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Gesichtsfeld zugeteilt wird, in dessen Bereiche die früheren Wahr—
nehmungen wieder vor die Seele treten. Große Schwierigkeit
macht den Psychologen die Beantwortung der Frage, was denn
von der gehabten Wahrnehmung in der Rinde zurückbleibt, um nach
Belieben wieder ein Abbild derselben zu erzeugen. Ein an—
sprechendes Bild verdanken wir Herbart; die gehabte Wahrnehmung
bleibt nach ihm in der Seele deponiert und kann als Vorstellung
reproduziert werden. In dem Seelenhause steigen die gehabten
Wahrnehmungen unter die Schwelle des Bewußtseins herab,
halten sich gewissermaßen im Untergeschoß auf, um bei der Vor—
stellung wieder über die Schwelle des Bewußtseins heraufzusteigen
und sich sozusagen wieder im hellen Tageslichte zu zeigen. Andern
jedoch will dieses so anschauliche Schwellenbild nicht gefallen, und sie
beschuldigen dasselbe geradezu der Verführung zu falschen Vor—
stellungen vom Wesen der Vorstellung. Der Stein des Anstoßes
liegt für die Gegner des Schwellenbildes darin, daß sie sich fragen,
wie denn die Seele frühere Wahrnehmungen behalten könne, ohne
sich dessen bewußt zu sein. Unbewußte Vorstellungen sind ja ein
Widerspruch in sich. Ein Verharrendes müssen natürlich auch die
Gegner des Schwellenbildes annehmen, nämlich einen besonderen
Zustand in den Rindenzellen. Trotzdem behält das Schwellenbild
seinen Wert, weil es mit dem latenten Stadium unter der Schwelle
und dem manifesten Stadium über der Schwelle, physikalisch aus—
gedrückt mit der Umsetzung potentieller Energie in aktuelle einen
treffenden Gedanken in sich birgt.
Was ist nun das Verharrende, das˖ jederzeit wieder ein Abbild
der gehabten Wahrnehmung erzeugen kann? Fortgeleitete Nerven—
wellen können es nicht sein, denn mit dem Aufhören des Sinnes—
reizes erlischt auch die Wellenbewegung. Und doch ist offensichtlich
ein latenter Zustand in der Rinde vorhanden, der zu einem offen—
baren, bewußten erweckt werden kann. Wir haben zwei Möglichkeiten:
Entweder ist der Vorstellungsprozeß bloß vorbereitet oder schon
vorgebildet. Ist er bloß vorbereitet, so handelt es sich um spezifische
Katalysatoren, welche von der gehabten Wahrnehmung her in den
Ganglienzellen der Rinde oder in dem Gewirre ihrer baumförmigen
Verzweigungen zurückbleiben und nur eines Anstoßes bedürfen, um
den Wahrnehmungsprozeß in quantitativ abgeschwächter und
abgekürzter Weise als Vorstellung wieder aufleben zu lassen; ist der
Vorstellungsprozeß aber vorgebildet, so handelt es sich um Psychonen—
komplexe, welche von der gehabten Wahrnehmung her in einem
Zustande relativer Ruhe und daher nicht zu klarem Bewußtsein
sich erhebend übrig sind und verharren und durch einen Anstoß zu
erneuter Bewegung und Schwingung gebracht werden können.
Wir haben im Gebiete des Athers eine ganz analoge Erscheinung;