Volltext: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Monatsschrift des Württembg. Vereins für Badründe in Stuttgart. 
No. 2 
Vorsitzende nimmt noch besonders Anlass, dem Vortragenden 
für das von ihm Gebotene im Namen des Vereins zu danken. 
An den Vortrag schliesst sich noch eine kurze Erörterung 
der mutmasslichen Ursachen der Farbbeständigkeit vieler Baus 
bemalungen an, an der sich Bökien, Feil und der Vortragende 
beteiligen. Dieser bemerkt, dass seines Wissens es bis jetzt eben 
sowenig gelungen sei, der früheren Farbbehandlung bei ge 
nannten Malereien auf die Spur zu kommen, als durch neuere 
Versuche ähnlich wetterbeständige Bemalung zu erzielen, wie sie 
die alten Häuser aufweisen. Es scheinen die Farben mit be 
sonderer Sorgfalt bereitet und auf den noch feuchten frischen ; 
Verputz auf getragen worden zu sein. Auch seien, wie Bökien und 
Feil schon hervorgehoben, die reine Luft der Gebirgslandschaft 
und der durch die weit vorspringenden Dächer gebotene Schutz 
zweifellos mit von grösster Bedeutung für die gute Erhaltung 
der bemalten Wandflächen. 
Vortrag des Herrn Regierungsbaumeisters Mörsch aus Neustadt a. H. 
über 
„Theorie der Betoneisenkonstruktionen“. 
Obwohl die Kenntnisse des Betoneisenbaues durch die zahl 
reichen Veröffentlichungen über diesen Gegenstand ziemlich all 
gemein verbreitet sind, so herrschen doch über die statische Wirk 
samkeit des armierten Betons meist sehr unzutreffende An 
sichten vor. Die Gründe für die Rückständigkeit der Theorie 
folgen aus der ganzen Entwicklungsgeschichte des armierten 
Betons. Ohne auf dieselben weiter einzugehen, möchte ich Ihnen 
die Grundsätze einer gesunden Theorie vorführen, wie sie erfreu 
licherweise immer mehr zum Durchbruch zu kommen scheint. 
(Diese Theorie ist auch in der Broschüre über Betoneisenbau 
vertreten, welche anfangs des vorigen Jahres von der Firma 
Wayss & Freytag A.-G. herausgegeben wurde und von welcher 
der theoretische Teil als Beilage zu Nr. 47 der Süddeutschen 
Bauzeitung erschienen ist.) 
Unter dem Begriff der Betoneisenkonstruktionen werden alle 
jene Konstruktionen zusammengefasst, welche derart aus Port- 
landcement-Beton in Verbindung mit Eisen hergestellt werden, 
dass beide innig miteinander verbundenen Elemente zu gemein 
samer statischer Wirkung gegen äussere Beanspruchungen ge 
langen können. 
Hiebei gilt als Grundgesetz, dass der Beton hauptsächlich 
die Druckkräfte aufnehmen soll, während dem Eisen die Aufgabe 
zufällt, einen grossen Teil der Zugkräfte aufzunehmen, also dem 
Beton anscheinend eine höhere Zugfestigkeit zu verleihen. 
Die Vorzüge der Betoneisenkonstruktionen gegenüber den 
üblichen Konstruktionen können als bekannt vorausgesetzt werden. 
Diese Vorzüge und das statische Zusammenwirken der beiden 
sonst so ungleichen Materialien ergeben sich aus folgenden grund 
legenden Eigenschaften derselben: 
1. Der Beton schützt das von ihm umhüllte Eisen am voll 
kommensten gegen Rostbildung. 
2. Die Adhäsion des Portlandcement-Betons am Eisen ist eine 
sehr bedeutende und etwa gleich der Scheerfestigkeit des 
Betons. 
3. Die Temperaturausdehnungskoeffizienten von Eisen und Beton 
sind nahezu gleich gross. 
4. Der Portlandcement-Beton ist als Umhüllung von Eisenein 
lagen im stände, ohne Schädigung seiner Festigkeit solche 
Dehnungen bei Zugbeanspruchungen auszuführen, als es die 
volle Ausnützung des eingelegten Eisens verlangt. 
Die unte!r 1 bis 3 genannten Eigenschaften sind schon in der 
1887 erschienenen Monierbroschüre von Ingenieur Wayss als 
grundlegend angeführt und wenn auch seither viel darüber ge 
schrieben worden ist, so lässt sich doch nichts Neues hinzu 
fügen. * 
Nach den mit den Monierbauten gemachten Erfahrungen wird 
ein sicherer Rostschutz und eine hinreichende Adhäsion nur dann 
erreicht, wenn das Mischungsverhältnis des Betons nicht zu mager 
ist und der Wasserzusatz so bemessen wird, dass der sogenannte 
plastische Zustand des Betons eintritt. Es ist nämlich zu be 
achten, dass der armierte Beton wegen der Eiseneinlage und der 
geringen Betonstärke sich nicht in dem Mass stampfen lässt, 
als dies bei gewöhnlichem Stampfbeton der Fall ist. Wir nehmen 
als äusserste Grenze das Mischungsverhältnis 1 : 4 V* auch mit 
Rücksicht darauf an, dass die Druckfestigkeit des fetten Betons 
grösser ist als diejenige des mageren und bei allen Betoneisen 
konstruktionen eine hohe Druckfestigkeit des Betons notwendig ist. 
Für die Adhäsion des Eisens am Beton wird fast allgemein 
der von Bauschinger ermittelte Wert von 45 kg/qcm ange 
nommen. Derselbe kann in keiner Weise als feststehend be 
trachtet werden. Durch neuere Versuche ist vielmehr er 
wiesen, dass bei einbetonierten Eisenstäben die Adhäsion dann 
aufhört, wenn die Spannung im Eisen die Elastizitätsgrenze über 
schreitet. Die Adhäsion wird sich dann mit dem Durchmesser ver 
änderlich ergeben. Ihren grössten Wert wird man erhalten bei 
solchen Probestäben, die nicht zu tief im Beton stecken, so dass 
beim Herausziehen die Zugspannung nicht über die Elastizitäts 
grenze des Eisens steigt. 
In der nebenstehenden Tabelle sind die Ergebnisse eigener 
Versuche über die Adhäsionsfestigkeit zusammengestellt. 
Adhäsionsfestigkeit. 
Wasserzusatz 
1: 1 
1:2 
1:3 
1:4 
1: 5 
1:6 
1:7 
1:8 
10»/, 
15 
19 
19 
26 
30 
27 
16 
12 
15°/, 
Aa 
46 
49 
40 
38 
21 
19 
15 
10 
20% 
28 
28 
25 
25 
12 
12 
11 
7 
25% 
22 
30 
23 
24 
8 
12 
9 
7 
Sie sehen hieraus, wie die Adhäsion mit steigendem 
Mischungsverhältnis abnimmt und wie sich die Grösstwerte der 
selben nur bei einem bestimmten Wasserzusatz, der dem plasti 
schen Zustand entspricht, einstellen. 
Die Zahlen sind die Mittel aus nur 2 Versuchen, können also 
keinen Anspruch auf absolute Genauigkeit machen. Alle Probe 
körper zersprangen beim Herausziehen der Eisen, so dass die 
Annahme gerechtfertigt ist, dass bei grösseren Probekörpern oder 
durch Armierung derselben mit Bügeln, die das Zerspringen ver 
hindern würden, eine etwas grössere Adhäsionsfestigkeit ge 
wonnen worden wäre. 
Die Adhäsion ist begrenzt durch die Scheerfestigkeit des 
Betons, denn wenn sie in Wirklichkeit auch grösser ist, so kann 
doch der Versuch kein anderes Ergebnis liefern, da eben dann 
das Eisen mit einem dünnen Betonmantel herausgerissen würde. 
Die annähernde Gleichheit der Temperaturausdehnungs 
koeffizienten von Beton und Eisen ist durch Versuche nachge 
wiesen. Früher wurde diesem Umstand ein grosses Gewicht bei 
gemessen; nach der heutigen Erkenntnis würde eine geringe 
Differenz in der Längenausdehnung nicht so viel zu bedeuten haben. 
Mit Hilfe der Adhäsion und der grossen Dehnbarkeit des Betons 
könnte sie durch geringe innere Spannungen für die gewöhnlichen 
Temperaturunterschiede unschädlich gemacht werden. Nach den 
amtlich angestellten Feuerproben findet eine der Tragfähigkeit 
schädliche Loslösung von Eisen und Cementmörtel selbst bei sehr 
hohen und raschen Temperaturänderungen nicht statt. 
Die armierten Betonkonstruktionen sind als schlechte Wärme 
leiter nicht so sehr den Wärmeänderungen ausgesetzt wie die 
reinen Eisenkonstruktionen; es ist daher bei ihnen mit engeren 
Temperaturgrenzen zu rechnen. 
Die vierte grundlegende Eigenschaft des Betons, seine grosse 
Dehnbarkeit in Verbindung mit dem Eisen, hätte schon früher 
geahnt werden können; sie wurde aber erst von Considöre durch 
Versuche nachgewiesen. 
Wohl war es bekannt, dass die Risse im Beton erst spät, bei 
hohen Beanspruchungen des Eisens sichtbar werden. Es wurden 
sogar die Dehnungen gemessen und mit Hilfe des Elastizitäts 
moduls für Beton die grössten erreichten Zugspannungen be 
rechnet. Man gelangte dann zu fabelhaften Zugfestigkeiten des 
armierten Betons von 50, 70, ja sogar 100 kg / qcm, während der 
nicht armierte Beton höchstens 12—15 kg / qcm aufweist. 
Die Considereschen Versuche erstreckten sich auf Prismen 
quadratischen Querschnitts von 6 cm Seitenlänge und 60 cm 
Höhe, die an der gezogenen Seite durch Rundeiseneinlagen ver 
stärkt waren. Die Belastung der Prismen war derart, dass das
	        

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