Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/133/
120 
BAUZEITUNG 
Nr. 15 
zu richten. Wir können doch nicht die üeberzeugung 
von dem, was unserm Stande not tut, von dem Urteil 
höher geprüfter Architekturlehrer oder von dem Urteil in 
Mathematik, Physik und sprachlichen Fächern geprüfter 
Reallehrer abhängig machen. Wir glauben übrigens, daß 
dieser Konvent nur ein Urteil darüber abgeben wollte, 
daß es möglich sei, ein gewisses theoretisches Ziel mit 
der seither verlangten Vorbildung zu erreichen; denn 
mehr kann wohl aus den Leistungen der Schüler in der 
Anstalt nicht entnommen werden. Auf welche Lücken 
wir mit dem dort Erlernten aber in der Praxis stoßen, 
welchen Kampf uns das Leben bei Ausübung uns er s 
Berufs aufnötigt, darüber zutreffende Erklärungen zu 
geben dürfte nur uns selbst möglich sein. 
Hiei’zu kommt, daß jetzt schon (Jahrgang 1905/1906) 
31 % der Baugewerkschüler die verlangte Vorbildung 
besitzen und 30% derselben aus den unteren Klassen der 
Bürger- und Realschulen bestehen. Also ist auch der 
Grund, daß durch die nachgesuchte Zubilligung weite 
Kreise der Bevölkerung geschädigt würden, hinfällig. 
Anzunehmen ist allerdings, daß bei Durchführung 
unsrer Bitte sich im Verhältnis noch mehr besser vor 
gebildete junge Leute der Baugewerkschule zuwenden 
werden wie seither, so daß von dem Lehrpersonal für 
allgemeine Wissenschaften einiges entbehrt werden dürfte. 
In der Kammer der Landtagsabgeordneten bei der 
Generaldebatte zum Hauptfinanzetat am 1. April 1905 
nahm ein Lehrer des Kgl. Karlsgymnasiums, Professor 
Dr. Hi eher, das Wort und führte aus, daß den von uns 
geltend gemachten Bestrebungen, welche nur dem 
nackten Standesinteresse dienen sollen, ener 
gisch entgegenzutreten sei. Am 15. Mai wendete 
sich dann dieser Abgeordnete beim Kultetat nochmals 
gegen die Forderung der Einjährig-Freiwilligen-Berech- 
tigung zum Besuch (?) der Baugewerkschule. Dies 
liege nicht im Interesse der Volksschule (sic!). Wie sich 
der Herr Professor Bestrebungen ohne Standesinteresse 
denkt, ist uns nicht klar. Nun, es haben schon große 
Männer ihre Ansicht geändert, wir würden dies auch 
dem Herrn Professor Dr. Hieber nicht verübeln. Um 
die Berechtigung zum Besuch der Baugewerkschule 
hatte es sich aber, wie schon oben ausgeführt, gar nie 
gehandelt. 
Am 6. April 1905 führte dann der Herr Kultminister 
Dr. v. Weizsäcker aus: „Die Regierung stehe in Sachen 
des Berechtigungsnachweises auch auf dem vom Abgeord 
neten Hieber vertretenen Standpunkte.“ Am 11. Mai 
führte der Minister wieder in der Kammer aus; „Gegen 
die Forderung des Einjährig-Freiwilligen-Zeugnisses für 
den Eintritt (?) in die Baugewerkschule habe ich mich 
bereits in der Generaldebatte ausgesprochen.“ Hier ist 
also wieder vom „Eintritt“ die Rede, während diese 
Forderung gar nie aufgestellt wurde. 
Man mußte sich nach alledem sagen, es waltete ein 
unglücklicher Stern über diesen Eingaben, denn es wurde 
nicht das verhandelt — wenigstens nicht in der Oeffent- 
lichkeit —, was von uns eingegeben war. Wer nun ge 
glaubt hätte, nach dieser energischen Ablehnung werde 
diese Frage eine Zeitlang ruhen, sah sich völlig getäuscht; 
ein Beweis, daß sich die Lösung nicht lange mehr hin- 
halten läßt. 
Im März 1904 beschloß endlich auch die Landesver 
sammlung der Bauwerkmeister in Göppingen, welche 
bis dato einen mehr ablehnenden Standpunkt eingenommen 
hatte, daß die von uns und dem Bautechniker-Verband 
angestrebte Vorbildung bei der Zulassung zur Bauwerk 
meisterprüfung unbedingt erforderlich sei. Hierauf 
haben die württembergischen Bautechnikervereinigungen, 
nämlich; der Bauwerkmeister-Verein, der Baubeamten- 
Verein und der Bautechniker-Verband, welche zusammen 
rund 1800 Mitglieder zählen, gemeinsam eine Eingabe 
an das Staatsministerium gemacht, welche anfangs März 
dieses Jahres dorthin übergeben wurde. Dieselbe ist 
wiederholt eingehend begründet und ersucht dringend; 
„Das hohe Kgl. Staatsministerium möge verfügen, 
daß als Vorbedingung für die Zulassung zur staat 
lichen Bauwerkmeisterprüfung und besonderen Prü 
fung im W asserbaufach die erfolgreiche Absolvierung 
der VI. Klasse einer höheren Bildungsanstalt ver 
langt wird.“ 
Ob das Kgl. Staatsministerium den vorgebrachten 
Gründen sich wieder verschließen wird? Wir glauben 
es nicht. Ob der Lehrerkonvent der Baugewerkschule 
wieder gefragt wird? Wir wissen es nicht. Aber das 
ist sicher, daß sich die Sachlage seit unsern letzten Ein 
gaben wesentlich geändert hat. da nicht nur der Bau 
werkmeister-Verein nun ebenfalls auf unserm Standpunkt 
steht, sondern auch die mittleren technischen Vereini 
gungen in Baden und Hessen sich mit denselben Ge 
suchen an ihre Regierungen gewendet haben. 
Wir glaubten die Geschichte des seitherigen Ganges 
unsrer Vorbildungsfrage weiteren Kreisen bekanntgeben 
zu sollen, damit, wenn die Tagesblätter sich wieder 
mit der Sache befassen, jedermann ein Urteil möglich 
ist. Wir hoffen endlich, daß solche ältere Kollegen, 
welche aus irgendeinem Grunde von der Dringlichkeit 
unsers Vorgehens nicht überzeugt sind, weil sie vielleicht 
in ihrer Stellung nicht in der Lage waren, die großen 
Schattenseiten der seitherigen unzulänglichen und un 
gleichen Vorbildung kennen zu lernen, entweder Gewehr 
bei Fuß bleiben oder doch ihre Bedenken nicht in den 
Tagesblättern, sondern in der Bauzeitung für Württem 
berg etc. kundgeben. 
Unsre Mitglieder selbst möchten wir dringend bitten, 
solchen Kollegen, welche etwa die Bauzeitung für Würt 
temberg etc. noch nicht halten, von diesem Artikel 
Kenntnis zu geben. 
Der Zusammensturz des Gasthofes 
zum Hirsch in Nagold 
Bin erschütterndes Unglück, wie es die Baugeschichte 
Württembergs bis jetzt nicht gekannt, hat sich am 6. April 
d. J. in Nagold zugetragen. Der Gasthof zum Hirsch, 
dessen Hebung die Firma Rückgauer in Stuttgart über 
nommen hatte, stürzte kurz vor Vollendung der Arbeit 
in sich zusammen, eine große Zahl von Personen unter 
seinen Trümmern begrabend, die teils hei der Hebearbeit 
beschäftigt waren, teils als Gäste sich in den Wirtschafts 
räumlichkeiten aufhielten. 51 Tote, etwa 30 schwer und 
30 leicht Verletzte wurden gezählt. Die Einzelheiten 
dieses schrecklichen Ereignisses sind durch die Tages 
presse bekannt. Nachstehend soll lediglich die bautech 
nische und baupolizeiliche Seite der Hebung des Wirt 
schaftsgebäudes zum Hirsch erörtert werden. 
1. Die Hebung von Gebäuden wird von der Firma 
Rückgauer in Stuttgart nach einem besonderen System 
ausgeführt, das patentiert sein soll. Wahrscheinlich wird 
es sich um einen Gebrauchsmusterschutz der Winden 
handeln, wie aus einem an den Winden befindlichen 
Nummerzeichen hervorgeht. Der eigentlichen Hebung 
der Gebäude gehen Vorbereitungsarbeiten voraus, die mit 
großer Sorgfalt ausgeführt werden müssen. In Nagold 
wurden schon seit vierzehn Tagen diese Arbeiten vor 
genommen. Sie bestehen in der Hauptsache in der Ab 
trennung des Gebäudes von den Grundmauern, Unter 
fangung des Gebäudes mit einem Rost von Balken und 
Umschließung des Gebäudes auf den Außenseiten mit 
Sprießen und Streben. Zwischen Rost und den auf dem 
Fundamente oder Gewölbe aufgestellten Schraubenwinden 
werden starke Rundhölzer senkrecht eingestellt. Die 
Schraubenwinden tragen das ganze Bauwerk. Mittels
        

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