Volltext : Die Logik der Dichtung

Die  Beschaffenheit  des  lyrischen  Ich

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Ehe  wir  dies  unternehmen,  muß  die  prinzipielle  Frage  gestellt  werden,
der  vom  dichtungslogischen  Gesichtspunkt  nicht  ausgewichen  werden
kann:  ob  nicht  das  Faktum  der  Gedichteinlagen  in  episch  fiktionalen  Werken ­
  überhaupt  die  hier  entwickelte  logische  Theorie  über  den  Haufen  wirft.
Wenn  es  richtig  ist,  daß  das  lyrische  Gedicht  als  Wirklichkeitsaussage  erlebt
wird,  bei  der  wir  über  das  Verhältnis  des  lyrischen  Ich  zum  Dichter-Ich
nichts  Bestimmtes  aussagen  können,  -  wie  verhält  es  sich  dann  in  der  Fiktion, ­
  in  Bezug  auf  die  das  Dichter-Ich,  der  Verfasser,  überhaupt  nicht  existiert? ­
  Gerade  aber,  wenn  wir  so  fragen,  enthüllt  sich  der  unmittelbar  gespürte ­
  Unterschied  der  Lyrik  im  >Wilhelm  Meister«  und  in  Eichendorffs
>Ahnung  und  Gegenwart«,  >Dichter  und  ihre  Gesellen«,  >Taugenichts<.  Klingt
in  unserem  Gedächtnis  eins  der  Wilhelm  Meister-Lieder  auf:  »Wer  nie  sein
Brot  mit  Tränen  aß«,  »Nur  wer  die  Sehnsucht  kennt,  weiß  was  ich  leide«,
»Kennst  du  das  Land«  u.  a.,  so  ist  es  sofort  zugeordnet  zu  der  Romangestalt,
die  es  sagt  oder  singt.  So  sehr  diese  Gedichte  durch  ihre  dichterische  Schönheit ­
  aus  der  Prosa  der  Erzählung  hervorleuchten  und  als  solche  ein  lyrisches
Eigenleben  zu  führen  scheinen,  so  bleiben  sie  doch  durchaus  auf  den  Romankontext ­
  bezogen,  und  das  besagt:  ihr  jeweiliges  lyrisches  Ich  ist  uns  sogleich
als  das  fiktive  Ich  des  Harfners,  Mignons  bewußt.  Diese  Gedichte  erhalten
ihren  Sinngehalt  aus  den  Gestalten  und  formen  ihrerseits  diese  Gestalten
mit.  Selbst  für  ein  Gedicht,  das  an  sich  von  so  allgemeinem  Sinngehalt  ist
wie  »Wer  nie  sein  Brot  mit  Tränen  aß«,  gilt  dies  noch.  Es  gewinnt  freilich
einen  besonderen  eigenen  Sinn,  wenn  es  losgelöst  aus  dem  Roman  sich  darbietet ­
  und  tritt  damit  in  das  Aussage-Sein  der  Lyrik  ein.  Im  Roman  aber  verliert ­
  es  wieder  diesen  Eigensinn,  und  es  ist  nun  die  tragische  Existenz  des
Harfners,  die  in  ihm  Gestalt  und  Ausdruck  gewinnt  -  hier  wie  in  allen  diesen
Liedern  geheimnisvollere  Gestalt,  tieferen,  »schweigenderen«,  aus  unsagbareren ­
  Gründen  emporquellenden  Ausdruck,  als  es  in  der  prosaisch  erzählenden ­
  Form  möglich  gewesen  wäre  (in  Goethes  Kunstintention).  Die  lyrische ­
  Aussagemacht  dieses  Dichters  ist  in  diesen  Liedern  in  den  Dienst  seiner
episch  bildenden  getreten:  in  den  geheimnisvollen  Liedern  Mignons  und
des  Harfners  kulminieren  die  geheimnisvollen  Gestalten.
Einen  ganz  anderen  Eindruck  hinterlassen  die  unzähligen  Lieder,  die  die
Gestalten  der  Eichendorffschen  Romane  singen.  Lesen  wir  sie  im  Rahmen
der  Gedichtsammlung,  versehen  mit  den  Vermerken:  »aus  Ahnung  und
Gegenwart«,  »aus  Dichter  und  ihre  Gesellen«,  so  wird  es  selbst  einem  genauen ­
  Kenner  dieser  Werke  schwer  sein,  aus  dem  Kopfe  festzustellen,  von
welcher  der  Romanpersonen  sie  gesungen  sind,  ja  auch  nur  in  welchen  der
Romane  sie  überhaupt  gehören.
            
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