Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Monatsschrift des Württembg. Vereins für Badkünde in Stuttgart. 
Nr. 4 
Diese in gedrängter Kürze gegebenen und doch alles 
Wesentliche berührenden Mitteilungen werden mit allseitigem 
Interesse aufgenommen und durch lebhaften Beifall gelohnt. 
An dieselben schliesst sich noch eine kurze Erörterung an, 
an der sich ausser dem Vortragenden noch Gsell, Mayer, 
Reihling, Zobel und Zügel beteiligen. 
Zum Schlüsse spricht der Vorsitzende dem Redner den 
Dank des Vereins für das Vorgetragene und namentlich auch 
dafür aus, dass er sich in letzter Stunde noch bereit erklärt 
habe, mit seinen Mitteilungen für einen Vortrag einzuspringen, 
der für den heutigen Abend vorgesehen war, besonderer Ver 
hältnisse halber aber unterbleiben musste. 
Mitteilungen über den Entwurf des neuen Brandversicherungsgesetzes. 
Von Baurat Burkhart. 
Dem wiederholten Wunsche unseres geschätzten - Herrn 
Vorsitzenden, Ihnen über den Entwurf des neuen Brandver 
sicherungsgesetzes einige Mitteilungen zu machen, komme ich 
umsomehr gerne nach, als ich einmal dem Herrn Oberbaurat 
Zügel zu grossem Danke verpflichtet bin, und zum anderen 
hoffe, hiedurch das Interesse für dieses Gesetz zu wecken. 
Denn der ausführende Techniker sollte bei Neuanlage und 
Vergrösserung von Fabriken und auch beim Bau anderer Ge 
bäude in der Nähe von solchen und überhaupt von feuer 
gefährlichen Gebäuden stets auch die Bestimmungen des Brand 
versicherungsgesetzes in Betracht ziehen. 
Es würde dann nicht vorkommen, dass der Besitzer einer 
solchen Anlage bei der Feststellung der Gefahrenklasse seines 
Anwesens erstaunt fragt, ob denn sein Techniker diese Be 
stimmungen nicht kenne, da es durch Abrückung des feuer 
gefährlichsten Teils um eine Kleinigkeit oder durch Aufführung 
einer vorschriftsmässigen Brandmauer in eine niederere Gefahren 
klasse gekommen wäre. 
Denn bei den heutigen Konkurrenzverhältnissen spielt der 
Posten für die Feuerversicherung eine bedeutende Rolle, zumal 
auch die Mobiliarversicherungsgesellschaften die Höhe der Prämie 
von solchen Sicherheitsmassregeln abhängig machen. 
Lassen Sie mich nun zunächst einen kurzen Blick rück 
wärts auf die Entwicklung des öffentlichen Feuerversicherungs 
wesens in Deutschland und Württemberg werfen. 
Seit Prometheus das Feuer dem Himmel entwendete und 
in einer Narthexstaude den Menschen brachte, um sie dieser 
Wohltat teilhaftig werden zu lassen, haftet auf diesem segen 
spendenden Geschenk auch der Fluch seiner unehrlichen Her 
kunft. Und dieser Fluch ist ihm geblieben bis auf den 
heutigen Tag. 
Es gibt keinen grimmigeren Feind des Menschen und seiner 
Werke, der wie ein gieriges Raubtier in Minuten zerstört, was 
Jahrzehnte geschaffen und Jahrhunderte gehegt und gepflegt 
haben, der nichts von Gnade und Erbarmen weiss, der uns 
Leben und Besitz täglich und stündlich bedroht! 
Die Idee nun, Einrichtungen zum Ersatz des durch Brand 
schaden hervorgerufenen materiellen Verlustes zu schaffen, war 
dem Altertum fremd, dort fehlten derartige Organisationen fast 
ganz. 
Im alten Rom, welche Stadt bekanntlich sehr feuergefährlich 
war, wurden die Abgebrannten vom Staate unterstützt, sie 
erhielten die zum Aufbau nötigen Ziegelsteine und sonstige 
Beiträge, also hat hier die Gesamtheit der Bürger, der Staat, 
die Deckung des Schadens übernommen, aber ein Rechtsanspruch 
der einzelnen Beschädigten fehlte vollständig. 
Die Versicherung gegen die Wechselfälle des Lebens und den 
Verlust des Eigentums ist ein Erzeugnis der christlich-germani 
schen Entwicklung, eine Frucht altgermanischen Gemeinde- und 
Korporationslebens. 
Die genossenschaftliche Pflicht der gegenseitigen Unter 
stützung für den durch Brand, Wassersnot und andere Unglücks 
fälle beschädigten Bruder und Genossen ist eine dem frühesten 
Mittelalter entspringende Eigentümlichkeit germanischer Gemeinden 
und Gilden und ein Hauptbestandteil ihrer Kraft gewesen. Die 
Mitglieder waren durch Eid zu gegenseitiger Hilfe verpflichtet. 
Schon zu Karls des Grossen Zeit war die Macht der Gilden so 
gross, dass er sie in einem Erlass vom Jahre 779 zu brechen 
suchte. 
Später lösten sich von diesem mittelalterlichen, die ganze 
Person nebst Hab und Gut umfassenden und schützenden Gilden 
besondere lokale Brandgilden los. 
Die ersten entstanden zu Anfang des 15. Jahrhunderts, und 
als beim Fortschreiten der Kultur auch diese nicht mehr ge 
nügten, sahen sich im 18. Jahrhundert die Regierungen fast 
aller deutscher Länder veranlasst, mit der Einrichtung grösserer 
Brandkassen vorzugehen, welche, abgesehen von den grösseren 
Städten Berlin, Breslau, Stettin, Hamburg usw., in den kleinen 
Staaten das ganze Land, in Preussen Provinzen und grössere, 
der historischen Entwicklung nach zusammengehörige Landes 
teile umfassten. 
Die ersten derartigen Brandkassen waren die für Hamburg 
1676, Berlin 1718, für die Kur- und.Neumark 1719, für Alt 
pommern 1720. 
Privatversicherungsgesellschaften, teils als Gegenstand kauf 
männischer Spekulation, teils als Gegenseitigkeitsanstalten, ent 
standen in Deutschland erst anfangs des 19. Jahrhunderts. (Die 
erste, die Berliner Feuerversicherungs-Aktiengesellschaft, wurde 
1812 gegründet.) 
ln Norddeutschland führen nun die öffentlichen Brandka en 
den schönen Namen Sozietäten, stehen unter staatlicher Aufsicht, 
haben einen genossenschaftlichen gemeinnützigen Charakter, 
erstreben keinen Gewinn und sind also auf Gegenseitig reit 
gegründet. 
Anfangs hatten diese Sozietäten den Gebäudebeitrittszwang, 
welcher aber im Jahre 1840 in Preussen fast allgemein auf 
gehoben wurde, wogegen aber die Sozietäten die Annahmepflicht 
mit wenigen Ausnahmen behalten mussten, und dadurch h; Iren 
sie auch den Charakter öffentlicher Feuerversicherungsansü ten 
beibehalten. 
Sie legen ihr Hauptaugenmerk auf den Feuerschutz, die 
Verhütung von Brandfällen, geben Beiträge für Feuerlöschein 
richtungen und Wasserversorgung der Gemeinden, teilweise auch 
Unterstützungen zur Beseitigung feuergefährlicher Einrichtungen, 
wie weicher Dächer, gefährlicher Feuerstätten usw., Prämien 
für Ermittlung von Brandstiftern, für ausgezeichnete Löschhilfe 
und unterstützen verunglückte Feuerwehrmänner. 
In Norddeutschland bestehen zurzeit etwa 30 Sozietäten. 
Nur die grossen Städte Berlin, Breslau, Stettin, Hamburg usw. 
haben eigene Anstalten, während bei den übrigen die Städte 
und Ortschaften gemeinschaftlich verbunden sind. 
Wie schon erwähnt, hatten die kleinen Staaten im 18, Jahr 
hundert das ganze Land umfassende Brandkassen errichtet, und 
es bestehen solche jetzt in den Königreichen Bayern, Württem 
berg und Sachsen, in den Grossherzogtümern Baden, Hessen 
und Sachsen-Weimar, in den Herzogtümern Sachsen-Altenburg, 
Sachsen-Coburg-Gotha, Oldenburg, Braunschweig und in den 
Fürstentümern Waldeck und Pyrmont, und Lippe-Detmold, also 
zusammen 11 das ganze Land umfassende Brandversicherungs 
anstalten. 
Dieselben haben im allgemeinen den vollständigen Ver 
sicherungszwang mit Ausnahme von Bayern, wo nur fakul 
tativer Zwang in der Weise besteht, dass wenn ein Gebäude 
versichert werden will, dies nur bei der Landesanstalt geschehen 
kann, diese also das Monopol für die Gebäudeversicherung hat. 
Die Landesanstalten des Königreichs Sachsen und des Gross 
herzogtums Sachsen-Weimar gewähren ausserdem noch Bei 
hilfen zur Umwandlung weicher in harte Dachung und zur 
Beseitigung feuergefährlicher Bauwerke in engen Ortsteilen, Er 
richtung von Brandmauern u. dgl. 
Die Landesbrandkasse Hannover gibt für Ge 
bäude mit Blitzableitern Beitragsermässigung von 15—20 Pf. 
pro M. 1000 und lässt die Leitungen alle 4—5 Jahre unter 
suchen. Die Ostpreussische Landfeuersozietät be 
streitet die Hälfte der Anlagekosten für die Blitzableiter. 
In Baden besteht heute noch die Eigentümlichkeit, dass 
der Nachbar Einwendung gegen etwaige zu hohe Versicherung 
machen kann, um den Anreiz zur Brandstiftung zu verhindern. 
In Württemberg bildete sich erst im Jahre 1756 eine frei 
willige Brandversicherungsgesellschaft, welche von der Regierung 
genehmigt und deren Statut am 27. September 1756 unter dem
	        

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