Full text: Monatsschrift des Württembg. Vereins für Baukunde in Stuttgart (1898-1904)

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Ueber Photogrammetrie. 
Vortrag, gehalten am 14. Januar 1899, von Hilfslehrer Haller an der K. Techn. Hochschule. 
Hochgeehrte Herren! Wenn ich mir ertauben darf, Ihre Auf 
merksamkeit einer Sache zuzuwenden, welche vielleicht in nicht allzu 
ferner Zeit dazu berufen sein wird, für manche Aufgaben auf dem 
Gebiete der Geodäsie neue Messungsmethoden einzuführen, so 
möchte ich zunächst mit einem kurzen Wort an diese Aufgabe der 
Geodäsie selbst erinnern. 
Sehen wir von den großen Zielen der „höheren" Geodäsie 
hier ab, so haben wir es in der Hauptsache zu thun mit Lage 
oder Hö hen-M essnngen oder aber mit der wichtigsten Anwendung 
der niederen Geodäsie für den Ingenieur sowohl, als für den Topo 
graphen, als für den Forschungsreisenden, nämlich der Verbindung 
beider, der gleichzeitigen Lage- und Höhenmessung, der 
Tachymetrie. 
Wenn auch in der niederen Geodäsie oder wie man ja wohl auch 
sagt, in der praktischen Geometrie, der Theodolit an die 
Stelle des altehrwürdigen Instruments, des Meßtischs, für die Aus 
führung genauerer Horizontalmessungen fast überall ge 
treten ist, so ist es ihm doch noch nicht gelungen, den Meßtisch oder 
Abarten desselben als Hilfsmittel in der Topographie zu 
verdrängen, weil eben die für derartige Aufnahmen verlangte Ge 
nauigkeit naturgemäß eine wesentlich geringere zu sein braucht, 
als bei der infolge des steigenden Werts an Grund und 
Boden viel peinlicher arbeitenden Lageplanmessung in ihrer 
Anwendung auf das Kataster. 
Betrachten wir nun einmal etwas näher die in der Topographie 
mit dem Meßtisch auszuführenden Operationen. 
Wir nehmen eine Anzahl durch eine Triangulierung oder Poly- 
gonisierung gegebener oder noch zu bestimmender Punkte an, von 
denen aus das aufzunehmende Detail mit Kippregel und Distanz- 
Latte oder aber auch nur mit Kippregel allein von 2 oder mehreren 
Punkten vorwärts oder über 3 oder mehr Punkte rückwärts einge- 
geschnüten wird. 
Es liegt nun der Gedanke sehr nahe, das was der Beobachter 
der Reihe nach mit dem Fernrohr betrachtet und einzeln mit Bleistift 
und Lineal auf dem Meßtischblatt aufreißt, auf einmal auf dem 
Feld auf die photographische Platte zu übertragen und aus dem 
perspektivischen Bild auf dieser Platte dann zu Hause die Rekonstruk 
tion vorzunehmen; umgekehrt zur Perspektive, die aus 
Grundriß und Aufriß entsteht, wird hier aus der Per 
spektive Grundriß und Aufriß hergestellt. 
So hat denn auch schon lange vor Erfindung der Photographie 
in den 30 er Jahren unseres Jahrhunderts durch Daguerre und 
andere, Beautemps-Beaupre auf seinen Forschungsreisen vor ca. 
100 Jahren aus perspektivischen Handzeichnungen topographische Karten 
hergestellt, die jedoch selbstredend auf große Genauigkeit keinen An 
spruch machen konnten. Erst Laufsedat erkannte die Schwierigkeit 
der Herstellung genauer perspektivischer Zeichnungen ohne weitere 
Hilfsmittel und konstruierte im Jahr 1851 eine für seine Zwecke 
modifizierte Lamera clara, die er jedoch bald auf Anraten Regnault's 
durch eine Lamera obscara ersetzte. 
Mit seinem photographischen Apparat, einem Theodolit ohne 
Fernrohr, an dessen Stelle die Lamera obscura trat, machte nun 
Laussedat im Jahre 1861 die Aufnahme eines Teils von Paris, 
später die Aufnahme von Grenoble und Umgebung, welch letztere 
in ca. 60 Stunden auf dem Felo erledigt war und deren 
Ausarbeitung mit 10 m Horizontalkurven im Maßstab 1:5000 
2 Monate erforderte. 
Die mangelhaften Resultate, herrührend von den unvoll 
kommenen Linsen und dem sehr beschränkten Gesichtsfeld (es 
mußten deshalb sehr viele Standpunkte genommen werden) ließen aber 
derartige Arbeiten in Frankreich wieder zur Ruhe kommen, wogegen 
nun in Deutschland Meyd enbauer im Jahr 1865 und teils auch 
schon früher selbständig die ersten Versuche zu Architektur- und 
topographischen Aufnahmen anstellte und im Laufe der Jahre 
die von ihm sogenannte Photogrammetrie mit einem von ihm kon 
struierten photographischen Theodolit zu immer besseren Resultaten 
führte. 
Auch Italien liefert Beiträge zu den ersten photographischen 
Messungsversuchen. Dort war es Porro, der in den 50er Jahren 
einen photographischen Meßapparat konstruierte, dessen Anwendung 
auf die „sphärische Photographie", wie er die photographische 
Messungsmethode nannte, infolge seines Todes unterblieb. 
Obwohl nun seit den oben angeführten größeren französischen 
und deutschen Arbeiten die Photogrammetrie lange im wesentlichen 
nichts Bemerkbares geleistet hat, so sind doch seit dieser Zeit eine 
Unmenge photographischer Theodolite (sog. Phototheodolite oder 
photogrammetrische Theodolite mit fester und beweglicher 
Camera mit und ohne Fernrohr von allen Seiten konstruiert 
und ausprobiert worden, wozu dann später natürlich die allgemeine 
Verwendbarkeit der Trockenplatten vieles beitrug. — 
Ich glaube, auf die Technik der Photographie, da ja gegenwärtig 
die Photographie sich einer so allgemeinen Verbreitung erfreut, nicht 
näher eingehen zu müssen, möchte aber doch über dte Bedingungen, 
welche wir an eine gute Lamera für unsere Zwecke zu stellen haben, 
einiges bemerken. 
Im großen Ganzen ist die Anordnung der Lamera, an dem 
im übrigen Horizontalkreis und Vertikalkreis besitzenden In 
strument theoretisch ziemlich gleichgiltig, es ist einerlei, ob die 
Lamera fest oder beweglich, vertikal oder geneigt angebracht 
wird; praktisch dagegen wird man die Lamera so anzubringen 
versuchen, daß bei der Aufnahme die Platte vertikal steht, weil 
dann die spätere Konstruktion oder Rechnung sich am einfachsten 
gestaltet. 
Weit wichtiger dagegen als die Anordnung der Lamera 
sind die Eigenschaften der zur Aufnahme benutzten Linse und 
ein gutes Platten material. 
Von dem Objektiv der Lamera verlangen wir erstens Schärfe, 
zweitens richtige perspektivische, d. h. winkeltreue Zeichnung 
und drittens im Gegensatz zu den Fernröhren und Mikroskopen an 
unseren gewöhnlichen Meßinstrumenten einen großen Gesichts 
oder Bild-Winkel. 
Diese hohen Anforderungen erfüllen zum größten Teil die so 
genannten Doppelobjektive, welche aus 2 getrennten achroma 
tischen Linsenpaaren bestehen und unter dem Namen Euryscope, 
Collineare, Anastigmate ec. in den Handel kommen und in den 
berühmten optischen Werkstätten von Zeiß, Voigtländer, Steiuheil, 
Görz u. a. hergestellt werden, und die untereinander nur noch in Bezug 
auf Bildwinkel, Lichtstärke, Schärfe und Tiefe, nicht aber 
in Bezug auf richtige Zeichnung verschieden sind. 
Was die Platten anbelangt, so ist es besser, eine Aufnahme 
zweimal statt nur einmal zu machen, weil eben auch bei dem besten 
Plattenmaterial noch kleine Unregelmäßigkeiten vorkommen. 
Es sei nun auf einer in der Lamera vertikal gestellten Platte 
ein rechtwinkliges Coordinatensystem so gezogen, daß der 
Nullpunkt dieses Coordinatensystems in die optische Axe des 
Linsensystems und die XAxe horizontal zu liegen kommt, 
dann wird die Rekonstruktion oder Berechnung eines von 
zwei festen Punkten aus aufgenommenen dritten Punkts aus den 
photographischen Bildern sehr einfach sich ergeben. 
Von 2 bekannten Punkten A und B aus sind photographische 
Aufnahmen eines Kirchturms K auf die Platten und P 2 gemacht 
worden, wobei die Orientierung der optischen Axe des Objektivs etwa 
mit Hilfe zweier weiterer ebenfalls bekannter Punkte D und E 
erfolgte. (Fig. 1.) 
Wir zeichnen nun im Maßstab des auszuarbeitenden Plans die 
Horizontalprojektionen der Punkte A und B, a und b und von 
diesen aus die Richtungen unserer Ziellinien auf und senkrecht zu 
diesen am einfachsten rückwärts in natürlichem Maßstab im Abstand
	        

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