Volltext : Die Logik der Dichtung

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Die  fiktionale  oder  mimetische  Gattung

ren  Seite  her  durch  einen  Vergleich  des  Beispiels  i  mit  dem  Beispiel  2  aufhellen. ­
  Auch  dieses  stammt  aus  dem  >  Wilhelm  Meistert  ,  aber  die  Anführungsstriche ­
  besagen,  daß  es  ein  Dialogstück  ist:  eine  Betrachtung  Jarnos  im  Gespräch ­
  mit  Wilhelm.  Sie  ist  von  der  gleichen  allgemeinen  Art  wie  die  des
Beispiels  i,  aber  weil  sie  einer  der  fiktiven  Personen  ‘in  den  Mund  gelegt
ist’,  würden  wir  sie  von  vornherein  nicht  unter  die  Rubrik  eines  weitschweifigen ­
  oder  gar  abschweifenden  Erzählens  ordnen.  Denn  wir  befinden  uns
im  Dialogsystem  des  Romans,  das  eins  der  zentralen  Stücke  des  Fiktionssystems ­
  oder  -feldes  ist.  Diese  Betrachtungen  erscheinen  sogleich  als  Angelegenheiten ­
  der  Person,  nicht  des  Erzählers  (im  Sinne  von  Verfasser).  Aber
eben  dieses  Phänomen  ist  ein,  wenn  auch  indirekter,  so  doch  eben  deshalb
besonders  überzeugender  Beweis  dafür,  daß  auch  das  Erzählen  des  Erzählers ­
  die  Angelegenheit  der  fiktiven  Personen  und  nicht  sozusagen  die  seine
ist.  Dies  zu  zeigen,  ist  gerade  der  Goethesche  Stil  besonders  geeignet.  Die
Gespräche  der  Personen  zeigen  im  wesentlichen  keinen  anderen  Stil  als  das
Erzählen.  Ohne  weiteres  können  wir  die  Betrachtungen  unserer  beiden  Beispiele ­
  vertauschen,  Beispiel  2  zum  Erzählbericht  machen,  Beispiel  1  von
»Der  Mensch  kann  in  keine  gefährlichere  Lage  versetzt  werden«  an  in  einen
Dialog  einordnen.  Das  geht  hier  besonders  gut,  weil  der  Dialog-Stil  des
>Wilhelm  Meistert  wenig  personindividualisierend  ist;  aber  auch  hier  handelt ­
  es  sich  nicht  um  Art-  sondern  nur  um  Gradunterschiede.  Hier  ist  die
Grenze  zwischen  der  Erzählsubstanz  und  der  Dialogsubstanz  des  Romans
schwach  markiert,  aber  gerade  dies  zeigt,  daß  die  Funktion  des  Erzählens
zuletzt  keine  andere  ist  als  die  der  Dialoggestaltung  wie  auch,  naturgemäß,
des  Selbstgesprächs  und  der  erlebten  Rede.  Wenn  überhaupt  gefordert  werden ­
  konnte,  daß  der  ‘Erzähler’  möglichst  verschwinden,  der  Roman  in  ein
Dialogsystem  aufgelöst  werden  solle 47 ,  so  war  dies  nur  deshalb  theoretisch
möglich,  weil  auch  die  Erzählfunktion,  genauer  die  berichtende  Erzählfunktion, ­
  nur  eins  der  Gestaltungsmittel  der  gesamten  fiktionalen  Gestaltungsstruktur ­
  ist  -  und  aus  diesem  Grunde  auch  mit  einem  der  anderen
Gestaltungsmittel  verschmelzen  kann.  Dieser  Fall  tritt  vor  allem  deutlich
bei  der  erlebten  Rede  ein.
Wenn  die  erlebte  Rede  uns  oben,  im  Zusammenhang  der  Tempusfragen 48 ,
entscheidend  über  die  Verhältnisse  der  fiktiven  Ich-Originität  aufschlußreich ­
  war  und  den  schlagendsten  Beweis  dafür  erbrachte,  daß  das  fiktionale
Erzählen  sich  an  den  Verben  der  inneren  Vorgänge  herstellt,  so  dient  sie
47.  Nicht  erst  Spielhagen  hat  diese  Forderung  gestellt,  sondern  bereits  Aristoteles,  der  Homer  deswegen ­
  besonders  lobt,  weil  er  so  wenig  wie  möglich  „selbst“,  d.  h.  als  Erzähler,  rede,  sondern  so  bald
wie  möglich  einen  Mann  oder  eine  Frau  auftreten  ließe.  Nach  Spielhagen  ist  die  Forderung  von  Ortega
у  Gasset  (Gedanken  über  den  Roman,  Deutsch  in:  Die  Aufgabe  unserer  Zeit,  Stgt.’jo)  und  dem  englischen ­
  Romancier  Henry  Green  (Verständigung,  deutsch:  Die  Neue  Rundschau  ’51)  erhoben  worden.
48.  S.  41  ff
            
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