Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1467618455069/132/
Die fiktionale oder mimetische Gattung 
stalt im Medium des Wortes, sondern umgekehrt das Wort im Medium der 
Gestalt - was wiederum nur eine andere Formel für die Tatsache ist, daß die 
Erzählfunktion gleich Null geworden ist. In beiden Formeln oder Aspekten 
ist es begründet, daß der logische Ort der dramatischen Fiktion sich nicht 
wie der der epischen an den Funktionen der Sprache selbst orientieren läßt. 
Die Wirklichkeitsaussage als Vergleichsinstrument wird eben deshalb un 
wirksam und irrelevant, weil die fiktionale Erzählfunktion verschwunden 
ist. Aber an Stelle der Wirklichkeitsaussage tritt - die Wirklichkeit selbst 
als orientierender Faktor in die Logik und Phänomenologie der dramati 
schen Fiktion ein. Dies geschieht in einer höchst hintergründigen und ver 
wickelten Weise, die seit alters manche Verwirrung in die Theorie des 
Dramas gebracht hat, anderseits aber den besonderen, der epischen Fiktion 
gegenüber kompakteren und intensiveren Fiktionscharakter der drama 
tischen Fiktion in aller Deutlichkeit hervortreten läßt. 
Die dramatische Formel, daß das Wort im Medium der Gestalt steht, be 
sagt, daß primär nicht am Wort selbst, sondern am Problem der Gestalt der 
Ort des Dramas zu bestimmen ist. Hierin aber ist es begründet, daß die 
Logik des Dramas nicht ohne erkenntnistheoretische Gesichtspunkte aus- 
kommen kann - worin eben beschlossen ist, daß, wie soeben angedeutet, 
das Problem der Wirklichkeit selbst von einer gewissen Relevanz für die 
Erhellung der dramatischen Struktur ist. 
Die dramatische Gestalt ist, wie bereits ausgesprochen, so gebaut, daß sie 
nicht nur, wie die epische, im Modus der Vorstellung existiert, sondern dazu 
bestimmt und angelegt ist, in den Modus der Wahrnehmung (der Bühne) 
hinüberzutreten, d.h. also in dieselbe physikalisch definierte Wirklichkeit 
wie die des Zuschauers. Dies aber bedeudet, daß sieunter dem doppelten Ge 
sichtspunkt der Dichtung und der (physischen) Wirklichkeit entworfen 
wird und sie geprägt ist von den Erscheinungsformen, die dieser Umstand, 
die physische Verwirklichung oder Verkörperung der Fiktion, mit sich 
führt 70 . Der Aspekt aber, der sich daraus ergibt, tritt keineswegs erst in die 
Erscheinung, wenn wir das Drama auf der Bühne sehen. Sondern dies ist 
für die Logik des Dramas das Entscheidende, daß es bereits als gedichtetes 
unter diesen beiden Modi steht. 
Daß das Wort im Medium der Gestalt steht, enthält zweierlei einander 
bedingende, aber dennoch invers entgegengesetzte Aspekte. Es bedeutet, 
daß das Wort Gestalt und die Gestalt Wort wird. Aus diesen beiden For 
meln ist der eigentümliche Zusammenstoß der Fiktionsebene und der Wirk- 
70. Ich habe früher in meinem Aufsatz: Zum Strukturproblem der epischen und dramatischen 
Dichtung (DVJS Jg. 25, Heft 1) die Konsequenzen, die sich daraus für die Phänomenologie der drama 
tischen Figur ergeben, darzulcgen versucht. Von den dort gewonnenen Ergebnissen wird hier nur das 
übernommen oder wiederholt, was für die Bestimmung des dichtungslogischen Ortes des Dramas 
wesentlich ist.
        

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