Die fiktionale oder mimetische Gattung
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und seines kategorialen Unterschiedes vom historischen zugrunde. Es ist
verkannt, daß etwa die ‘bewertende’ Haltung des Erzählers (als Epiker)
nicht dasselbe ist wie die bewertende Haltung eines Historikers, Literaturinterpreten
oder Psychologen ihren jeweiligen Gegenständen der Betrachtung
gegenüber. Die bewertende Haltung des Epikers ist ein Aspekt seines
spezifischen mimetischen Darstellungsmittels, des Erzählens, so wie der
Schatten oder das Licht, die der Maler in sein Gemälde setzt. Sie ist ein
Aspekt der erzeugenden Funktion, der sich aber auch dort finden kann, wo
diese Funktion als solche sich garnicht bemerkbar macht, nicht nur in der
dramatischen Dichtung, sondern auch - wie wir nun eingehend zeigen werden
- in der epischen selbst. Die Frage, wie denn der Dramatiker zur Kenntnis
des Seelenlebens seiner Personen gelangt, könnte mit demselben Recht
gestellt werden wie in Bezug auf den ‘Erzähler’, aber wie man diese Frage
nicht damit beantworten würde, daß er seine Personen ‘teste’, so würden
auch wohl die Vertreter der ‘Erzähler’-Auffassung diese Konsequenz nicht
ziehen. Dies zeigt aber nichts anderes als daß die Frage auch in Bezug auf
den epischen Dichter inadäquat ist, daß, mit anderen Worten, nicht erkannt
ist, daß auch er wie der dramatische ein ‘Mimetes’ ist, d. h. seine Gestalten
erzeugt, sie aber nicht bewertet, erkennt, beurteilt.
Wie nun aber die erzeugende Erzählfunktion beschaffen ist, werden wir
am besten erkennen, wenn wir von der Debatte und Kritik der Terminologie
ausgehen, die entscheidender als die mehr metaphorische und damit unverbindlichere
Personifikation der Erzählfunktion geeignet gewesen ist, die
Strukturverhältnisse und die Ordnung der Dichtungsgattungen zu verdecken.
Auch sie hat ihre Ursache in der Gleichsetzung fiktionalen und historischen
Erzählens. Es handelt sich um die Begriffe des Subjektiven und
Objektiven, die auf die Dichtungsgattungen in der Weise angewandt zu
werden pflegen, daß Epik und Dramatik als objektive Gattungen der subjektiven
lyrischen gegenübergestellt werden, aber mit dem Gradunterschied,
daß die Epik um des ‘epischen Ich’ willen subjektiver als die Dramatik,
wenn auch nicht so subjektiv wie die Lyrik ist. So meinte ja die naturalistische
Romantheorie Spielhagens und Holz’, daß durch weitmöglichste Ausschaltung
des Erzählers, d. h. weitmöglichste Dialogisierung und damit
Dramatisierung des Romans eine‘Objektivität’ der erzählenden Dichtung erzielt
würde, die der dramatischen nahe käme. Und wenn eine solche Forderung
abgelehnt wurde, so geschah es, wie gerade bei Petersen, mit der
Begründung, daß der subjektive Erzählfaktor aus der erzählenden Dichtung
nicht ausgeschaltet werden dürfe. Seine Formulierung sei angeführt, weil
sie die traditionelle Auffassung sehr deutlich zum Ausdruck bringt: »Die
Zwischenstellung des Erzählers bringt vielmehr eine ständige Kreuzung von
Objektivierung des Subjektiven und Subjektivierung des Objektiven mit sich.