Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukdnde in Stuttgart. 
No. 10 
Vom Panama- und Nicaraguakanal. 
Aus dem Vortrag von Geh. Baurat Professor Koch in Darmstadt am 19. und 26. Oktober 1901.*) 
Der Vortragende, der sieben Jahre lang der Kommission des 
Nordostseekanals angehörte, wurde nach dem Zusammenbruch 
der Lesseps’schen Compagnie universelle du Canal interoceanique 
zum Mitglied des internationalen technischen Komites gewählt, 
das die auf den Trümmern dieser Gesellschaft im Jahre 1894 
erstandene Compagnie nouvelle du Canal de Panama zusammen 
berief, um ein fachmännisches Gutachten über die Weiterführung 
der Arbeiten zu erhalten. 
Ueber die Vorteile eines Isthmuskanals, durch den die 
Verbindung zwischen den ost- und westamerikanischen Städten 
um 8000 Seemeilen und diejenige zwischen Europa und der 
Westküste von Nord- und Südamerika um 5—6000 Seemeilen 
gekürzt wird, herrscht in beiden Weltteilen kein Zweifel. Die 
Wirkung dieses Kanals auf die Seeschiffahrt wäre noch ein 
schneidender als die des Suezkanals. Die Thatsache, dass der 
Besitz des Kanals bis zu einem gewissen Grad die Vorherrschaft 
im Welthandel bedeutet, hat bekanntermassen schon zu mannig 
fachen Eifersüchteleien zwischen Franzosen, Engländern und 
Amerikanern geführt. Die vielfach verbreitete Ansicht, dass der 
Panamakanal endgültig abgethan sei, ist eine irrtümliche. Die 
Finanzierung ist der neuen Gesellschaft, die etwa 500 Millionen 
Francs Kapital bedarf, bis heute allerdings noch nicht gelungen. 
Diese Gesellschaft hat aber alle Rechte, die ausgeführten Arbeiten 
und das ungeheuere Inventar der alten Gesellschaft gegen Zu 
sicherung von 60 pCt. des Reingewinns nach Vorwegnähme 
der 5prozentigen Verzinsung des neuen Kapitals übernommen; 
sie verfügt aber nur über 65 Millionen Frs., die in der Haupt 
sache von Personen zurückerstattet wurden, die in den grossen 
Krach verwickelt gewesen waren. Der im Jahre 1879 von 
dem „grossen Franzosen“ geplante Niveaukanal zwischen Colon 
am Atlantischen und Panama am Stillen Ozean, der 75 km 
Länge (der Suezkanal hat 160 km, der Kaiser-Wilhelmkanal 
98 km Länge), 24 m Sohlenbreite und 8,5 m Tiefe erhalten 
sollte, der auf 600 Millionen Frs. veranschlagt, aber 1350 Millionen 
Frs. verschlungen hat, ist allerdings als undurchführbar zu 
bezeichnen. An seine Stelle tritt aber ein Schleusenkanal in 
der nämlichen Linienführung mit sehr flachen Bögen von 2500 m 
kleinstem Halbmesser. Die Höhenlage der Scheitelhaltung dieses 
Schleusenkanales ist noch nicht endgültig festgelegt; seine Sohle 
wird wahrscheinlieh auf etwa 20 m ü. d. M. gelegt werden. 
Nach der atlantischen Seite, wo die Fluthöhe höchstenfalls 1 m 
beträgt, werden 2, nach der Seite des Stillen Ozeans, an dem 
der Unterschied zwischen Ebbe und Flut 4—6 m misst, werden 
3—5 Doppelschleusen von 225 m Länge, 35 m Breite und 9 m 
Höhe eingelegt werden. 
Durch diese Massnahmen sollen die ganz gewaltigen, auf 
150 Millionen Kubikmeter berechneten Ausschachtungsmassen, 
die aus dem bis zu 100 m tiefen Einschnitt ausgehoben werden 
müssen, ermässigt, gleichzeitig aber auch verschiedenen anderen 
Schwierigkeiten, insbesondere denjenigen der ungefährlichen Ab 
führung der Hochwasser des Flusses Chagres vorgebeugt werden. 
Der Kanal wird nämlich von der atlantischen Küste aus etwa 
45 km durch dieses Flussthal geführt und kreuzt den Flusslauf 
an mehreren Stellen. Da die jährliche Regenmenge in Colon 
3300—6500 mm (in Württemberg rd. 700 mm) beträgt, führt 
dieser Fluss ausserordentlich starke Hochwasser, die bis zu 
3150 kbm in der Sekunde berechnet wurden (der Nekar bei 
Cannstatt führte im Jahre 1824 1700 kbm). Eine solche riesige 
Wasserflut kann nun selbstverständlich nicht mehr im seit 
herigen Flussthal abgeführt werden, wenn sich in dem nämlichen 
Thal der tief eingegrabene Kanal hinzieht; noch viel weniger 
aber ist es gestattet, dass die Hochwasser in den Kanaleinschnitt 
gelangen. Zur Behebung dieser misslichen Umstände ist beab 
sichtigt, zwei grosse Stauweiher anzulegen, die in der Haupt 
sache den Zweck der Hochwasserzurückhaltung zu erfüllen 
haben. Jeder dieser Weiher dient aber noch einem wesentlichen 
Nebenzweck. Der erste dieser Weiher, der wegen der Unter 
grundsverhältnisse durch einen Damm abgeschlossen werden 
soll, wird bei Bohio, d. h. in demjenigen Teil des Chagresthales 
errichtet, der zur Kanalaufnahme bestimmt ist, und hat gleich 
zeitig, nachdem die Schiffe mittels der Schleusen in das Ober 
wasser geschleust sind, auf etwa 22 km Länge als Schiffahrts 
strasse zu dienen, sodass durch die Stauanlage die Herstellungs 
kosten des Kanals auf diese Länge erspart werden würden. 
Dadurch, dass dieser 5—6000 ha grosse See so angelegt wird, 
dass er bei Hochwasser 3 m über den normalen Wasserspiegel 
gestaut werden kann, ist es möglich, hier etwa 150 Millionen kbm 
Hochwasser zurückzuhalten. Da dieser See aber nicht im stände 
sein wird, die Hochwasser des Chagres insoweit zurückzuhalten, 
dass künftig nur die als Höchstmass zulässig erachtete Hoch 
wassermenge von 1200 kbm in der Sekunde abfliessen wird 
soll ein zweiter etwa 2500 ha grosser See am Oberlauf de 
Chagres, 15 km südlich von der Kanallinie, angelegt werde • 
Dieser durch eine Mauer aufzustauende See muss ausserdf ; 
vermöge seiner hohen Lage das Speisewasser für die Scheit, 1 
haltung des Kanals abgeben. Die Hafenverhältnisse in Coli 
sind günstig und sturmsicher; in Panama, wo felsiger Strar, 1 
mit ungenügender Wassertiefe vorhanden war, hat die neu 
Gesellschaft bereits eine 5 km lange, für die tiefstgängigei 
Seeschiffe jederzeit gebrauchsfähige Rinne herstellen lassen. Di 
geognostischen Verhältnisse sind ebenfalls günstig, nur di« 
obersten, teilweise moorigen Schichten sind zu Rutschungen 
geneigt. Das ganze Kanalgelände gehört dem Tertiär, das 
vielfach von Basaltaufbrüchen und von Maren durchsetzt ist, an. 
Standfeste Sandsteinschichten wechseln mit sandigen und festen 
mergeligen Schichten ab. 
Der Redner spricht der neuen Gesellschaft alle Anerkennung] 
aus, erteilt ihr für die eingeleiteten, sachgemäßen Studien, di 
bei der ersten Gesellschaft sehr mangelhaft gewesen sein sollen.- 
sowie für die musterhafte Magazinierung des Inventars unc* 
insbesondere auch für die Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeiter, 
die meist aus Jamaikanegern bestehen, volles Lob. Da zur Zeit 
monatlich etwa 90000 kbm Erde an dem Wasserscheidedurch 
stich allein ausgehoben werden, glaubt er, dass unter der 
Voraussetzung des Gelingens einer baldigen Flüssigmachung 
der erforderlichen weiteren Mittel am Ende der Konzession, im 
Monat Oktober 1910, der Kanal der Schiffahrt werde über , 
geben werden können. 
Während die Schilderung des Panamaunternehmens sic.' 
auf eigene Anschauung des Redners stützte, legte dieser seinem 
Vortrag über den Nicaraguakanal die neuesten Berichte 
der „Maritime Canal Company of Nicaragua“ zu Grunde. Die 
Regierung und die öffentliche Meinung von Nordamerika haben 
früher die Nicaragualinie für die geeignetste Isthmuslinie gehalten. 
Auf den ersten Anblick hat sie auch etwas Bestechendes, denn 
nur 28 km vom Stillen Ozean entfernt, von diesem durch eine 
nur 50 m hohe Wasserscheide getrennt, liegt in einer Meeres 
höhe von etwa 33 m der 7680 qkm grosse See von Nicaragua 
(14mal so gross als der Bodensee), der auf 94 km Länge zur 
Kanalführung benützt werden kann und aus dem sich der 
180 km lange, 275 m breite Fluss San Juan mit 100 kbm 
kleinstem sekundlichen Abfluss in den mexikanischen Meerbusen 
ergiesst. Ohne genauere Vorstudien wurden schon in den Jahren 
1852, 1873 und 1885 Projekte über diesen insgesamt 301 km 
langen Schiffahrtsweg, der von Brito am Stillen Ozean bis 
Greytown (San Juan del Norte) am Atlantischen Ozean führen 
und auf dem westlichen Abstieg vier, auf dem östlichen 
sechs Schleusen erhalten soll, gemacht. In übereilter Weise 
wurde im Jahre 1887 die Konzession eingeholt und im Jahre 
1890 mit dem auf 334 Millionen Francs berechneten Bau, für 
den sechs Jahre Bauzeit vorgesehen war, begonnen. Aber 
schon im Jahre 1893 wurden die Arbeiten mit der Begründung 
eingestellt, dass die Unterlagen ungenügend und weitere Vor 
studien nötig seien. Im Jahre 1895 wurde seitens des Kon 
gresses zunächst eine Kommission von 3 Mitgliedern und auf 
deren im Jahre 1899 erstatteten Bericht eine solche von 9 Mit 
gliedern ernannt, denen 1 Million Dollar zu weiteren Unter 
suchungen zur Verfügung gestellt wurde, um alle rechtlichen, 
handelspolitischen, militärischen und technischen Verhältnisse 
nicht bloss des Nicaraguakanals, sondern auch des Panama 
kanals und aller andern, die Isthmusdurchstechung betreffenden 
Projekte zu studieren. Ueber 200 Ingenieure und 600 Arbeiter 
waren in den letzten zwei Jahren mit wirklich ernsten Vorerheb 
ungen beschäftigt. Der Inhalt des endgültigen, auf 30. November 
*) Der Druck dieses Vortrags hat sich verschiedener Umstände wegen unliebsam verzögert.
	        

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