Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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mußten. Die Ortsbrücken waren fort, die Mühlwehre ebenfalls, alle 
Verbindungswege fehlten; die schönsten Gärren, die fruchtbarsten 
Aecker waren in Wüsten, Kiesbänke und Trümmerfelder verwandelt, 
das Dorf bot ein arges Bild der Zerstörung. 
Endlich hatte sich die Flut, durch Zuflüsse immer wachsend bis 
zur Balinger Markung gewälzt, unaufhaltsam bahnte sie sich immer 
breitere Wege, überdeckte die schönen Obstgärten in Wolfenthal ober 
halb Balingen ganz, entwurzelte oder entrindete die Obstbäume, zer 
brach die Feldwegbrücken und das Wehr bei der oberen Mühle, riß 
die dortige Sägmühle samt den schweren Wasserrädern weg und 
setzte die am Balinger Mühlkanal und an der Eyach liegenden 
Gebäude unter Wasser. Die Leute flüchteten auf die Bühnenräume, 
von wo aus sie mit Feuerleitern teilweise gerettet werden konnten. 
Das Haus eines Fuhrmanns stand nahe der Eyach und wurde weg 
gerissen, wobei die Mutter mit 5 Kindern ertrank; der Mann jedoch 
wurde durch eine Welle gegen ein Haus geschleudert, wo er sich an 
einem Fensterladen anklammerte, bis ihm Hilfe gebracht werden 
konnte. Schon tags zuvor war ein Mann in Balingen beim Holz 
fischen ertrunken, dessen Häuschen stand im Bereiche des Hochwassers 
und es folgten dem Hausvater am 5. Juni die Frau und 3 Kinder 
im Tode nach, 2 Kinder wurden aus dem Häuschen gerettet. 
Groß war auch hier der an dem Viehstande und an den Baum 
gütern angerichtete Schaden. Die Holzbrücke beim Wassertnrm, das 
dortige Wehr, die schwarze Brücke wurden ein Raub der Flut, die 
gewölbten Brücken in den Straßen gegen Heselwangen und Engstlatt 
«erlitten solche Beschädigungen, daß an der ersteren Brücke nur noch 
die gerissenen Bogen standen, während Geländer und Stirnmauern 
weggeschwemmt wurden und an der letzteren ein Trümmerberg von 
Hölzern, Bäumen und Hausgeräten sich aufstaute, sodaß nahezu kein 
Wasser mehr durch die Brückenöffnungen durch konnte, vielmehr die 
ganze Brücke wie ein festes Wehr mit 4 m hohem Aufstau wirkte. 
Die Fluten brachen auf dem rechtsseitigen Eyachufer durch, zerstörten 
die dortige Kunstgärtnerei samt den Treibhäusern, rissen die Staats 
straße in tiefem Graben auf, legten einen großen Teil der nahen 
Kirchhofmauern um, wobei ganze Reihen von Grabsteinen umge 
worfen und einige Särge weggespült wurden. Das ganze Thal bot 
ein Bild grauenhafter Zerstörung, das sich bis an die Landesgrenze 
.gegen Owingen hinabzog; erst von dort ab konnte sich der Fluß in 
dem breiteren Thale so ausdehnen, daß erhebliche Beschädigungen 
nicht mehr vorkamen. Im Ganzen wurden an der Eyach 8 größere 
und gegen 30 kleinere Brücken zerstört, sowie 13 Wehre weggerissen; 
41 Menschenleben fielen dem Hochwasser zum Opfer. 
Die Schlichem verursachte auf den Markungen Thieringen und 
Hausen a. T. großen Flurschaden, in Rathshausen drang sie in die 
Häuser ein, so daß einiges Vieh verloren ging, die Holzbrücken und 
Wehre wurden alle weggerissen, auch hatten die Flußufer stark mit 
gelitten, doch war kein Verlust an Menschenleben zu beklagen. 
Die Schmiecha beschädigte die Thailfinger und Truchtelfinger 
Brücken und setzte einen großen Teil der Stadt Ebingen unter Wasser. 
Da das Flußbett durch die Stadt zu eng war, so wurden die Ufer 
mauern unterwaschen und zum Einsturz gebracht, auch einige Ge 
bäude mußten durch Absprießungen gegen Einstürzen gesichert werden. 
Groß waren überall die Hochwasserverheerungen und groß der 
Schaden, welchen schnell eingesetzte Kommissionen an den folgenden 
Tagen und Wochen abzuschätzen und zu berechnen sich eifrig bemühten. 
5. Maßregeln zur Beseitigung des Schadens. 
So gewaltig, so unvorhergesehen und vernichtend das Hoch 
wasserunglück über den Bezirk hereinbrach, so großartig, so umfang 
reich und vielseitig war die Hilfe, die den Ueberschwemmten sofort 
zu teil wurde. Kraft und Mut der schwer betroffenen Einwohner 
waren nach Verfluß der Angstnacht und den Schrecken und Ueberan- 
strengungen der folgenden Tage gebrochen, schnelle Hilfe that not 
und sie kam bald in ausgiebigstem Maße. 
Noch in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni wurde von dem 
K. Oberamt Balingen das K. Ministerium des Innern telegraphisch 
von dem furchtbaren Unglück benachrichtigt, worauf in derselben Nacht 
der Vorstand der K. Straßen- und Wasserbauverwaltung Herr Prä 
sident von Leibbrand mit Herrn Oberbaurat v. Euting und Herrn 
Oberbaurat Ehmann an die Unglücksstätte abreisten, hinterlassend, 
daß sich das gesamte Personal des hydrographischen Bureaus zur 
sofortigen Abreise bereit zu halten habe. Am 6. wurde letzteres 
schon nach Balingen befohlen und der Eyach entlang verteilt. Der 
Verkehr hatte fast gänzlich aufgehört und es war schwer, Menschen- 
und Tierleichen zu bergen, weil Brücken und Wege fehlten. Da es 
an geübten Leuten für die Bauarbeiten fehlte, so wurde am 6. Juni 
um Zusendung von Pionieren nach Ulm depeschiert, am 7. Juni in 
der Frühe kamen 1 Offizier und 84 Mann, einschließlich der Unter 
offiziere, in Balingen an, wo sie von Herrn Präsident von Leib- 
brand sofort nach dem Umfang der Notstandsarbeiten auf die ein 
zelnen Orte bis hinauf nach Pfeffingen verteilt wurden. Jeder 
Pionierabteilung war ein Techniker beigegeben, die Oberaufsicht führten 
Herr Präsident v. Leibbrand und Herr Oberbaurat v. Euting. 
Der Herr Staatsminister des Innern v. Pischek traf am 7. Juni 
morgens ebenfalls in Balingen ein, besuchte sämtliche betroffenen 
Ortschaften und traf die weitgehendsten Anordnungen, um die Schäden 
in thunlichster Bälde so weit als möglich zu beseitigen. In strömen 
dem Regen wurde ununterbrochen gearbeitet, die Brückenöffnungen 
wurden freigelegt, die Straßen gesäubert und fahrbar gemacht, die 
Erstellung von Notbrücken und Notstegen war rasch begonnen und 
obgleich die nötigen Hölzer größtenteils zuerst in den Waldungen 
gehauen, oder aus den Trümmerhaufen gerissen werden mußten, so 
konnte doch Seine Majestät der König, höchstwelcher am 8. Juni 
morgens in Balingen eintraf, seine wackeren Pioniere und seine 
Techniker in voller Thätigkeit beim Brücken- und Wegbau, beim 
Unterfangen von Häusern und bei den mannigfachen Räumungs 
arbeiten sehen, sich entlang der Eyach von dem namenlosen Unglück 
überzeugen, aber auch durch landesväterlichen, innigen Zuspruch die 
niedergeschlagenen Gemüter wieder aufrichten. Der ganze Bezirk war 
Seiner Majestät dem König überaus dankbar für diese aufopfernde, 
persönliche Anteilnahme; ein starkes Hoffen auf Hilfe erwachte in den 
niedergeschmetterten Bewohnern und Hilfe sagte Seine Majestät zu, 
mit der Versicherung, daß von staatlicher Seite alles geschehen werde, 
was menschliche Hilfe vermöge. 
6. Staatshilse. 
Die technischen Beamten, welche am 6. Juni in das Ueber- 
schwemmungsgebiet abgegangen waren, leiteten in erster Linie die 
Arbeiten der Pioniere, bald zeigte es sich aber, daß mit den Not 
bauten nur vorübergehend geholfen sei, es war im ganzen Thalgang mit 
den Holzbauten nichts haltbares geschaffen, man stand vor der 
Erbauung einer ganzen Reihe fester Brücken, Wehre, Straßen, Wege 
und Stege und vor der Beschaffung neuer Wohnungen an Stelle der 
weggerissenen Häuser. Der Staat nahm die ganze Bauleitung in 
die Hand, beließ die Techniker vorerst bei den Pionieren, beauftragte 
sie jedoch, nebenher Geländeaufnahmen zu machen, so daß die Weite 
der Brücken und ihre Lage bestimmt, die Planbearbeitungen gemacht 
und die Eisenkonstruktionen zu den Brücken bestellt werden konnten. 
Durch Ministerial-Erlaßvom 18. Juni wurde ein Baubureau in 
Balingen errichtet, das, mit den Rechten und Pflichten einer Straßen 
bau-Inspektion ausgestattet, sich ausschließlich mit den Wiederher 
stellungsarbeiten im Ueberschwemmungsgebiet zu befassen hatte. Zum 
Vorstande wurde meine Wenigkeit bestimmt und wurden mir 5 Bau 
führer, 1 Geometer und 2 Baugehilfen zugeteilt, die ihre Wohnsitze 
in Balingen, Frommern, Laufen, Margrethausen und Rathshausen 
zu nehmen hatten. Außerdem arbeiteten an der Fertigstellung der 
nötigen Pläne für die Korrektionen Herr Bauinspektor Gugenhan 
und Herr Abt.-Jng. Bechtle, während die HH. Bauinspektoren 
Mederle und Gugler die Zeichnungen und Berechnungen für die 
Brückenoberbauten fertigten. Sämtliche Verträge über die Lieferung 
dieser Brückenoberbauten schloß Herr Oberbanrat von Euting mit 
den einheimischen Fabriken von Hildt LMezger in Berg, Leins 
& Comp, in Stuttgart, Wälde, Kade & Erath in Steinbach 
und der Maschinenfabrik Eßlingen ab. Die Wiederherstellung der 
städtischen Wasserleitung für Balingen lag in den Händen des Herrn 
Oberbaurats Ehmann. Die Ausarbeitung der Wehrpläne hatten
	        

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