Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1467618455069/23/
Die Begriffsbildung 'Dichtung und Wirklichkeit' 
II 
das wir als das spezifisch logische von dem ästhetischen unterscheiden müs 
sen. Hegel durchschaute sehr scharf die hier vorliegenden Verhältnisse, 
wenn er als das eigentliche Material der Dichtung nicht die Sprache als 
Bezug, sondern »die geistige Vorstellung und Anschauung« bezeichnet, in 
solche auf die »das Material, durch welches sie sich kundgibt, nur noch den 
Wert eines wenn auch künstlerisch behandelten Mittels für die Äußerung 
des Geistes an den Geist hat.« 16 Deutlich trennt hier Hegel die logische von 
der ästhetischen Seite der Dichtung, wenn er auch das Problem der Sprache 
selbst nicht durchdacht und den Zusammenhang zwischen ihrer logisch 
grammatischen und ihrer dichtungskonstituierenden Funktion nicht er 
kannt hat. Worauf es aber in diesem Zusammenhang zunächst ankommt, 
ist die Erkenntnis Hegels, daß die Dichtung darum in Gefahr ist, sich selbst 
als Kunst, und damit das Kunstsystem, aufzulösen, weil sie dem allgemeinen 
Vorstellungs- und Denksystem angehört, »das Vorstellen auch außerhalb 
der Kunst die geläufigste Weise des Bewußtseins ist. « 16a In dieser Feststellung 
tritt nun der Wirklichkeitsbegriff hervor, der allein das Kriterium für die 
Form und die Formen der Dichtung enthält: die Wirklichkeit, die im Modus 
des Gedachtseins existiert, d.h. als Gegenstand der Vorstellung und jeg 
licher Art von Beschreibung. »Das Denken«, sagt Hegel, »verflüchtigt die 
Form der Realität zur Form des reinen Begriffs, und wenn es auch die wirk 
lichen Dinge in ihrer wesentlichen Besonderheit und ihrem wirklichen Da 
sein faßt und erkennt, so erhebt es dennoch auch dies Besondere in das all 
gemeine ideelle Element, in welchem allein das Denken bei sich selber ist«. 17 
Die »zur Form des reinen Begriffes verflüchtigte Realität« ist die Realität, 
die sowohl in der dichtenden wie in der nicht-dichtenden Sprache, »in 
der Prosa des wissenschaftlichen Denkens« 18 aufgebaut werden kann. Was 
eine gemalte Landschaft von einer wirklichen unterscheidet, ist unschwer 
anzugeben. Nicht ebenso greifbar aber ist die Grenze, die die Beschreibung 
einer Landschaft in einer Dichtung von einer außerdichterischen Land 
schaftsbeschreibung trennt (wie wir hier noch in vorlogischer Unbestimmt 
heit sagen wollen). Die Vorstellungswelt der Dichtung unterscheidet sich 
von der ‘prosaischen’ außerdichterischen nicht durch die Kategorie des 
Materials und der geometrischen Gestalt (wie Stoff oder Modell eines Ge 
mäldes von diesem). Und Hegel stellte es denn auch als eine keineswegs 
leichte Aufgabe fest, »die poetische Vorstellung von der prosaischen abzu 
scheiden« 19 . Selbst machte er es sich dann freilich allzu leicht, wenn er »die 
16. ebd. II, 260 
16a. ebd. III, 234 
17. ebd. III, 242 
18. Wissenschaftliches Denken bedeutet bei Hegel (u. Fichte) theoretisches Denken, und auch dies 
in dem weiteren Sinne dessen, was wir unten als Wirklichkeitsaussage bezeichnen. 
19. Vorlesungen über die Ästhetik III, 234
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.