Full text : Württembergische Bauzeitung : Wochenschrift für Architektur und das gesamte Baugewerbe (1905)

FÜR  WÜRTTEM1
BADEN  HESSE]
SASS  -  L0THRI1

STUTTGART,  28.  OKTOBER  1905

ALLE  RECHTE  VORBEHALTEN.  —  INHALT:  DIE  ALTE  BRÜCKE  IN  KÖNGEN.  —  WETTBEWERB  ZUR  BEBAUUNG  DES
DERNSCHEN  TERRAINS  IN  WIESBADEN.  —  SÜDDEUTSCHER  HOLZMARKT.  —  STATISTISCHE  ERHEBUNGEN  ÜBER  DEN
TEILUNGEN.  —  PERSONALIEN.  -  BÜCHER.

DIE  ALTE  BRÜCKE  IN  KÖNGEN*
—  Eine  stille,  verträumte  Flußlandschaft.  Lauschend  und
zögernd  —  es  ist  so  heimlich  hier  —  gleitet  der  Fluß.
Im  Bogen  kommt  eine  Straße  durch  die  Wiesen  drüben
und  möchte  herüber.  Und  die  alte  Brücke  nimmt  sie
auf  und  geleitet  sie,  gelassen  und  sicher,  zum  andern
Ufer.  —
Seit  300  Jahren  spannt  sie  ihre  trotzigen  Bogen  über
den  Neckar,  die  Brücke  in  Köngen,  das  Werk  des  berühmten ­
  württembergischen  Landesbaumeisters  Heinrich
Schickhaedt.  Und  diese  drei  Jahrhunderte  liebten  und
achteten  sie  und  bewahrten  sie  uns  in  unveränderter
Gestalt.  Da  kommt  das  zwanzigste  Jahrhundert,  das
„Jahrhundert  der  Technik  und  des  Verkehrs  und  der
Kulturfortschritte“,  und  betrachtet  mitleidig  lächelnd  das
ehrwürdige  Bauwerk.  „Hm,  ja  ganz  nett!  Aber  alte,
umständliche  Konstruktion!  Und  welche  Materialverschwendung ­
  !  Machen  wir  heute  bedeutend  einfacher  und
rationeller!  Aber  lassen  Sie  mal  sehen:  Das  ist  doch
keine  Breite  für  eine  Brücke!  Und  diese  unnötige,  verlorene ­
  Steigung!  Nein,  hören  Sie,  das  geht  heutzutage
nicht  mehr,  das  muß  anders  werden!“  —
„Im  Interesse  des  Verkehrs“  will  man  die  Brücke  verbreitern ­
  und  verlängern.  Nach  beiden  Seiten  soll  eine
Nisenkonstruläion  ausgehängt  werden,  um  die  Fußsteige
zu  verbreitern,  wobei  der  steinerne  Obelisk,  der  die
Brücke  in  der  Mitte  an  ihrem  höchsten  Punkte  krönt,
etwa  an  den  Anfang  der  Brücke  versetzt  werden  müßte.
Um  die  Steigung  der  Zufahrten  zu  vermindern,  will  man
sie  aufschütteu  und  verlängern,  wodurch  die  schöne,
energisch  akzentuierende  Bogenlinie  verschwinden  würde.
Und  daß  man  dabei  die  reizvolle,  leichte  Krümmung  der
Zufahrtsstraße  „normieren“  würde,  kann  man  wohl  auch
als  sehr  wahrscheinlich  annehmen.
„Verkehr!“  —  Man  denkt  an  zwei  Reihen  sich  aneinander
vorbeidrängender  Wagen,  welche  die  Fußgänger  an  der
Brüstung  platt  drücken.  Man  meint,  um  überhaupt  auf  die
Brücke  hinaufzukommen,  brauchten  die  Fuhrwerke  einen
Vier  er  Vorspann.  Und  dann  die  Wirklichkeit:  eine  wundervolle ­
  Stille  und  Einsamkeit!  Ich  glaube  ihm  nicht  recht,
dem  Herrn  Verkehr,  diesem  vierschrötigen  Lümmel  mit
den  gespreizten  Ellenbogen;  er  renommiert  zu  gern  —
das  wissen  wir  aus  Erfahrung.  Er  mag  seine  Ansprüche
begründen,  so  viel  Respekt  muß  er  vor  einem  ehrwürdigen
Kunstwerke  haben.  Es  ließe  sich  gewiß  ohne  große
Schwierigkeiten  nach  weisen;  so  und  so  viel  Wagen  und
Fußgänger  passierten  im  Jahre  die  Brücke;  so  und  so
viel  harmlose  Wanderer  wurden  erdrückt,  über  die
*  Vor  kurzem  in  No.  246  des  „Schwab.  Merkur“  mit  einigen  wenig
glücklichen  Aenderungen  veröffentlioht.  Schm.

Brüstung  geschleudert  u.  s.  w.  Und  wenn  diese  Statistik
wirklich  bedenklich  hohe  Zahlen  aufweisen  würde,  dann
—  brauchen  wir  noch  immer  nicht  die  Brücke  so  wie
beabsichtigt  zu  zerstören.
Architekt  BENZ-Eßlingen  hat  in  der  „Denkmalpflege“
(Verlag  Ernst  &  Sohn,  Berlin)  vorgeschlagen,  man  möge
die  Brückenbogen  auf  den  weit  vortretenden  Eisbrechern
vergrößern  und  die  Steinbrüstung  wieder  aufführen.  Der
Obelisk,  der  auf  der  andern  Seite  steht,  bliebe  dabei
vollständig  unberührt.  Auch  die  alte  Bogenlinie  der
Brüstung  könne  beibehalten  werden,  selbst  dann,  wenn
man  durchaus  die  Steigung  der  Zufahrten  vermindern
wolle.  Denn  an  den  beiden  Enden  der  Brücke  habe  die
Brüstung  eine  Höhe  von  fast  zwei  Metern,  und  es  ließen
sich  also  ohne  Brüstungserhöhung  die  Zufahrten  um  ein
Beträchtliches  auffüllen.
Noch  ein  paar  Worte  möchte  ich  für  den  Obelisken  einlegen.
  Gilt  es  oft,  alte  Bauwerke  vor  den  Eiferern  des
Verkehrs  schützen  zu  müssen,  so  muß  man  sie  leider
gegenwärtig  ebensooft  vor  den  Zudringlichkeiten  wohlmeinender ­
  Freunde  hüten.  Früher  trug  der  Obelisk  an
seiner  Vorderseite  das  Wappen  Herzog  Friedrichs  L,
unter  dessen  Regierung  (1593  —  1608)  die  Brücke  erbaut
wurde;  dazu  Zeiger  und  Zahlen  einer  Sonnenuhr,  eine
jetzt  unlesbare  Inschrift  und  die  Jahrzahl  1602.  Die
Volkssage  betrachtet  den  Obelisken  als  ein  Denkmal  an
Herzog  Ulrich,  der  hier  mit  seinem  Rosse  vor  seinen
Verfolgern  in  den  Neckar  hinuntergesprengt  sein  soll;
so  erzählt  Hauff  in  „Lichtenstein“.  Einer  im  Staatsanzeiger ­
  veröffentlichten  Untersuchung  nach  scheint  der
Obelisk  nur  das  letzte  Denkmal  der  Vollendung  der
Brücke  zu  sein,  für  die  der  baulustige  Herzog  besonderes
Interesse  hatte,  und  darauf  mag  die  Inschrift  hingewiesen
haben.
Der  Obelisk  ist  jetzt  stark  verwittert  und  wird  kaum
noch  lange  Zusammenhalten.  Meiner  Ansicht  nach  soll
man  ihn  nun  ruhig  stehen  lassen;  man  mag  den  Verfall
durch  unauffällige  Mittel  (Fluatieren,  Eisenklammern
u.  dergl.)  verzögern;  man  messe  und  photographiere  ihn
und  zeichne  ihn  getreulich  auf.  Wenn  ihm  aber  in  einigen
Jahren  sein  letztes  Stündlein  schlägt,  so  befreie  man  sich
einmal  von  dem  Gewissenszwang,  daß  man  ihn  dann  unbedingt ­
  vollständig  getreu  wieder  aufbauen  müsse.  Man
gönne  ihm  meinetwegen  ein  ehrliches  Begräbnis  in  einem
Museum;  wenn  man  aber  die  löbliche  Absicht  hat,  zur
Verschönerung  der  Brücke  Geld  auszugeben,  so  lasse
            
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