Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1467618455069/135/
Die dramatische Fiktion 
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»Strange Intermezzo« mit kühnem Griff in die Begrenzung einbrach, die dem 
dramatischen Dichter auferlegt ist 73 . Sowohl diese Erweiterungstechniken 
wie auch die inneren Aufbaustrukturen der einzelnen Dramen sind in 
unserem Zusammenhang deshalb aufschlußreich, weil sie einen Hinweis 
auf die duale dichterische Seinsform des Dramas geben, ja, etwas zugespitzt 
ausgedrückt, auf den Zwiespalt, in dem es sich befindet, als Dichtung eine 
umfassendere Wirklichkeit darstellen zu sollen und zugleich auf die wahr 
nehmbare Wirklichkeit an- und hingewiesen zu sein. In die Wirklichkeits 
problematik, die sich hier eröffnet, führen unmittelbar zwei Äußerungen 
großer moderner Dichter ein. 
Hugo von Hofmannsthal begründet seine Kritik an der Haltung der 
Prinzessin in Goethes >Tasso< damit, daß sie als dramatische Figur sich nicht 
auch durch Schweigen darstellen könne. »Ich glaube, sie hätte eine solch 
in sich ruhende Frau werden sollen ..., eine Figur wie die Stiftsdame, von 
der die Bekenntnisse einer schönen Seele sind, oder wie die Ottilie in den 
Wahlverwandtschaften. Aber für eine solche Durchsichtigkeit ist wahr 
scheinlich im Drama kein Platz, und weil im Drama die Figuren sich immer 
nur durch Reden zeigen können, nicht durch stilles Dasein und lautlose 
Reflexion der Welt in ihrem durchscheinenden Innern, so hat ihn (Goethe) 
hier, denk ich, das Metier gezwungen, die schönste Figur zu verderben, 
indem er sie über sich reden und deklamieren läßt, wo es ihre Sache wäre, 
sowohl als große Dame wie als schöne Seele, gerade nicht zu reden« 74 . Und 
in dem noch früheren Essay >Über Charaktere im Roman und Drama« (1902) 
in der Form eines Gesprächs zwischen Balzac und dem Orientalisten Ham- 
mer-Purgstall, läßt er Balzac den dramatischen Charakter als eine »Ver 
engerung des wirklichen« bezeichnen. »Was mich an dem wirklichen be 
zaubert, ist gerade seine Breite.« 75 Von verschiedenen Gesichtspunkten her 
beleuchten diese beiden Äußerungen das Fragmentarische der dramatischen 
Menschengestaltung. Hofmannsthal läßt Balzac, der ja meinte, mit der 
Breite und Vielzahl seiner Romane die Breite der Wirklichkeit seiner Na 
tion gewissermaßen reproduzieren zu können, der dramatischen Gestalt und 
ihrer Welt die ‘Wirklichkeit’ absprechen. Auch die Kritik an der Gestalt der 
Prinzessin Leonore beruht darauf, daß die eigentliche Wirklichkeit einer 
solchen Frau in dramatischer Form nicht in Erscheinung treten könne, weil 
sie nicht in der stillen Tiefe ihres Wesens, »ihrem durchscheinenden Innern«, 
allein mit sich selbst, schweigend, dargestellt werden kann, sondern gerade 
73. Näheres in m. Aufsatz: Zum Strukturproblem d. ep. u. dram. Dichtung. Vgl. auch Una Ellis- 
Fermor: The Frontiers of Drama, London’45. Die Erweiterungsformen werden naturgemäß in jeder 
Dramentheorie diskutiert, sind aber unter unserem Gesichtspunkt des dichtungslogischen Ortes nicht 
relevant. 
74. Unterhaltung über den Tasso, 217 
73. Prosa II, S. 44
        

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