Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1467618455069/21/
Die Begriffsbildung ‘Dichtung und Wirklichkeit' 
faßtes ‘Sprachwerk’ gar keine Kupons ist, wie etwa das Naturgedicht des 
Empedokles: »indem die Leute das Dichten mit dem Metrum verknüpfen, 
nennen sie die Elegiendichter epische Dichter, geben den Namen Dichter 
also nicht nach der Mimesis, sondern nach dem Metrum . . . Homer und 
Empedokles haben aber nichts gemein außer dem Metrum (dem Hexa 
meter), weshalb man jenen einen Dichter, diesen aber eher einen Natur 
forscher nennen sollte. « 10 11 In das griechische Wort <pucri6Aoyos geht der Be 
griff Xöyos ein, und wenn man dazu eine weitere kleine Stelle der Poetik 
heranzieht, tritt der Sinn einer Unterscheidung zwischen denBegriffen ttoisTv 
und Asysiv (sagen), ni|tr]CTis und Aöyos, hervor, der daraufhinweist, daß der 
Begriff ‘Dichtung’ für Aristoteles ausschließlich durch Darstellung, Gestal 
tung handelnder Menschen gedeckt war, nicht aber schon durch eine wie 
immer ‘dichterische’ metrische ‘Aussage’. Nicht zufällig wird dies Problem 
ihm bei der ‘erzählenden’ Dichtung akut. Er tadelt es, wenn ein Epiker »in 
eigener Person« (aÜTÖv) redet, statt handelnde Personen mimetisch zu ge 
stalten. »Ein Dichter soll so wenig wie möglich selbst (in eigener Person) 
reden, denn tut er dies, ist er kein piprjTfis.« 11 Und er lobt Homer als den 
einzigen Epiker, der dies Gesetz der ttoitictis erfüllt hat, nämlich nach einer 
kurzen Einleitung sogleich einen Mann oder eine Frau auftreten lasse, die 
reden 12 . 
Die Ausschließung nicht-mimetischer »Dichtung« (wie wir mit Hinsicht 
auf Aristoteles in Anführungsstrichen sagen müssen) aus der TroiriCTis kann 
als Ansatz der Einsicht aufgefaßt werden, daß eine Dichtungsform, die 
keine Handlung bzw. handelnde Menschen »macht« (ttoieT), — wir dürfen 
sagenkeine fiktiven, im Modus der piripcTis und nicht der Wirklichkeit leben 
den Menschen erschafft - in einem anderen Gebiete dessen angesiedelt ist, was 
wir heute als das gesamte Dichtungssystem bezeichnen. Es wird sich in 
unseren Untersuchungen zeigen, welche Bedeutung dieser Unterschied, den 
wir durch die Begriffe der fiktionalen oder mimetischen und der lyrischen 
oder existentiellen Dichtung bezeichnen werden, für die logische Struktur 
des Dichtungssystems und damit für die Phänomenologie der Dichtungs 
gattungen hat. 
Wenn die Begriffsbildung Dichtung und Wirklichkeit auch im Begriffe 
der pinr)cyis enthalten ist, so ist sie doch für Aristoteles nicht eigentlich the 
matisch geworden. Aber es liegt in der Natur des freilich nicht explizit und 
bewußt gewordenen Sachverhalts, daß die neuere Poetik, die diese Begriffs 
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cpuaioAöyov paAAov 7ronyrf)v (1447k). 
11. aÖTÖv ydp 8eT töv 7rotr)Tf|v ¿Adytora A4yEiv. oO ydp kau kotö toOto piprjT^s (1460*). 
12. ebd. 
9
        

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