Full text: Die Logik der Dichtung

Die epische Fiktion 
Zählers, der in seiner sich in eine bestimmte Vergangenheit zurückversetzen 
den Phantasie die Örtlichkeit mit den Mädchen immer noch wie ein Bild vor 
Augen hat und vor den Leser hinstellt, in einem Präsens, das man denn auch 
als tabularisches bezeichnet. Und erst als die stummen Bilder der Mädchen 
zu lebendigen Gestalten - handelnden Menschen, wie Aristoteles gesagt hat - 
werden, setzt, dem Dichter unbewußt, vom Leser unbemerkt, das Imper 
fekt ein: 
Die am Fenster stickt emsig fort und sieht nur manchmal auf die Schwester. Diese hat 
mit einmal ihr Suchen eingestellt und ihre Harfe ergriffen, aus der schon seit längerer Zeit 
einzelne Töne wie träumend fallen, die nicht Zusammenhängen, oder Inselspitzen einer 
untergesunkenen Melodie sind. Plötzlich sagte 1 die jüngere: . . . 
Von diesem »sagte« an geht die Erzählung im Präteritum weiter, und 
das bedeutet in diesem Kontexte, daß erst mit ihm wir den Raum der Fiktion 
betreten haben. Denn deutlicher kann kein Text darüber auf klären, daß mit 
diesem Imperfekt die Ich-Origo des Erzählers verschwindet, sich gewisser 
maßen aus der Erzählung zurückzieht und an ihre Stelle die fiktiven Ich- 
Origines der Romangestalten treten. Bis zu diesem »sagte« hatten Schau 
platz und Zeit der Erzählung noch in der Vergangenheit des Erzählers ge 
standen, waren auf seine echte Ich-Origo, sein echtes Jetzt-Erzählen bezo 
gen. Sie waren Gegenstand einer Wirklichkeitsaussage, wenn auch einer 
phantasierten, ja einer fingierten 8 . Erst mit dem Imperfekt wird das stumme 
Bild zu einem lebenden Bild, zum Roman, zur Fiktion 9 im genauen dich 
tungstheoretischen Sinne. Gerade der Kontrast dieses Imperfekts mit dem 
voraufgehenden Präsens der Bildschilderung, das hier kein historisches Prä 
sens ist, zeigt diese Grenze mit aller Deutlichkeit an. Die Bildschilderung, 
von »Die jüngere sitzt am Fenster und stickt. . .« an, leitet gewiß zur Fik 
tion bereits über, indem sie die Mädchen in ihren Beschäftigungen zeigt. 
Aber so genau lenkt die hier vorliegende Gestaltungstendenz die gramma 
tischen Bedeutungsgehalte, daß dieses Präsens nur dann die Bedeutung eines 
historischen Präsens erhalten hätte, wenn diese Schilderung nach dem Imper 
fekt »sagte« aufgetreten wäre. Denn dann würde sie bereits dem Raum der 
Fiktion angehören. Hiergegen kann einwendend gefragt werden, ob es also 
das Imperfekt, das Präteritum als solches ist, das das fiktionale Erzählen als 
fiktional ausweist, da doch in unserem Text auch an seiner Stelle ein Präsens 
hätte stehen können, ohne den fiktionalen Charakter zu verändern. Gerade 
mit dieser Frage ist das eigentliche Verhalten und Wesen des epischen Prä 
teritums berührt. Ehe wir es aber ganz enthüllen, wollen wir noch das weitere 
7. Von mir hervorgehoben. 
8. Mit einer Ausnahme (s. u. S. 38). 
9. Uber den fundamentalen phänomenologischen Unterschied von Fingiert- und Fiktiv sein s. u. im 
Kapitel über die Icherzählung S. 223.
	        

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