Full text: Die Logik der Dichtung

Die lyrische oder existentielle Gattung 
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gend auf den Objektpol gerichtet ist und den subjektiven Aussagefaktor 
weitmöglichst eliminiert. Steht es dazu in Widerspruch, wenn wir sagen und 
zu zeigen versuchten, daß die Philosophie als Wissenschaftsgebiet auf der 
Aussageskala näher dem Subjektpol angesiedelt ist als die geschichtliche, 
d.i. geschichtswissenschaftliche und die mathematische Aussage, daß aber 
alle drei Aussagen trotzdem theoretische und nicht in dem Sinne ‘historische’ 
sind, wie das Aussagesubjekt des Rilkebriefes ? Die Verhältnisse klären sich, 
wenn wir daran erinnern, daß der Terminus ‘historisches Ich’ oder ‘histo 
risches Erzählen’ die Bezeichnung für die besondere Art von Wirklichkeits 
aussage war, die wir zum Vergleich mit dem fiktionalen Erzählen gebrauch 
ten, eine Wirklichkeitsaussage über die spezifisch menschliche, d.i. ge 
schichtliche Wirklichkeit, die in diesem Falle (des Rilkebriefes) unmittelbar 
im Erlebnisfeld des Aussage-Ichs anzutreffen ist. Das Aussagesubjekt des 
geschichtswissenschaftlichen Satzes ist gewiß auch ein historisches Ich, aber 
es ist nicht mehr wie das des Rilkebriefes ein sozusagen ‘privathistorisches’, 
sondern ein allgemeinhistorisches und das heißt eben theoretisch-histori 
sches Ich, das keine Individualität mehr besitzt. Der Begriff theoretisch 
historisch ist also nur eine Erweiterung des Begriffes historisch (wie er uns 
für die Darlegungen des vorigen Kapitels genügte und allein zweckdienlich 
war), und es wird deutlich, daß eine ähnliche Überlegung auch für die übri 
gen Aussagegebiete angestellt werden kann. Wenn auch nun mit dem Unter 
schied, der durch die Aussagegebiete selbst gesetzt ist: die nahezu absolute 
Objektivität der Naturwissenschaft und Mathematik, der ‘theoretischen’ 
Wissenschaften koct’ E^oxpv, hat zur Folge, daß von einem ‘privat-natur 
wissenschaftlichen’ Aussagesubjekt eben nicht gesprochen werden kann. 
Das private oder subjektive Erlebnis des Aussagenden findet hier keinen 
Raum der Äußerung wie im historischen Aussagegebiet, dem der spezi 
fisch menschlichen Wirklichkeit. 
Und wie verhält es sich mit unserem philosophischen Satze? Wenn es 
richtig ist, daß die Philosophie als Wissenschaftsgebiet sogar näher am Sub 
jektpol angesiedelt ist als die Geschichtswissenschaft, sind dann nicht eo 
ipso philosophische Aussagen als subjektiv-private, im Erlebnisfeld des 
Aussagenden angesiedelte und durch es geprägte zu betrachten und zu be 
stimmen ? Dennoch verhält es sich so, daß wir ein philosophisches Werk 
noch so weltanschaulich-ethischer oder metaphysischer Art durchaus als ein 
objektiv-theoretisches lesen. Denn obwohl der theoretische Objektivitäts 
grad seiner Aussagen nicht so groß ist wie der der Mathematik, sondern ge 
prägt durch die Deutung des Philosophen ist, spricht dieser hier dennoch 
nicht als sozusagen privat-persönliches oder, wie wir hier vorweisend schon 
sagen wollen, existentielles Ich, sondern eben als theoretisches, genau wie 
der Welt-, der Literatur-, der Kunsthistoriker. Selbst das theoretische Ich,
	        

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