Volltext: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Monatsschrift des Württembo. Vereins für Badkunde in Stuttgart. 
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Abwässern besser bei den städtischen Abwässern als bei den 
Fabrikabwässern verfolgen. 
Der Gedanke lag nahe, der Landwirtschaft, welche die 
Produkte zur Ernährung der Städte liefert, die Abfallstoffe zur 
Düngung des Bodens zurückzugehen. Die Versitz- und Schling 
gruben wurden durch undurchlässige ersetzt. Da man hierbei 
auf Schwierigkeiten stiess, auch die Räumung der Gruben 
Unannehmlichke.ten mit sich brachte, so wurden Kübel und 
Tonnen eingeführt. Es entstand das System der geregelten 
Abfuhr, welche von Unternehmern oder den Stadtverwaltungen 
in eigener Regie besorgt wird. Dieses System besteht auch 
heute noch zu Recht und es hat unverkennbare Vorteile. Aber 
es hat als Nachteil zunächst den, dass es nur bis zu einer 
gewissen Grösse der Städte durchführbar ist. Ferner stockt ab 
und zu die Abfuhr, da die Landwirte die Abfallstoffe, die 
Fäkalien, um die es sich hier besonders handelt, nur zeitweise 
gebrauchen können. Mit der Aufstapelung des Materials treten 
aber, selbst nach wenigen Tagen, in der Grube Stickstoff 
verluste auf, welche dessen Dungwert vermindern. Diese Ver 
luste suchte man durch Zugabe von Chemikalien und physi 
kalisch wirkenden Mitteln zu den Fäkalien zu verhüten. Man 
war hierbei bestrebt, lästige Geruchsentwicklungen zu be 
seitigen, nach Umständen auch zu desinfizieren. Das Torfstreu 
verfahren (-Kloset) darf in dieser Richtung als der beste Vor 
schlag erachtet werden. Bei zentraler Aufstapelung der Fäkalien 
leisten die Verfahren der Poudrettierung und Kompostierung in 
dieser Hinsicht gute Dienste. Sie liefern ein haltbares und 
transportfähiges Material, welches leider durch seine Herstellungs 
kosten einen schweren Konkurrenzkampf mit den sogenannten 
künstlichen Düngemitteln (Chlorkaliumindustrie,Thomasschlacken 
mehl, Guano) zu bestehen hat. 
Mit der Einführung der Schwemmkanalisation schlug die 
Forschung der Abwasserreinigung eine vollkommen andere 
Richtung ein. Die verdünnte Kanaljauche ist für eine direkte 
landwirtschaftliche Verwendung unbrauchbar; sie ist ärmer an 
Nährstoffen, der grosse Wasserballast erhöht zu stark die 
Verfrachtungskosten. Das Bestreben ging dahin, die Dung- 
stoffe aus der Kanaljauche herauszuholen und diese der Land 
wirtschaft zu gute kommen zu lassen; so entstanden die Klär 
verfahren. Im wesentlichen nutzen diese die Unterschiede des 
spezifischen Gewichtes aus; die ungelösten Stoffe scheiden sich 
durch ihre grössere Schwere von dem flüssigen Anteil der 
Jauche ab. Diesen Vorgang hat man durch Zugabe von 
Chemikalien zu begünstigen versucht, welche beschwerende 
Niederschläge bewirken. Die Vorschläge in letzter Beziehung 
sind nahezu unzählig; am meisten wurde der Kalk benutzt, 
ohne oder mit Zusatz der verschiedenartigsten Stoffe. Diese 
Verfahren finden sowohl vereinzelte, wie zentrale Anwendung. 
Man baut Gruben mit Ueberlauf oder doppelte Gruben für das 
einzelne Haus, oder man sammelt das Kanalwasser in 
Zentralbassins. Durch die Bauausführung wurde die 
mechanisch-chemische Klärung vervollkommnet, nach 
Umständen wurde sie noch durch maschinelle Einrich 
tungen unterstützt. Auch hier machte sich bald der 
Missstand fühlbar, dass man das gewonnene Material, 
die Klärrückstände, nicht los werden konnte. Die 
selben vermehren sich durch die chemischen Zusätze 
und werden durch diese auch landwirtschaftlich minder 
wertiger. 
Wo es die Bodenverhältnisse zuliessen, ist man dazu über 
gegangen, die Jauche durch den Boden zu reinigen, durch 
Filtration und Berieselung. Neuerdings hat man die komplizierten 
Verhältnisse, in welchen die reinigende Kraft des Bodens beruht, 
Lus künstlichem Wege nachzubilden versucht; hierauf beruhen 
vornehmlich die sogenannten biologischen Verfahren der Ab 
wasserreinigung. 
Von einigen belanglosen Versuchen der Verwendung von 
Elektrizität (das Web st er’sehe und das Hermite’sche Ver 
fahren) abgesehen, bewegte sich die Forschung der Abwasser 
reinigung immer in diesen Bahnen. Heute ist man durch 
eingehendes Studium der einzelnen physikalischen und chemischen 
Vorgänge bei erprobten Verfahren bestrebt, denselben noch 
anhaftende Nachteile zu beseitigen oder zu verringern. 
Es konnte nicht Aufgabe einer allgemeinen Weltaus 
stellung sein, ein Bild der historischen Entwicklung einer 
speziellen Frage der praktischen Hygiene zu geben; die Vor 
führungen in Paris im Jahre 1900 sollten vielmehr nur einen 
orientierenden Einblick über den gegenwärtigen Stand dieser 
Frage geben. Es ist eine erfreuliche Thatsache, dass sich hieran 
Deutschland gegenüber anderen Ländern am meisten beteiligt 
hat, insbesondere durch die vom kaiserlichen Gesundheitsamt 
vorbereiteten Vorführungen. Wenn diese auf Vollständigkeit 
keinen Anspruch machen durften, so lag dies an äusseren 
Gründen, nicht zum mindesten an dem bedauerlichen Umstande, 
dass der nötige Raum nicht verfügbar war; dass sie gleichwohl 
Beachtung gefunden haben, dafür spricht, dass die Aussteller 
fast ausnahmslos von den Preisrichtern mit ehrenden Auszeich 
nungen bedacht wurden. In Nachfolgendem sollen die vor 
geführten Verfahren besprochen und daran Kritik geübt werden, 
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in wie weit man auf Grund der Erfahrung früher erkannte 
Nachfeile auszugleichen vermochte. 
Die rein mechanische Klärung ohne Zusatz von 
Ghemikalien war durch ein Modell der Schmutzwasser- 
Reinigungsanlage der Residenzstadt Kassel vertreten. Die 
Anlage in Kassel (Fig. I a und 1 b) reinigt zunächst die Abwässer 
von 90 000 Menschen, da in einem Stadtteil die im Bau begriffene 
Kanalisation noch nicht beendet ist. Es sind fünf Klärbecken 
(K) angelegt, deren jedes 40 m lang, im Durchschnitt 4 m breit 
und 3,5 m tief ist; die Sohlen haben in der Durchfiussrichtung 
ein Gefälle von 1: 100. Irgend welche Vorrichtungen zum 
Abfangen der Schwimm- und Sinkstoffe, wie Siebe, Schlamm 
fänge, Wehre oder Eintauchplatten, sind in diese selbst wie in 
die Zuflussleitung nicht eingebaut. Damit ist der Vorteil erreicht, 
dass die Beseitigung der Rückstände von einem Punkte aus auf 
maschinellem Wege bewerkstelligt werden kann. Die Becken 
werden der Reihe nach in Gebrauch genommen, sodass der 
Betrieb ein ununterbrochener ist; gleichwohl befindet sich das
	        

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