Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Monatsschrift des Württembg. Vereins für Badkdnde in Stdttgart. 
No. 8 
Das Läuten der Kirchenglocken auf mechanischem Wege. 
Die mannigfachen Versuche, welche gemacht worden sind, 
um Kirchenglocken auf mechanischem Wege anzuschwingen, 
haben bisher kein günstiges Resultat ergeben, weil die hiezu 
gebauten Maschinen den verschieden langen Schwingungsperioden 
der Glocken nicht Rechnung tragen konnten, sondern die Glocken 
zwangsweise entsprechend der Einstellung der Maschine be 
wegt haben. 
Diese Läutemaschinen haben ein Geläute erzielt, welches 
allerdings abwechslungsreicher in seinen Ton Variationen war 
als die mechanisch angeschlagenen Glockenspiele mit ihren 
monotonen Wiederholungen, aber sie können niemals die un 
endlich abwechslungsreichen Tongemälde schaffen, welche die 
von Menschenhand angeschwungenen Glocken mit ihren regel 
losen, beständig wechselnden Schwingungszeiten hervorbringen. 
Es ist das Verdienst des Herrn Pfarrers Seeger in Zuffen 
hausen, die Anregung zu neuen Versuchen auf diesem Gebiete 
gegeben zu haben, indem derselbe den Glockengießer G. A. 
Kiesel in Heilbronn a/N. beauftragte, die Glocken für den durch 
Oberbaurat H. Dolmetsch zu erstellenden Neubau einer 
zweiten evangelischen Kirche in Zuffenhausen auf elektrischem 
Wege läutbar zu machen. Der Initiative dieses Pfarrherm, sowie 
dem ermunternden Interesse, das von seiten des Baumeisters 
dieser Aufgabe entgegengebracht wurde, ist es in erster Linie 
zu danken, dass Glockengießer Kiesel in Verbindung mit dem 
Maschinenkonstrukteur Albert Hirth in Cannstatt, früher in 
Stuttgart, sich an die Lösung der Aufgabe machten. Das Er 
gebnis ihrer gemeinsamen Arbeit ist eine Läutmaschine, deren 
hervorragendste Eigenschaften darin bestehen, dass ihre Arbeit 
von den schwingenden Glocken selbst reguliert wird, d. h., 
genau wie beim Läuten von Menschenhand beginnt die Maschine 
erst dann am Glockenseil zu ziehen, wenn die Glocke ihren 
Rückwärtsschwung beendet und bereits ihren Vorwärtsschwung 
wieder begonnen hat. 
Eine zweite, vorzügliche Eigenschaft dieser Maschine besteht 
darin, dass der Kirchendiener die Läutmaschine in Gang setzen 
kann, ohne dass jemand den Turm besteigt. Die Maschine 
wird durch Umlegen eines elektrischen Kontakthebels in Gang 
gesetzt und dieser elektrische Schalthebel kann montiert werden, 
wo immer es wünschenswert ist, in der Sakristei, im Kirchenschiff, 
oder einem Nebenraum, oder für einzelne, z. B. Feuerglocken, 
auf der Feuerwachtstube, im Rathaus u. s. w. 
An Hand der nachfolgenden 8 Figuren soll gezeigt werden, 
mit welchen Hilfsmitteln der Konstrukteur diese Aufgabe ge 
löst hat. 
Figur 1 zeigt in verstärkter Verkleinerung die Glocke I mit 
ihrem Läutarm 2, an welchem das zum Kontaktkasten A 
führende Seil 3 und das zur Zugmaschine B führende Zugseil 4 
befestigt ist. 
Am Zugseil 4 hängt eine Metall- oder Hartholzschiene 18, 
welche zwischen zwei in der Pfeilrichtung sich drehenden 
Walzen 19 und 20 durchgeführt ist und durch den Fussboden 
in das nächst untere Stockwerk reicht. Die Walze 20 ist auf 
schwingenden Hebeln 21 gelagert und kann durch Zugstangen 22, 
welche an den Kurbeln 24 befestigt sind, gegen die Walze 19 
gepresst werden, so dass die zwischen den Walzen 19 und 20 
hängende Schiene 18 mit grosser Kraft abwärts gezogen wird. 
Die Verdrehung der Kurbeln 24, welche gemeinsam mit 
dem Hebel 25 auf der Welle 26 festsitzen, bewirkt der am 
Hebel 25 aufgehängte Magnetanker 27, welcher in der Magnet 
spule 28 kräftig abwärts gezogen wird, sobald ein elektrischer 
Strom diese Spule 28 erregt. Hört diese Einwirkung des 
elektrischen Stromes auf, so wird der Anker 27 durch ein auf 
dem Hebel 25 befestigtes Gegengewicht 23 wieder hochgezogen, 
wodurch die Walze 20 sich von Walze 19 entfernt und die 
Schiene 18 wieder frei nach oben gleitet, d. h. die Glocke 
wieder zurückschwingen kann. 
Die eigenartigste Einrichtung, gewissermaßen die Seele 
der ganzen Maschine, finden wir im Kontaktkasten A, dessen 
Funktion darin besteht, der Magnetspule 28 im geeignetsten 
Moment den erregenden elektrischen Strom zuzusenden. 
Zu diesem Zweck ist im Kasten A eine von dem fest 
stehenden Träger 17 getragene Kontaktkohle 15 und eine zweite 
vom Doppelhebel 9 getragene Kohle 14 angeordnet. Der 
Hebel 9 dreht sich um den Stift 16 und trägt in seinem untern 
Arm eine drehbare Rolle 10 und einen Sperrstift 11. 
Eine um einen Zapfen drehbare Sperrklinke 12 wird in 
ihrer jeweiligen Lage festgehalten durch eine Feder 13, welche 
am Halter 17 befestigt ist. 
In dem Kasten A führt sich ausserdem eine mehrere Kilo 
gramm schwere Kontaktschiene 5, welche an dem Kontaktseil 3 
aufgehängt ist und beim Schwingen der Glocke auf und ab bewegt 
wird. Am oberen und unteren Ende der Schiene 5 sind je für 
sich verstellbar die Auslösestifte 6 und 7 derart angeordnet,
	        

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