Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1906)

19. Mai 1906 
BAUZEITUNG 
157 
H| 
Abb. 26. Brücke über den Mühlgrünkanal in Cannstatt, ausgeführt 1905 
Neue Bauordnung* in Baden 
Mit Recht wird in Nr. 19 d. Bl. das eingehende Ver 
fahren gerühmt, welches der Entwurf zu einer neuen 
Landesbauordnung für Baden mehreren Gebieten des 
Bauwesens gewidmet hat, z. B. der Eeuersicherheit von 
Warenhäusern, den Theatern und Versammlungsräumen, 
der Benutzung und Beaufsichtigung von Wohnräumen. 
Dagegen erscheint in dem Schriftstück trotz seines be 
trächtlichen Umfanges ein besonders wichtiger Gegen 
stand moderner Bauordnungen leider nur ganz dürftig 
behandelt, nämlich die Baudichtigkeit. Dieselbe be 
ruht bekanntlich auf Vorschriften über Hofraum, Häuser 
höhe, Geschoßzahl, Fensterabstände u. s. w. Hier treten 
das Privatinteresse möglichst starker Ausnutzung des 
Bodens und die öffentliche Gesundheitspflege, speziell für 
Licht und Luft, oft in Gegensatz und sind daher sorg 
fältig zu vermitteln. Angesichts der Verschiedenheit der 
Bodenwerte innerhalb des Baugebietes einer Stadt führt 
dies zur Abstufung der Bestimmungen über Bau 
dichtigkeit. Das Verfahren der Abstufung ist auch grund 
sätzlich im Entwurf empfohlen, aber die genauere Re 
gelung fast ganz den örtlichen Bauordnungen überlassen. 
Von den badischen Städten haben Mannheim und Karls 
ruhe auf diesem baupolizeilichen Gebiete bereits der 
Hauptsache nach Mustergültiges geschaffen, alle andern 
Orte entbehren noch einer gehörigen Teilung in Zonen und 
einer entsprechenden Abstufung der Vorschriften. Sollte 
da nicht die Landesbauordnung zu Hilfe kommen, teils 
durch einheitliche Aufstellung von Mindestforde 
rungen, teils durch eine Anleitung zu allen den 
Gegenständen, welche durch Ortsstatut eingehender fest 
zustellen wären? 
Daß dies ausführbar ist, viel gründlicher als es 
der vorliegende Entwurf an einigen wenigen Stellen tut, 
zeigen von neueren Landesbauordnungen namentlich das 
sächsische Baugesetz von 1900/1904 und die österreichi 
schen „Anhaltspunkte für neue Bauordnungen“ von 1893, 
ferner die mancherlei Vorschläge zu reichsgesetz 
licher Regelung der Baupolizei und der Wohnungsfrage. 
Daß ferner ein derartiges Vorgehen auch nützlich 
wäre, liegt auf der Hand; denn erstens wird die Be 
stimmtheit in den Zielen befördert, sodann den Beamten 
und den Architekten, welche ja häufig über das ganze 
Land tätig sind, ihre Aufgabe erleichtert, endlich der 
Widerstand von Privatinteressen gegen das öffentliche 
Wohl ein für allemal überwunden, statt an diesen Gegen 
satz in jedem einzelnen Ort immer von neuem Mühe ver 
wenden zu müssen. Selbstverständlich dürfen örtliche 
Gewohnheiten und Bedürfnisse nicht unbeachtet bleiben; 
innerhalb des badischen Landes aber besteht viel mehr 
Uebereinstimmung als Verschiedenartigkeit, die örtlichen 
Bauordnungen sind oft einfach voneinander abgeschrieben 
und suchen nur durch kleinliche Abweichungen, „un 
berechtigte Eigentümlichkeiten“, eine gewisse Selbständig 
keit zu zeigen. Auf einer derartigen Grundlage ließe 
sich unsers Erachtens eine Landesbauordnung weit mehr 
einheitlich gestalten, als es der Entwurf, insbesondere 
mit Bezug auf die Baudichtigkeit, gewagt hat. 
Hoffentlich wird der Entwurf in vorstehendem Sinne 
noch wesentlich verbessert, ehe er zur Einführung ge 
langt. Besonders möchte das wohl bei öffentlicher 
Verhandlung zu erwarten sein, allein auffallenderweise 
wird die ganze Angelegenheit nicht dem Landtage 
vorgelegt, sondern im Ministerium fertiggestellt. Nicht 
durch ein Gesetz, sondern durch eine Verordnung soll 
die für das Volks wohl so wichtige Wohnungsfrage neu 
geregelt werden, obgleich das anderwärts nicht ge 
schehen ist und eigentlich für den „Musterstaat“ am 
wenigsten paßt. Indessen, wenn nur infolge der in 
Gang gesetzten Begutachtung durch mehrere sachkundige 
Korporationen etwas Gutes herauskommt, wollen wir 
zufrieden sein. 
Karlsruhe. 
R. Baumeister.
	        

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