürfte sich in der Praxis 
bald als irrig erweisen. Denn einmal werden gerade jetzt, in 
Folge jener Bevorzugung, dem Gymnasium Kräfte zu 
geführt, die z. B. aus der Industrie und dem Kaufmannsstande 
stammen und sicherlich zu einem viel grösseren Teil auf real 
wissenschaftliche Schulen übergehen würden, wenn diesen nicht 
durch das leidige Berechtigungswesen der Makel der Inferiorität 
aufgedrückt wäre. Viele von diesen nehmen aber im Gym 
nasium mit ihren Mitschülern den Geist humanistischer Geber 
hebung in sich auf, und statt sich dem Berufe des Vaters und 
der Verwandten zuzuwenden, folgen sie ihren Mitschülern und 
wenden sich gerade solchen Studien zu, die ihrem Familien 
kreise, ihrer Tradition und Vererbung ganz fern liegen und 
deren Geberfüllung gerade befürchtet wird. Wenn aber durch 
Einführung der Gleichberechtigung manche üniversitäts^tudien 
neuen Zuwachs durch realwissenschaftliche Abiturienten er 
halten würden, so stände dem andererseits auch eine wahr 
scheinlich noch grössere Entlastung von den Elementen gegen 
über, die bisher dem Gymnasium nur durch das Berechtigungs 
wesen aufoctroyiert worden sind, sowie dadurch, dass 
wahrscheinlich sich dann auch die Zahl der Gymnasien, 
namentlich in den kleineren Städten, vermindern und damit 
der Zuzug zu den gelehrten Ständen abermals verringern 
würde. 
Bei freier Bahn für jede streng wissenschaftliche Schul 
ausbildung wird sich der Nachwuchs aller Berufsfächer in 
derselben einfachen Weise nach Angebot und Nachfrage regeln, 
wie wir dies ja z. B. in den erheblichen Schwankungen wieder 
holt erlebt haben, die im Staatsbaufach oder im Maschinen 
ingenieurwesen, sowie bei den juristischen Verwaltungsbeamten • 
einzutreten pflegen. Auf eine Periode zeitweiser Geberfüllung 
folgt von selbst ein verminderter Andrang und Zuwendung zu 
anderen Fächern, ünd wenn das Ansehen der deutschen 
wissenschaftlichen Technik einmal in Deutschland selbst, 
unter allen Gebildeten, ein ebenso grosses wird, wie es im 
Auslande schon viel länger der Fall ist, dann darf man nach 
Erfüllung der Gleichberechtigung der höheren Schulen mit viel 
grösserer Sicherheit umgekehrt annehmen, dass der Strom 
der Geberfüllung sich eher den technischen, als den gelehrten 
Berufsarten zuwenden wird. Denn viele höhere Beamten-. 
Militär- und Gutsbesitzerfamilien würden in heutiger Zeit ihre 
Söhne den höheren technischen Studien, z. B. der so allgemein 
beliebten Elektrotechnik, eher wie z. B. der medizinischen 
oder der Rechtsanwalts-Carriere, zuwenden, wenn nicht trotz 
der kaiserlichen Gleichstellung der Hochschulen das in allen 
höheren Regierungskreisen unverändert fortbestehende Dogma 
von der allein seligmachenden humanistischen Bildung auf 
den Gymnasien die Söhne jener Kreise immer wieder — mit 
nur seltenen Ausnahmen —- in die alten Bildungskanäle und 
Berufsarten lenkte. 
Aber wie viele Vorurteile sind auch sonst noch zu über 
winden ! So können wir uns auch nicht genug dagegen 
verwahren, als könne nur auf humanistischem Wege eine 
idealen Zielen zugewandte wissenschaftliche Bildung gegeben 
werden, und als führe die real wissenschaftliche Ausbildung im 
Grossen und Ganzen doch immer nur zum Kultus des goldenen 
Kalbes und zu einer materialistischen Lebensrichtung. Wohl 
kann es so sein! Aber, wo wir heutzutage hinblicken, sehen 
wir die Männer von Industrie und Handel überall mit an der 
Spitze, wo es gilt, ideale Aufgaben für unser Volk zu erfüllen, 
sei es auf sozialem Gebiete — und zwar weit hinausgehend 
über das, was der Staat in dieser Beziehung als Pflicht dem | 
Gnternehmer auferlegt —, oder sei es in wissenschaftlichen, 
gemeinnützigen Vereinen, oder auf ideal-nationalem und künstle- 
rischem Gebiete. Gnd je höher die Stellung des deutschen j 
Ingenieurs und Industriellen ist, um so mehr pflegt er gewöhn- j 
lieh mit Ehrenämtern überbürdet zu sein, die weitaus in den I 
meisten Fällen idealen Bestrebungen dienen. Sie stehen 
darin zum Mindesten keinem der aus humanistischen Studien I 
hervorgegangenen Berufsstände nach, sondern sind sogar noch j 
oft durch ihre in der Praxis entwickelte Intelligenz und Um 
sicht ganz besonders geeignet, solche idealen Aufgaben z. B. 
für das Volkswohl, auch in die Praxis zu übersetzen. Ja im j 
Gegenteil, gerade die Beschäftigung mit praktisch materiellen 
Zielen im eigentlichen Beruf entwickelt ganz naturgemäss für 
jeden wissenschaftlich Gebildeten das tief innere Bedürfnis 
nach einer idealen Ergänzung, und so sind wir unter 
einander in Fachkreisen oft selbst erstaunt, welche Wissenschaft- L 
liehen und künstlerischen Allotria — im besten Sinne des 
Wortes •— neben dem eigentlichen Berufe von Vielen unter 
uns gepflegt werden. Gnd um nur an einem Beispiel zu illu 
strieren, wie der Ingenieurberuf in keinerlei innerem Gegensatz 
zu idealer Bethätigung und Auffassung im Leben steht — vom 
Architekten ganz abgesehen, bei dem die künstlerische Seite 
ohnehin zu idealer Bethätigung im Berufe führt —, so sei hier 
an einen unserer bekanntesten und beliebtesten neueren Dichter: 
Heinrich Seidel, erinnert. Nur Wenige, welche in die 
seiner Zeit grösste Eisenbahnhalle des Kontinents, die des An- , 
halter Bahnhofs in Berlin, einfahren, ahnen, dass sie einst von 
diesem Dichter konstruiert wurde, der mehr als 7 Jahre ein 
ausübender, tüchtiger, also nicht ein verkrachter Ingenieur war, 
der etwa deshalb Dichter geworden, ünd wenn er schon 
während jener technischen Thätigkeit in seinen Mussestunden 
in einer anderen idealen Welt Ergänzung suchte, so lag diese:;u 
ideale Beschäftigung seines Geistes und seiner Phantasie keines-» | 
wegs, wie man gewöhnlich meint, »himmelweit getrennt« von 
seiner Berufsthätigkeit. Denn, so sagt er in einem seiner letzten 
Bändchen selbst, „das ist gar nicht der Fall und kann nur von 
denen angenommen werden, die von der schöpferischen und 
gestaltenden Thätigkeit des Jngenieurs keine Ahnung haben.“ 
Gnd diesem Gedanken hat Seidel in dem Album der letzten 
Berliner Gewerbe - Ausstellung folgenden sinnigen Ausdruck 
gegeben: 
»Konstruieren ist dichten», hab’ ich gesagt, 
Als ich mich noch für die Werkstatt geplagt. 
Heut' führ’ ich die Feder am Schreibtisch spazieren 
Und sage: »Dichten ist Konstruieren.» 
Dass ferner ein verstorbenes Ehrenmitglied unseres Vereins ;; 
Dramen schrieb und dass ein anderes Ehrenmitglied und eben- : 
falls Fachgenosse die deutsche Shakespeare-Gesellschaft be-| 
gründete, können natürlich nur flüchtig herausgegriffene Einzel-1; 
freispiele aus unserem Kreise dafür sein, dass, je höher die 1 
technische Intelligenz steigt, je natürlicher sie auch zu idealer 
Bethätigung im Leben führt, Hier wie bei den aus huma 
nistischen Lebenskreisen stammenden Männern 
spielt nach meiner Ansicht die individuelle Be- j; 
anlagung und Erziehung eine viel grössere Rolle ; 
als der zufällig genommene Bildungsweg. Auch ist 1 
auf der anderen Seite oft genug wahrzunehmen, wie unendlich 1 
nüchtern die Lebens bethätigung humanistischer Kreise inner 
und ausserhalb ihres Berufes sein kann. Denn jeder dieser , , 
Berufe bringt, wie sogar der eines Künstlers oder Kunstgelehrten, j- 
für Viele so viel Handwerksmässiges mit sich, dass von einer i 
idealen Berufsauffassung oft erstaunlich wenig übrig bleibt.! 
Gerne nehme ich davon unter anderen die Hochschulkreise aus, J j 
soweit sie selbständig forschen und nicht etwa bloss hand- j 
werksmässig die Gelehrsamkeit in mühseligen Kollektaneen zu- j 
sammentragen. Aber gerade die Befreiung von materiellen 1 
Sorgen, die dem gebildeten Ingenieur gewöhnlich früher gelingt jj 
als dem Beamten und Gelehrten, kann die Idealität der Lebens- j 
auffassung mindestens ebenso oft fördern wie im Gegenteil das I 
Ausharrenmüssen in beschränkten Lebensverhältnissen den Idea- 1 
lismus leicht herabdrückt. Es kommt deshalb gar nicht selten fl 
vor, dass diese auf humanistischer Grundlage stehenden Berufs- j| 
arten sich namentlich im späteren Leben sehr materielle Er- | 
gänzungen und Beschäftigungen suchen, ganz abgesehen davon, 
dass, wie schon erwähnt, das nüchtern Handwerksmässige in 
jedem Beamten- und Gelehrtenberufe meist eine viel grössere
	        

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