Full text: Das K. Württembergische Landes-Gewerbemuseum in Stuttgart

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Der Raum war, wie alle andern Räume des Erdgeschosses, ursprünglich 
zu Stallungen für eine Reiterschwadron eingerichtet und im Lauf der Zeit 
durch Einziehen von Bretterböden in ein Infanterie-Kasernement umgewandelt 
worden, um dann wieder später als Magazin für Militärrequisiten und als 
Aktendepöt des Staatsarchivs benützt zu werden. Es galt daher, zuerst den 
Holzfussboden, sowie die noch darunter gelegene Pflasterung herauszunehmen 
und durch einen Zementboden zu ersetzen, um den durch Mauersalpeter 
angefressenen Boden und die Wände trocken und benützbar zu machen. 
Dies geschah. Der Zementboden, teilweise aus württembergischem hydrau 
lischem Kalk hergestellt, bildete zugleich eine Probeleistung von zwei württem- 
bergischen Zementfabriken — Gebrüder Leube und E. Schwenk in Ulm — 
und einen geschickt gewählten Ausstellungsgegenstand; er ist überhaupt der 
erste grössere Fussboden gewesen, welcher in Süddeutschland aus solchem 
Material hergestellt wurde, und hat sich bis heute aufs Beste erprobt. Ausser 
der Aenderung des Bodens wurde durch Vergrösserung der Fenster Licht 
und Luft in den Saal gebracht, die Säulen aber, welche ehedem den Abschluss 
der Pferdestände bildeten, wurden dazu benützt, dass zwischen sie grosse 
Glasschränke hineingebaut wurden. So machte dann der fertige Saal einen, 
wenn auch bescheidenen, aber doch museumsartigen Eindruck. 
Am 29. März 1858 konnte derselbe mit der erstmals systematisch ge 
ordneten Sammlung des Musterlagers dem allgemeinen Besuch geöffnet 
werden und zwar an sämtlichen Wochentagen von IO —12 Uhr vormittags 
und 2—6 Uhr nachmittags, an Sonntagen von II — 1 Uhr. Dabei wurde 
zunächst ein Eintrittsgeld von 6 kr. erhoben, welches aber schon vom Mai 
1858 an für die Sonntage und bald darauf auch für die Werktage wieder 
Gewebemuster zur Kenntnis der Textilindustriellen gebracht werden sollten. Die nötigen Webgeräte 
aller Art besass das Musterlager; seine Aufgabe, immer das Neue in diesem Fach zu beschaffen und 
zugleich zu zeigen, wie damit gearbeitet wird, konnte es am Besten in dieser seiner Webereiwerkstatt 
erfüllen. Ebenso fanden hier die neuen Webstoffe, welche regelmässig ankamen, sowie die mannig 
faltigen Zeichenvorlagen für Weberei ihre beste Anwendung und Ausnützung — kurz, es fanden sich 
hier eine Reihe der zweckdienlichsten Elemente für eine höhere Ausbildung im Webereifach in 
seltener Weise vereinigt beisammen. 
Kein Wunder, dass aus dieser so schlicht und bescheiden aufgetretenen Schöpfung nach und 
nach eine Reihe tüchtig ausgebildeter Männer hervorging und zwar für die Leinwandweberei: Schwenk, 
Höhn, Dinkelacker und Leopold I, für die Baumwollweberei: Nachbauer, Grieb, Leopold II, Kreyscher, 
für die Wollweberei: Bühler und Zaiser, für die Seidenweberei: Föll, Hirscher und Wagner, endlich 
für das Zeichnen: Netter, Tränkle, Lachenmayer und Bär. Einzelnen von ihnen wurde nach ihrem 
Austritt aus der Anstalt durch Verwilligung von Reisegeldern die Gelegenheit geboten, in Frankreich, 
Belgien und England als Arbeiter in hervorragenden Webereien und Dessinateurateliers sich hoch 
weiter zu vervollkommnen. 
Inzwischen war die Webschule in Reutlingen ebenfalls zu einer höheren Wirksamkeit und 
Erweiterung gelangt. Andererseits wurden die Räumlichkeiten der Stuttgarter Anstalt für die Zwecke 
des Musterlagers dringend notwendig; auch erschien es begründet, die disponibeln Mittel mehr auf 
Einem Punkte zu konzentrieren. Und so kam es, dass die K. Zentralstelle im Jahr 1864 beschloss, die 
Musterlager-Lehranstalt mit der Webschule in Reutlingen zu verbinden und auf diese auch die Auf 
gabe, Weblehrer heranzubilden, zu übertragen. Die mit ihrer Ausbildung noch nicht fertigen Zög 
linge wurden nach Reutlingen gesandt, um dort ihre Kurse zu vollenden. Weblehrer Erlenbusch 
aber nahm seine früheren Funktionen als Wanderlehrer und technischer Berater der Industriellen in 
der Weberei wieder auf.
	        

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