Die epische Fiktion
wir die Struktur der Fiktion näher beschreiben, wollen wir an einem besonders
geeigneten Beispiel, das eine an sich unscheinbare Stelle der deutschen
Prosadichtung zur Verfügung stellt, zeigen, was dichtungstheoretisch der
Begriff fiktive Person bedeutet und warum erst ihr Auftreten in einer Erzählung
dieser den Charakter der Nicht-Wirklichkeit gibt und zugleich dem
Imperfekt seine Vergangenheitsbedeutung nimmt.
Wir finden diese Stelle im Anfang von Stifters > Hochwald <. Diese Stelle
ist darum besonders instruktiv für unser Problem, weil sie nicht nur eine
Milieuschilderung, wie der Anfang des >Jürg Jenatscht, sondern eine
Milieuschilderung in der Ichform ist, die später aus dem Roman verschwindet.
Diese epische Sonderform haben wir bisher nicht zur Sprache gebracht,
weil sie als solche für den Nachweis der Gesetze des fiktionalen Erzählens
unbrauchbar ist. Ihre Stellung in der Epik und im System der Dichtung wird
unten eingehend dargelegt. In der Art aber, wie sie in unserem Beispiel auftritt,
dient sie durch eine besonders deutliche Kontrastwirkung dem zu
demonstrierenden Sachverhalt. Sie macht diese Stelle zu einer Fundgrube
für den Dichtungstheoretiker, indem sie an ihr ein Nebeneinander von historischem
und fiktionalem Erzählen konzentriert, das deren logische Unterschiedlichkeit
sehr schön hervortreten läßt.
Die Erzählung beginnt mit einer Schauplatzschilderung im Präsens:
An der Mitternachtseite des Ländchens Österreich zieht ein Wald an die dreißig Meilen
lang seinen Dämmerstreifen westwärts ... Er beugt. . . den Lauf der Bergeslinie ab, und
sie geht dann mitternachtwärts viele Tagereisen weiter. Der Ort dieser Waldesschwenkung
nun ist es, in dessen Revieren sich das begab, was wir uns vorgenommen haben, zu erzählen.
Diese präsentische Milieuschilderung ist, obwohl sie einen Roman einleitet,
im Unterschied zum Anfang des >Jürg Jenatsch<, eine echte Wirklichkeitsschilderung.
Und zwar weist sie sich als solche nicht etwa durch die
geographische Örtlichkeit, sondern durch das Präsens aus, das kein historisches
Präsens ist, sondern das (wenn auch undatierte) Jetzt bezeichnet, in
dem der Erzähler erzählt - weshalb wir den Begriff Erzähler hier nicht in
Anführungszeichen setzen. Denn der Erzähler ist hier eine reale Ich-Origo,
er denkt sich in die Zeit zurück, wo er selbst in der geschilderten Gegend,
die der Schauplatz der kommenden Romanhandlung sein soll, umhergestreift
war — und es kommt dabei nicht darauf an, ob oder wieweit diese
Erinnerung echt oder unecht, d. h. fingiert ist. Nur auf die Form des Erzählens
kommt es an, die die einer Wirklichkeitsaussage ist, die Aussage
eines echten Aussagesubjekts und damit einer realen Ich-Origo; und nicht
zufällig wird alsbald das anfängliche allgemeinere Personalpronomen »wir«
(das ja in theoretischen Darstellungen oft benutzt wird) durch das persönlich-existentiellere
der ersten Person ersetzt:
iJ