Full text: Die Logik der Dichtung

Die fiktionale oder mimetische Gattung 
rade darin, daß sie anderseits eben deshalb auch auf die dichterische Struktur 
des Dramas einwirkt, weil sie als bloß wahrnehmbare Mimesis dichterische 
Gestalten fordert, die sich selbst darzustellen vermögen, aus der Vorstel 
lungswelt der Dichtung in die wie immer mimetische Wahrnehmungswelt 
der Bühne übertreten können. 
Die Probleme aber, die sich aus dieser erkenntnistheoretischen Betrach 
tung der beiden Arten der fiktionalen Gattung ergeben, machen es möglich 
ja nötig, auch ihre dritte, wenn auch nicht voll legitime Art, den Film, einer 
Analyse zu unterziehen. 
m. Die filmische Fiktion 
Im Rahmen einer Logik der Dichtung auch dem Film Beachtung zu 
schenken, scheint auf den ersten Blick nicht recht am Platze zu sein. Die 
Photographie, die Technik also, der der Film seine Existenz verdankt, 
scheint im Bereiche der sprachlichen Kunstwerke keinen legitimen Ort zu 
haben, ja gerade das Problem der Logik der Dichtung, das in der Sprach- 
struktur der Dichtung fundiert ist, keine Gültigkeit für den Film zu besitzen. 
Wie aber auch die Logik des Dramas sich erst ganz durch die Einbeziehung 
seiner Struktur als Theater- als Bühnenstück und damit der Phänomenologie 
der Bühne erhellt und erfüllt, beeinträchtigt auch der technische Faktor des 
Films seine Existenz als fiktionale und damit literarische Form nicht; und es 
wird sich denn auch zeigen, daß diese nicht nur trotz des technisch photo 
graphischen Faktors, sondern um seinetwillen eine bestimmte logische 
Struktur aufweist. Aber der photographische Faktor ist anderseits freilich 
auch die Ursache dafür, daß die Logik des Films verwickelter ist als die des 
Dramas und die der Erzählung; und zwar deshalb, weil sie um dieses Fak 
tors willen sozusagen nicht ganz autochthon ist, sondern nur in Bezugnahme 
auf die beiden anderen literarisch ‘echten’ fiktionalen Formen sich herstellt. 
Die verwickelte Problematik und Phänomenologie des Films rollt sich 
am leichtesten von der Situation des Filmzuschauers, des Kinobesuchers her 
auf. Diese unterscheidet sich von der des Theaterbesuchers auf der einen 
Seite und der des Romanlesers auf der anderen auf eine eigentümliche Weise, 
welche zunächst durch die einfache Feststellung angegeben werden kann, 
daß der Kinobesucher sich nicht wie der Theaterbesucher und der Roman 
leser völlig darüber im Klaren ist, was er tut und erlebt, wenn er einen Film 
sieht. Sieht er einen Roman oder ein Theaterstück ? Eine erzählte oder eine 
dramatisch dargestellte Handlung? Keineswegs ist diese Frage leicht und 
ohne weiteres zu beantworten; und erst durch einen sorgfältigen Vergleich 
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