Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1467618455069/24/
Die logischen Grundlagen 
künstlerische Phantasie« 20 als Kriterium dieser Unterscheidung aufstellt. 
Denn keineswegs ist sie die Instanz, die imstande wäre zu verhindern, daß 
die Kunst sich aufzulösen beginnt und ihren Übergangspunkt in die Prosa 
des ‘wissenschaftlichen’, d. i. theoretischen Denkens erhält. Es ist ja auch 
unmittelbar ersichtlich, daß dieser unbestimmte psychologische Begriff un 
brauchbar für die Feststellung der stringent logischen Verhältnisse ist, die 
Hegel in dem angeführten wichtigen Satze anleuchtet, ohne sie freilich be 
friedigend zu analysieren und aufzuklären. Er hat in seiner Ästhetik den an 
gegebenen Wirklichkeitsbegriff nicht weiter entwickelt, an dem das System 
der Dichtung zu orientieren ist und damit die bereits richtig konzipierte 
‘Seinsweise’ der Dichtung als Teil des allgemeinen Vorstellungs- und Sprach 
systems nicht zu Ende gedacht. 
Aber schon sein Ansatz ist wichtig genug, um auf ihn auch sozusagen hin 
ter dem Rücken moderner Dichtungstheorien zurückzugehen, die in dieser 
Richtung weitergedacht haben und die Dichtung als Teil des allgemeinen 
Sprachsystems behandeln. Dies gilt in erster Linie für Hegels neuzeitlichen 
Jünger Benedetto Croce. Ohne etwa in diesem besonderen Punkte von 
Hegel seinen Ausgang zu nehmen, hat dieser in seiner Ȁsthetik als Wissen 
schaft vom Ausdruck und allgemeine Sprachwissenschaft« (deutsch 1930) 
gewissermaßen durch ein Diktat die von Hegel gesehene Problematik be 
seitigt. Jegliche Gefahr der Auflösung der Dichtung in die »Prosa des 
wissenschaftlichen Denkens« beseitigt Croce durch die Zweiteilung, die er 
im Bereiche der Erkenntnis und ihrer sprachlichen Manifestation überhaupt 
vomimmt: die Teilung in eine ‘intuitive’ und eine ‘theoretische’ (logische) 
Erkenntnis. Intuitive Erkenntnis ist die Erkenntnis individueller Einzel 
dinge, logische Erkenntnis ist die Erkenntnis des Allgemeinen, wobei die 
erstere sich in Bildern, die letztere in Begriffen vollzieht resp. solche hervor 
bringt. Die intuitive Erkenntnis und die ihr zugeordnete Bildsprache, der 
Ausdruck (Expression) ist dabei denkbar weit gefaßt. Jeder Satz, in dem 
wir ein individuelles Ding oder Ereignis beschreiben, ist bereits eine Intui 
tion und damit eine Expression. Eine Intuition liegt etwa vor, wenn wir 
»dieses Glas Wasser« sagen, während die Aussage »das Wasser« ein allge 
meiner Begriff ist. Croce eliminiert also die Begrifflichkeit des Sinnes einer 
Aussage, sobald diese sich auf ein individuelles Phänomen bezieht und nicht 
aui einen Begriff (unter den individuelle Phänomene fallen). Von diesem 
Ausgangspunkt (dessen Problematik an sich hier nicht zur Rede steht) ist 
es begreiflich, daß Croce alle Aussagen der Dichtung als Intuitionen oder 
Expressionen bezeichnen muß. Denn Dichtung beschreibt nicht allgemeine 
Begriffe, d.h. sie ist nicht theoretische Erkenntnis, sondern sie beschreibt 
20. ebd. III, 228 : „Wir können diesen Unterschied allgemein so fassen, daß es nicht die Vorstellung 
als solche, sondern die künstlerische Phantasie sei, welche einen Inhalt poetisch mache.“ 
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