Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1467618455069/46/
Die fiktionale oder mimetische Gattung 
einzig das Plusquamperfekt stehen. Es kann im Romansatz zwar heißen: 
Morgen war Weihnachten, niemals aber: Gestern war Weihnachten 4 , son 
dern nur: Gestern war Weihnachten gewesen. Dies einzig mögliche Plus 
quamperfektin der Verbindung mit dem deiktischen Vergangenheitsadverb 
ist für das fiktionale Erzählen ebenso aufschlußreich wie die nur in die 
sem mögliche Verbindung des Zukunftsadverbs mit dem Imperfekt. Und 
beiden Tempusphänomenen liegt dasselbe Gesetz zugrunde: daß das ‘epi 
sche Ich’, auch ‘Erzähler-Ich’ oder ‘Erzähler’ genannt kein Aussagesubjekt 
ist. Es bedeutet dasselbe, wenn wir sagen: daß das Erzählte nicht auf eine 
reale Ich-Origo, sondern auf fiktive Ich-Origines bezogen, also eben fiktiv 
ist 5 . Die epische Fiktion ist dichtungstheoretisch allein dadurch definiert, 
daß sie i. keine reale Ich-Origo enthält und 2. fiktive Ich-Origines enthalten 
muß, d.h. Bezugssysteme, die mit einem die Fiktion in irgend einer Weise 
erlebenden realen Ich, dem Verfasser oder dem Leser, erkenntnistheoretisch 
und damit temporal nichts zu tun haben 6 . Eben dies bedeutet umgekehrt, 
daß sie nicht-wirklich, fiktiv, sind. Diese beiden Bedingungen aber besagen 
ein und dasselbe und sind nur der Deutlichkeit wegen in eine negative und 
eine positive Behauptung auseinandergelegt. Denn erst das Auftreten bzw. 
das erwartete Auftreten der fiktiven Ich-Origines, der Romanpersonen, ist 
der Grund dafür, daß die reale Ich-Origo verschwindet und zugleich, als 
logische Folge, das Präteritum seine Vergangenheitsfunktion ablegt. Ehe 
4. Nur im Dialogsystem eines Romans, als direkte Rede einer Romanfigur kann der Satz auch in 
dieser Form Vorkommen, d.h. als Erzähltes nicht als Erzählen; s. unten S. 47. 
5. Die Deutung dieser Zusammenhänge durch Brugmann läßt wiederum erkennen, daß der Unter 
schied zwischen historischem und fiktionalem Erzählen, nicht bewußt geworden ist. Brugmann meint, 
daß „es an der Natur der ichdeiktischen Pronomina nichts ändert, daß sie zum Teil auch in der Erzäh 
lung vergangener Ereignisse gebraucht werden. Wenn nämlich Demonstrativa räumlicher oder zeit 
licher Bedeutung, wie sie für die Anwesenheit und Gegenwart vom Standpunkte des Sprechenden aus 
gelten, in der Erzählung auftreten, so ist dies dramatische Gebrauchsweise, ähnlich wie wenn in der 
Erzählung das Präsens statt eines Vergangenheitstempus angewandt wird. So: er saß den ganzen Tag 
traurig da: er hatte heute (statt an dem Tage) zwei Hiobsposten erhalten“ (Brugmann: Demonstrativ 
pronomina, 41 f.). Gewiß ist es richtig, daß der Gebrauch der ichdeiktischen Pronomina sich in der im 
Imperfekt erzählten Geschichte nicht ändert. Was sich ändert, ist Funktion und Bedeutung des Imper 
fekts, das auch in Brugmanns Beispiel nichts Vergangenes aussagt und nur darum mit den Deiktika 
stehen kann, weil es dies nicht tut. Diese Verhältnisse werden verdeckt, wenn man sie auf ‘Dramati 
sierung’ schiebt. Was vorliegt ist ein Mittel der Fiktionalisierung, dessen gerade das Drama nicht bedarf. 
6. So sagt Dagobert Frey, als willkommene Bestätigung der hier sprachtheoretisch ermittelten Ver 
hältnisse: „In der Epik ist Raum und Zeit des Geschehens rein objektiver Natur. Sie haben mit der 
räumlich zeitlichen Bestimmung des Subjektes überhaupt nichts zu tim, weder mit der des Dichters 
noch der des Zuhörers; sie sind zu dieser in keinerlei Beziehung zu setzen. Dadurch unterscheidet sich 
ja auch Geschichte von der dichterischen Erzählung, indem sie zwar ebenfalls rein objektiver Natur ist, 
aber räumlich und zeitlich grundsätzlich immer in den konkreten Raum und die konkrete Zeit, wie sie 
im subjektiven Erleben gegeben sind, eingeordnet ist.“ (Gotik und Renaissance, Augsburg ’29, 213). 
- Diese Einsicht, wie auch unsere Darlegungen, richten sich gegen die recht verbreitete, mit der Ver 
gangenheitstheorie nahezu mitgegebene Auffassung, daß der epische Erzähler, d.h. der Dichter in 
einem zeitlichen Verhältnis, einer „Erzähldistanz“, zu dem Erzählten stünde. Sie wird neuerdings prin 
zipiell von FStanzel: Die typischen Erzählsituationen im Roman (Wiener Beiträge zur engl. Philologie, 
Bd. 53, Wien ’55) vertreten und durchgeführt.
        

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