Full text: Die Logik der Dichtung

Die lyrische oder existentielle Gattung 
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diejenige Kunst ist, bei welcher die Kunst sich aufzulösen beginnt? Eine be 
jahende Antwort Hegt nicht fern gerade angesichts einer Sammlung wie der 
jenigen Goethes. Denn eben schon diese zeigt, wie wir auch früher schon 
erinnert haben, daß nicht etwa Reim und Metrum die Grenze zwischen Ly 
rik und Nichtlyrik bedeuten. So sehr sie, wie nun gleich einräumend zu sa 
gen ist, mit der logisch-strukturellen Form und Entstehung der Lyrik zu 
tun haben. Wo aber finden wir die entscheidenden Kriterien? Ja, gibt es 
überhaupt Kriterien der Art wie sie im Falle der fiktionalen Gattung das 
Verhalten des Präteritums uns zur Verfügung stellte? Es gibt solche Kri 
terien in der Tat, und es nimmt nicht wunder, daß es wiederum das logische 
Aussagesubjekt ist, das sie enthält: das lyrische Ich, wie wir diesmal der all 
gemeinen Tradition folgend sagen dürfen, wenn wir es auch auf eine me 
thodisch andere Weise, als es zu geschehen pflegt, zu bestimmen haben wer 
den. Doch hoffen wir eben dadurch die Meinungsverschiedenheiten, die in 
der Literaturtheorie über dieses lyrische Ich bestehen, schfichten zu können. 
ii. Die Beschaffenheit des lyrischen Ich 
Fragen wir, wie ein lyrisches Gedicht zu bestimmen ist, so lautet die Ant 
wort, die wir zunächst zu geben haben, wie eine Tautologie. Denn wir kön 
nen zunächst nur sagen, daß es das Gedicht selbst ist, das das lyrische Ge 
dicht und damit die Lyrik definiert. Doch diese Antwort wird sich als nicht 
mehr ganz so tautologisch erweisen, wenn gezeigt sein wird, daß die Tat 
sache der Präsentation des Gedichtes als Gedicht kein primäres, sondern ein 
sekundäres Phänomen der Phänomenologie der Lyrik ist. Die Präsentation 
als Gedicht entspricht dem fiktionalen Erzählen. Sie hat wie dieses die Be 
deutung des Kontextes, der uns darauf hinweist, daß wir es hier mit Ver 
hältnissen der Kunst, der Dichtung und nicht mit solchen der Wirkfichkeit 
zu tun haben. Und zwar, wie wir gleich sagen woHen, unbeschadet der Tat 
sache, daß die Lyrik im Gebiete der WirkUchkeitsaussage ihren Ort hat. 
Wenn nun aber der Kontext des fiktionalen Erzählens sich bereits durch 
seine ihm innewohnende logische Beschaffenheit, die es vom historischen 
unterscheidet, ausweist, so hat der Kontext des lyrischen Gedichtes offenbar 
nur ästhetische Merkmale, eben die Gedichtform, die aber, wie wir zeigten, 
die logische Aussageform selbst nicht berührt. Können sie uns trotzdem 
zum Kriterium dienen? Es ist zunächst zu bemerken, daß der Begriff‘ästhe 
tisch’ hier nicht im Sinne des ästhetischen Urteils verstanden ist (ob ein Ge 
dicht gut oder schlecht ist z.B.), sondern nur im Sinne der Kunstform selbst. 
Diese Form hat die Bedeutung und Funktion des richtungweisenden Kon 
textes, weil sie uns auf eine bestimmte Haltung, einen bestimmten Willen
	        

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