Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

No. 3 Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukünde in Stuttgart. 19 
niederen Häusern zu den Mietspreisen, welche von ihr festgestellt 
worden s'nd, eine Rente zu erzielen. 
Denn wenn man mit den Mieten hätte wesentlich in die 
Höhe gehen müssen, so wäre der Hauptzweck des ganzen 
Unternehmens, billige und doch gesunde Wohnungen zu be 
schaffen, in Frage gestellt gewesen. 
Ein Ausgleich für das weitere Stockwerk ist jedoch dadurch 
gebildet, dass auf der Rückseite ein grosses Gelände unüberbaut 
bleibt. 
Was die Grösse der Wohnungen anbelangt, so hat 
sich als zweckmässig erwiesen, zweizimmerige und dreizimmerige 
Wohnungen zu erbauen. Wohnungen von einem Zimmer 
kommen nur ausnahmsweise in Dachstockwerken vor, während 
vierzimmerige noch nicht erstellt worden sind. 
Die Zweizimmerwohnungen erhalten zwei Zimmer 
von 15 — 18 qm Grundfläche, wobei auf eine Zimmertiefe von 
Fig. 2. 
4 m gesehen wird, um eine Stellwand für zwei je 1,90 m 
lange Betten zu gewinnen, eine Küche von 6—7 qm (2 X 3 m), 
welcher in den oberen Stockwerken eine offene Veranda aus 
Eisen vorgelegt ist, ferner einen Abort von 90 cm Breite und 
ca. 1,50 m Tiefe. Dazu gehört noch im Sockelgeschoss ein 
kleiner Keller von ca. 4—5 qm, Holzlege von 3—5 qm und 
im Dachstock noch eine Schlafkammer von 1,80 m Breite. 
Häufig ist auch noch zu gemeinschaftlicher Benützung ein 
Waschtrockenraum und in den Eckhäusern eine Waschküche 
vorhanden. 
Die Verteilung der verschiedenen Arten von Gebäuden 
geschah stets so, dass die Hälfte mit zweizimmerigen Wohn 
ungen ausgestattet wurde, weil diese am schnellsten vermietet 
werden können. Die Gebäude mit dreizimmerigen 
Wohnungen rentieren zwar etwas besser, es kommt 
aber hin und wieder vor, dass ein solches leer steht. 
An den Ecken werden Bäckereien, Spezerei 
läden gebaut; auch zwei Wirtschaften sind in den 
Gebäuden eingerichtet. 
Die Ausbildung der Faqaden erschwert der 
Umstand, dass fast jede Wohnung nach der Strasse 
zu zwei annähernd gleich breite Zimmer hat, die 
innere Einteilung also gerade an der Vorderseite bei 
allen fast dieselbe ist. Dagegen ist es häufig, dass ein 
Zimmer mehr als 4 m Tiefe hat. Man suchte dann 
dadurch mehr Abwechslung zu gewinnen, dass man 
dem tieferen Zimmer zwei Fenster oder ein Doppel 
fenster gab, dem weniger tiefen nur eines, welches 
dann die Breite von 1,10—1,30 m erhielt. Nach 
unseren Erfahrungen genügt ein solches Fenster C 
vollständig zur Beleuchtung eines Raumes von 
ca. 16—18 qm. 
Dem Bestreben des Vereinsvorstandes, Herrn 
Geh. Hofrat Dr. v. Pfeiffer, möglichst Abwechslung 
in die äussere Erscheinung der Gebäude zu bringen, wurde 
ferner dadurch zu entsprechen versucht, dass hin und wieder 
Erker, Balköne, offene Loggien oder auch kleine Turm 
aufbauten, Giebel, verzierte Dachläden angebracht worden sind, 
wobei verschiedenes Mateiial, Holz, Backstein und Hausteine 
mit einander abwechseln. 
Auch versuchten wir einige Faqaden als reine Back 
steinbauten auszubilden, mit Fensterbänken aus profilierten 
Backsteinen und Giebelabdeckungen aus kleinen glasierten 
Ziegeln. Es mussten allerdings oft viele Steine besonders ge 
formt werden, doch sind uns die Ziegeleien (Aktienziegelei 
in Waiblingen und Ziegelei Höfer in Stuttgart) stets sehr bereit 
willig an die Hand gegangen. Bei scheitrechten Bögen 
musste z. B. jeder Bogenstein eigens geformt werden. 
Ausser dem nun beinahe ausgebauten Ostheim beabsichtigt 
der Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen, noch eine 
weitere Arbeiterkolonie im Westen von Stuttgart zu erbauen. 
Letztere, „Westheim“ genannt, liegt an einem Abhang, der 
sich in einem grossen Bogen bis nach dem Vorort Bothnang 
hinzieht. Als Hauptzugang dient die Neue Stuttgarter Strasse. 
Gegenüber auf der anderen Seite des Baches steigt der schöne 
Buchenwald an, und im Rücken ist in kurzer Entfernung der 
Schwarzwildpark; . sodass man wohl jetzt schon voraussagen 
kann, dass die künftige Kolonie mit vortrefflichen Luftverhält 
nissen versehen sein wird, um so mehr, als Fabriken sich des 
bergigen Geländes wegen und aus Mangel an Bahnverbindung 
wohl kaum in nächster Nähe festsetzen werden. 
Bothnang hat in gesundheitlicher Beziehung überhaupt eine 
günstige Lage, wie aus den Sterblichkeitsziffern ersichtlich ist. 
Namentlich im Sommer dürfte der Aufenthalt dort äusserst 
erfrischend sein, wenn man aus dem Dampf des Stuttgarter 
Kessels in die Waldidylle von Bothnang-Westheim gelangt. 
Dabei ist die Entfernung vom Feuersee nicht grösser als 
diejenige Ostheims vom Schlossplatz. 
Die Grundverhältnisse sind normale, nach kurzem 
Graben gelangt man auf festen Baugrund oder Fels, der 
allerdings teilweise Wasser führt, letzteres ist aber leicht ab 
zuleiten. 
Bei Beginn unserer Projektarbeiten sind uns die von der 
Gemeinde festgelegten Strassenzüge, welche bis zu 9 pCt. 
Steigung aufweisen, massgebend gewesen. Ausserdem sind 
mehrere Staffelstrassen vorhanden. 
Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass die be 
deutenden Höhenunterschiede auf die Gestaltung der ganzen 
Kolonie von grundlegendem Einfluss sind. 
Denn einerseits ergibt sich aus der Lage als das natür 
lichste eine einfache Behandlung der Architektur in ländlichem 
Charakter mit reichlicher Verwendung von Holz, andererseits 
aber erwachsen dem Verein höhere Kosten, als dies bei ebenem 
Gelände der Fall wäre, durch Treppenanlagen, Vorgarten 
mauern u. dgl., die äusserste Sparsamkeit zur Pflicht machen. 
An der Neuen Stuttgarter Strasse sind Vorgärten 
von 3 m Breite vorgeschrieben, sodass das Trottoir am Haus 
ca. 3 m über demjenigen der Strasse zu liegen kommt. Eine 
wirkliche Zufahrt zu jedem einzelnen Haus ist also nicht möglich. 
Da es nun aber unumgänglich nötig erscheint, auch Läden 
direkt an der Strasse zu gewinnen, so hat man zu dem Aus 
kunftsmittel gegriffen, einstöckige Vorbauten in die Vor 
gärten einzubauen. Gleichzeitig erreicht man hiedurch in der 
Strassenperspekfive mehr Abwechslung. 
Auf der untern Seite der Stuttgarter Strasse fällt das 
Gelände sehr steil ab; an dem See kann daher gar nicht gebaut 
werden oder nur mit sehr hohen und teuren Stützmauern. 
Thalaufwärts ist beabsichtigt, den Hofraum um einen Stock tiefer 
zu legen, als die Hauptstrasse sich befindet, und in die ge 
wonnenen Souterrainräume kleinere Geschäfte (Schuhmacher, 
Schneider u. dgl.) aufzunehmen. 
Angestrebt ist im Bebauungsplan eine Verbindung von 
offener mit geschlossener Bauweise, so jedoch, dass 
die Vorzüge beider zur Geltung kämen. 
Die Vorzüge der offenen Bauweise liegen in der reichlichen 
Luftzufuhr und den guten Lichtverhältnissen, diejenigen der 
geschlossenen in der verhältnismässig billigen Herstellung, da 
Fig. 3.
	        

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