Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Axe des neuen Stegs würde an der Ulmer Seite auf die Adlerbastei 
oberhalb des Erkers treffen und unter Umständen eine unmittelbare 
Fortsetzung durch den Spitalhof gegen die Sammlungsgasse hin er 
halten können. 
Damit wäre allerdings für Fußgänger eine möglichst rasche 
Ueberschreitung der Donau gegeben. Mindestens ebenso wichtig er 
scheint aber die Frage der Herstellung einer weiteren Fußstegver 
bindung im Anschluß an die Eisenbahnbrücke. 
Vermöge der bedeutenden Höhenentwicklung des Württember 
gischen Ufers an der Adlerbastei, welche zur Ausführung einer Treppen 
anlage auf der gegenüber liegenden Neu-Ulmer Seite führen wird, 
erscheint die Stegbaustelle besonders geeignet, die Donau hier mit 
einem großen Bogen von entsprechender Pfeilhöhe zu überspannen 
und behuf möglichster Verringerung der Rüstungsarbeiten eine Kon 
struktion aus Zement und Eisen zu wählen, wie sie für die neu zu 
erbauende große gewölbte Brücke in Bern auch in Vorschlag gebracht 
worden ist. — Die Pfeilhöhe ist hier so bedeutend, daß eine vor 
zügliche Bogenform zu erreichen wäre. Bei der letzten Stuttgarter 
Ausstellung war projektiert, als Ausstellungsobjekl einen Betonbogen 
von annähernd 100 in Spannweite über den Stadtgarten hinweg 
herzustellen. Das Projekt kam mit Rücksicht auf die wenig befrie 
digende Wirkung, die ein solch ungeheures, an sich zweckloses Bau 
wesen gemacht haben würde, nicht zur Ausführung. Hier wäre eine 
Gelegenheit gegeben, eine Betonbrücke von den größten Maßen 
wirkungsvoll in eine wunderschöne Naturumgebung einzufügen. Jeden 
falls werden reine Eisenkonstruktion, Eisen mit Zement und reine 
Betonkönstruklion konkurrieren. Die einheimische Zementindustrie 
wird sich eine solche Gelegenheit znm Nachweis ihrer Leistungsfähig 
keit auch bei den höchsten Anforderungen nicht entgehen lassen. 
So können wir mit Ruhe der Weiterentwicklung der Verkehrs 
verhältnisse zwischen beiden Ufern entgegensehen. Mögen sich die 
beiden Städte immer fester zusammenschließen. Die gemeinschaft 
lichen Interessen erfordern gemeinsame Arbeit. 
Astronomische Betrachtungen über das Endliche und das Unendliche im Universum 
Vortrag von Fabrikant Tesdorpf, gehalten am 19. März 1898. 
Wo und zu welcher Zeit der vergangenen Geschichte wir die 
Thätigkeit der Kulturvölker einer Betrachtung unterziehen, finden wir, 
daß durch den überwältigenden Anblick des über uns scheinbar aus 
gespannten Himmelsgewölbes, des Firmaments, sich nicht nur der 
Wunsch, sondern auch das ernsthafte Bestreben kundthat, die Lage 
der Millionen und Milliarden Gestirne in einem Rahmen unterzu 
bringen, der es ermöglicht, einen Vergleich für die jeweilige Gegen 
wart, sowie auch für die nachfolgenden Geschlechter anzustellen. Die 
Wandlungen, die unsere Mutter Erde seit Jahrtausenden gleich Mil 
liarden von Weltkörpern nach bestimmten Gesetzen durchgemacht hatte 
und weiter durchmachen mußte, diese Rätsel der wunderbaren Schöpfung, 
sie liegen heute klarer vor uns, als ehedem. 
Wie so mancher kühne Seefahrer, welcher von der Ueber 
zeugung gedrängt, in dieser oder jener Himmelsrichtung auf unserem 
Erdball ein neues Land, einen neuen Weltteil finden zu müssen 
glaubte, den sicheren Heimatshafen verließ, sich dem wilden Element 
preisgab, um seine Forschungen zu befriedigen, das Gesuchte entweder 
nicht fand oder in ganz anderer Ausdehnung und Beschaffenheit 
entdeckte, so ging es und geht es auch heutzutage denjenigen zuweilen, 
die sich mit Beobachtungen in dem Sternenmeer verlieren, um die 
Astronomie zu bezeichnen. Manches Gestirn, welches das Auge des 
Astronomen beglückt, ist nur ein Gast, der hundertjährig wiederkehrt, 
-oder ein solcher auf Nimmerwiedersehen. Da heißt eS, aus wenigen 
Beobachtungen die Bahn desselben zn bestimmen, — auf Entfernungen 
von Millionen von Meilen den Pfad des leuchtenden Wanderers, den 
dieser durch das Universum unternimmt, zu berechnen. Wie die 
Philosophie aus scheinbar unergründlichen Geistestiefen die Lichtquelle 
erschloß, die erhellend auf Geist und Gemüt einwirkte, so lehrt uns 
die Astronomie erst recht begreifen, wie unermeßlich groß das Uni 
versum ist und giebt uns einen Maßstab an die Hand, jene Lichtquelle, 
welcher wir unser Dasein auf unserer kleinen Erde unter den ob 
waltenden Verhältnissen vor Jahrtausenden verdankten und nach 
Jahrtausenden noch verdanken werden, in Bezug auf Größe, Intensität 
und Entfernung zu ermessen. 
Auf Entfernungen von Millionen von Meilen übt der Mensch 
die Kunst, den Sonnenstrahl durch ein künstlich geformtes Glas (das 
Prisma) zu fesseln und erkennt durch scharfe Beobachtung aus dem 
sich entwickelnden Spektrum, welche Substanzen und in welchen Mengen 
dieselben jeweils in jenen unendlichen Fernen in der Auflösung und 
Verbrennung begriffen sind. Heutigen Tages verfügt die Wissenschaft 
auf dem Gebiete der Spektral-Analyse über eine große Anzahl von 
Sternuntersuchungen und fanden sich dadurch ähnliche und gleiche 
Beziehungen, wie auf unserer Erde. 
Dank der sich immer mehr und mehr entwickelnden Technik wissen 
wir, daß z. B. jene als permanente Nebel in einzelnen Sternbildern, 
in dem Orion und in der Milchstraße bezeichneten Gebilde sich bei 
genügender Fernrohrvergrößerung als neue Weltensysteme, — ähnlich 
unserem Sonnensystem — entpuppen, wobei noch weiter die Möglich 
keit, ja Gewißheit herrscht, daß diese unser Sonnensystem weit an 
räumlicher Ausdehnung übertreffen. Der Reformator der Astronomie, 
der unsterbliche Copernikus, dessen Name unauslöschlichen Glanz 
auch für spätere Geschlechter behalten wird, welcher im Jahr 1473 
zu Thorn geboren wurde, war es, der den Zauber der Schöpfung 
zuerst richtig erkannte. Die Erde galt damals als Zentrale der 
Welt, um die sich die übrigen Gestirne drehen sollten. Als unan 
tastbar hielt die damalige Kirche diese Anschauung aufrecht. „Und 
sie bewegt sich doch" ist ein unsterbliches Dictum geblieben für die 
Träger und Vertreter der Astronomie, sowie für die wissenschaftlichen 
Forschungen bedeutungsvoll erhebend, und auch wiederum zermalmend 
und niederschmetternd geworden für die Verächter des geistigen Auf 
schwungs. Copernikus war es, der die Astronomie zuerst den be 
stehenden Wissenschaften anreihte und den Grundstein legte, auf 
welchen sich die späteren Wissenschaften stützten. Tycho de Brahe, 
unser Landsmann Keppler und Galilei bauten zunächst auf den 
gegebenen, fest fundierten Säulen das neue Himmelsgewölbe aus. 
Die von Keppler aufgestellten Gesetze begründeten die Mechanik des 
Himmels, indem auf Grund seiner Berechnungen die für ewige Zeiten 
unumstößlichen astronomischen Gesetze niedergelegt und die Beweise 
klar und scharf, zweifellos entwickelt wurden dafür, 
1) daß der Radiusvector eines Gestirns in gleichen Zeiten gleiche 
Flächen beschreibt; 
2) daß die Quadrate der Umlaufszeiten zweier Planeten sich zu 
einander verhalten, wie die dritten Potenzen ihrer mittleren 
Entfernung von der Sonne. 
Welcher Unterschied liegt zwischen den von Keppler aufgestellten 
Gesetzen und dem Sonnenkultus der Helenen, die ihren Apoll auf 
seinen Sonnenrossen morgens von der Göttin Aurora Abschied nehmen 
ließen, um abends beim Niederfahren Labung in den erquickenden 
Wellen des Ozeans zu suchen, welchem Zuge bei beginnender Dunkel 
heit seine Trabanten „Mond und Sterne" in unzählbarer Menge 
folgten, um auf der Fahrt um die Erdscheibe den Pfad mit dem 
Abglanz seiner von dannen gezogenen Herrlichkeit bis zum komnien- 
den Morgen zu beleuchten. Unsere Erde mußte in der Phantasie 
ihrer Bewohner sich der Mode unterwerfen und je nach dem zeitweisen 
Geschmack eine ihr zugedachte unmögliche Gestaltung und Gewandung
	        

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