Title:
Die Logik der Dichtung
Creator:
Hamburger, Käte
Shelfmark:
2L 2061
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1467618455069/48/
Die fiktionale oder mimetische Gattung 
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Ein Gefühl der tiefsten Einsamkeit überkam mich jedesmal unbesieglich, so oft und 
gern ich zu dem märchenhaften See hinaufstieg . . . Oft entstieg mir ein und derselbe Ge 
danke, wenn ich an diesen Gestaden saß . . . Oft saß ich in vergangenen Tagen in dem alten 
Mauerwerke . .. 
Auch das Imperfekt dieser Stelle ist wie das Präsens der vorhergehenden 
auf das Jetzt des Erzählers bezogen. Es gibt eine Vergangenheit seines 
Lebens, die Jugendzeit, an, in der er in jener Gegend umhergestreift war. - 
Dann wird die Beschreibung des in Bezug auf den Ich-Erzähler gegenwärti 
gen Schauplatzes in einen für ihn historischen Bericht übergeführt, d. h. er 
versetzt sich nun mit seiner Phantasie in eine weiter zurückliegende, von 
ihm nicht mehr erlebte Vergangenheit zurück: 
Und nun, lieber Leser, wenn du dich satt gesehen hast, so gehe jetzt mit mir um zwei 
Jahrhunderte zurück. 
Das Bild der Burg, wie sie die Phantasie aus der gekannten Burgruine her 
stellt, wird dem Leser vor Augen geführt. Aber trotzdem beginnt damit die 
Romanhandlung noch nicht. Wir haben hier vielmehr ein literarisches Bei 
spiel für den logisch-sprachtheoretischen Unterschied zwischen einer Phan 
tasie und einer Fiktion, auf den oben bereits aufmerksam gemacht wurde: 
Denke weg aus dem Gemäuer die blauen Glocken und die Maßlieben und den Löwen 
zahn ... streue dafür weißen Sand bis an die Vormauer, setze ein tüchtig Buchentor in den 
Eingang... 
Der Entwurf dieses Phantasiebildes, das vor den Leser hingestellt wird, 
ist eine Wirklichkeitsaussage, auch wenn ihr Inhalt ausdrücklich als Phan 
tasie kenntlich gemacht ist. Denn sie ist bezogen auf das ‘redende Subjekt’, 
wird als sein Phantasiegebilde dargestellt, als ein nicht ganz unwirkliches 
überdies, da es in einer für den Erzähler bestimmten vergangenen Epoche 
lokalisiert ist. Die durch die Anwesenheit der erzählenden Ich-Origo ge 
kennzeichnete Phantasieaussage setzt sich auch noch fort, als nun die Ge 
stalten, die die kommenden Romanheldinnen sein werden, die beiden Töch 
ter Heinrichs des Wittingshausers, vorgeführt werden. Denn sie ‘treten noch 
nicht auf’, sie werden vorgeführt wie, ja als zu dem Bilde gehörige Staffage 
figuren : 
... die Türen fliegen auf- gefällt dir das holde Paar? . . . Die jüngere sitzt am Fenster 
und stickt.. . Die ältere ist noch nicht angezogen .. . 
Auch das Präsens dieser Beschreibung ist kein historisches Präsens, das 
ein Imperfekt ersetzte, und zwar obwohl wir uns in der vom Erzähler eigens 
so bezeichneten historischen Vergangenheit befinden. Aber nicht darauf 
kommt es an, sondern auf die immer noch anwesende Ich-Origo des Er-
        

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