Full text: Die Logik der Dichtung

2 43 
16* 
ABSCHLUSS UND AUSBLICK 
Zum Symbolproblem der Dichtung 
Sehen wir am Ende dieser Betrachtungen nun nochmals auf das Leitwort 
zurück, das Hegels Satz für unsere Untersuchung bedeutet hatte, erkennen 
wir, daß dieser nur soweit gültig ist, als er denWeg in das von Hegel selbst 
nicht erhellte Problemgebiet der spezifischen Dichtungslogik wies. Daß die 
»Poesie« diejenige Kunst sei, bei welcher die Kunst sich aufzulösen beginnt 
und »in die Prosa des wissenschaftlichen Denkens übergeht«, hatte Hegel 
zwar aus der besonderen Eigenschaft des Sprachmaterials der Dichtung ab 
geleitet, das an sich identisch mit der nicht-dichtenden Sprache ist. Er hatte 
aber nicht erkannt, daß dieses allgemeine Sprachmaterial ein so gefügiges 
Instrument des Denkens und Vorstellens ist, daß es zugleich auch die Eigen 
schaften besitzt oder entwickeln kann, die bewirken, daß die Dichtung trotz 
dem sich als Kunstgebilde behauptet und weder sich selbst noch damit auch 
die Kunst als solche »in die Prosa des wissenschaftlichen Denkens« auflöst. 
Er hatte gesehen, wo die »gefährlichen« Übergangspunkte liegen, aber er 
hatte nicht gesehen, wie die Sprache, wenn sie Dichtung hervorbringt, sie 
vermeidet: indem sie im Falle der fiktionalen Dichtung die Gesetze der Aus 
sagestruktur preisgibt, im Falle der lyrischen die Aussage sich nach dem 
Willen des lyrischen Ich richtet und verhält, nicht in einem Wirklichkeits 
zusammenhang zu fungieren. 
Damit sind wir an dem Punkte, in zusammenfassendem Rückblick auf die 
Resultate dieser Untersuchung nochmals die allgemeine Frage nach der 
Funktion der Dichtungslogik für die ästhetische Erkenntnis und Interpre 
tation der Dichtung als solcher wie auch der einzelnen Dichtwerke stellen 
zu müssen, die Frage nach dem Verhältnis von Dichtungslogik und Dich 
tungsästhetik. Zum Teil hat sich diese Frage schon aus den Darlegungen 
der logischen Probleme selbst beantwortet. Eine ganze Reihe der logischen 
Strukturanalysen hatte unmittelbar die dichterische Substanz als solche mit 
ergriffen, während anderseits an manchen Stellen auf die Grenze gestoßen 
wurde, an der die Befugnisse des Logikers vor denen des ästhetischen Be 
urteilers zurückzutreten haben. Die allgemeine Beschaffenheit der Erzähl 
funktion oder des lyrischen Ich zu ergründen, gehört in den Aufgaben 
bereich der Logik der Dichtung, das Wie, den Stil, die jeweils besondere
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.