Full text: Die Logik der Dichtung

Die fiktionak oder mimetische Gattung 
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vollziehendes Dasein und Leben, ein fiktives Leben, das aber als solches, als 
Schein, sich ebenso unabhängig von einem Aussagesubjekt, einem Beurtei 
lenden vollzieht, wie das reale Leben des Menschen als Leben auch. - Und 
führen wir nun den zweiten Teil unseres Experimentes aus und nehmen zu 
diesem Zwecke an, der von uns gebildete Satz »Die Marquise nahm sich 
jetzt zusammen und richtete sich wieder auf« sei keine Wirklichkeitsaussage 
sondern gleichfalls ein Romansatz. Sodann wäre auch dieser Satz kein Ur 
teil eines Aussagenden, sondern gleichfalls eine Gestaltung der augenblick 
lichen Lage der Marquise. Von ähnlicher ‘sachlicher’ Art finden sich gerade 
bei Kleist viele Erzählformen: »Herr Friedrich ward durch diese Nachricht 
in die äußerste Besorgnis gestürzt« (Der Zweikampf); »Kohlhaas wälzte 
eben . .. einen neuen Plan, Leipzig einzuäschern, in seiner zerrissenen Brust 
herum« (Michael Kohlhaas). 
Wir empfinden nun zwar einen Unterschied zwischen den beiden letzten 
Kleiststellen und der aus der »Marquise von O . . . <. Wie ist dieser Unter 
schied zu bestimmen? Der Begriff ‘objektive Erzählart’ mag sich uns ange 
sichts der Stellen aus dem >Zweikampf< und dem »Kohlhaas<, wie auch un 
seres Bergengruen-Beispiels, auf die Lippen drängen. Ist aber die Darstel 
lung der Situation der Marquise als subjektiver zu bezeichnen? Indem wir 
diese Frage stellen, zeigt sich sogleich, daß die Bezeichnung ‘objektive Er 
zählart’ so wenig adäquat ist wie die Bezeichnung subjektiv - denn die 
erstere könnte nur dann sinnvoll sein, wenn auch die letztere es wäre und 
umgekehrt. Der Unterschied besteht darin, daß die Marquise an dieser Stelle 
mehr in ihrem inneren Zustand, der Ich-Originität ihres personalen Lebens 
geschildert ist, dem die bestimmenden Adjektive und Prädikate Ausdruck 
geben. In den anderen Beispielen fehlt die Ausdrücklichmachung des ‘jetzt 
und hier’ sich vollziehenden inneren Lebens nicht, aber ist eingeschränkt 
zugunsten der Darstellung der Umstände, des Geschehens, des äußeren Vor 
gangs, eingeschränkt in jedem der Fälle auf ein den seelischen Zustand der 
in diesem Geschehen stehenden Personen kennzeichnendes Wort: äußerste 
Besorgnis, in seiner zerrissenen Brust, die erschrockene Magd. Aber sowohl 
im >Zweikampf< wie im »Kohlhaas< finden sich Stellen, wo wiederum die 
Darstellung der seelischen Lage den Primat über die der Begebenheit hat, 
z. B.: »Frau Littegarde, als sie Herrn Friedrichs Mutter.. . eintreten sah, 
stand, mit dem ihr eigenen Ausdruck von Würde, der durch den Schmerz, 
welcher über ihr Wesen verbreitet war, noch rührender ward, von ihrem 
Sessel auf« (Der Zweikampf). Umgekehrt finden sich in der »Marquise von 
O . . .< Stellen reinen Geschehensberichtes: »Der Platz war in kurzer Zeit 
völlig erobert, und der Kommandant.. . zog sich eben mit sinkenden Kräf 
ten nach dem Portal zurück, als der russische Offizier, sehr erhitzt im Ge 
sicht, aus demselben hervortrat. . .«
	        

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