Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/192/
2. Juni 1906 
BAUZEITUNG 
175 
vorausgesetzt, daß die Prüfungsbehörden genügend rasch 
arbeiten. Ein weiterer Vorzug, der sich für Württem 
berg vielleicht nicht so leicht erreichen läßt, ist die 
Schaffung eines einheitlichen technischen Oberprüfungs 
amtes. Damit wird den Klagen über den bei verschie 
denen und stets wechselnden Prüfungskommissionen 
schwankenden Maßstab der Boden entzogen und eine 
wünschenswerte Gleichmäßigkeit und Einheitlichkeit im 
Prüfungswesen erzielt. Entsprechend der Verbindung 
von Eisenbahnbau- und Betriebsdienst in Preußen ist 
von dem Bisenbahnbauingenieur eines der drei Aus 
bildungsjahre im Betriebsdienst zu verbringen. Eine 
ähnliche, wenn auch entsprechend kürzere Tätigkeit im 
Betriebsdienst könnte für den württembergischen Eisen 
bahningenieur nur von Vorteil sein. Die hierfür nötige 
Zeit ist durch Kürzung des 1. Ausbildungsabschnittes 
(Einführung in das praktische Bauwesen) oder des 3. und 
4. Abschnittes (Dienst bei einer Baubehörde und einer 
Oberbehörde) zu gewinnen. Letztere beiden Ausbildungs 
abschnitte sind in der Höhe von zusammen sechs Monaten 
übrigens auch in der neuen preußischen Vorschrift bei 
behalten. 
Auf weitere Einzelheiten dieser Vorschriften hier ein 
zugehen verbietet der Raum. Für die Neuordnung der 
württembergischen Bestimmungen werden sie, wie wir ge 
sehen haben, manch schätzenswerten Fingerzeig bieten. 
s. 
Bilder aus Alt-Lauffen a. Neckar 
Das alte Städtchen Lauffen a. N. fesselt die Blicke 
aller durchfahrenden Reisenden, liegt es doch malerisch 
auf steiler Anhöhe, deren Fuß vom Neckar bespült wird. 
Der Architekt findet hier manches anregende Motiv; wir 
bringen heute eine kleine Auslese altinteressanter Gebäude. 
—x Baupolizeiliche Entscheidung 
Zulässigkeit von Mauernischen in gesetzlich ge 
botenen Brandmauern und ortsbaustatutarisch vor 
geschriebenen massiven IJmfassungswänden. Mini- 
sterialentscheidung vom 15. Juli 1904, Nr. 2197: 
„Die weitere Rekursbeschwerde wird als unbegründet 
abgewiesen. Der Beschwerdeführer will die nach ge- 
Aus Lauffen a. N. (Aufnahme der Redaktion) 
setzlicher und ortsbaustatutarischer Vorschrift als Brand 
mauer auszuführende südliche Außenwand des ihm durch 
gemeinderätliches Erkenntnis vom 15. September 1903 
genehmigten Hintergebäudes S... straße Nr. 123 im 
I. und II. Stock durch mehrere 3 bis 3,5 m lange, 13 cm 
tiefe Nischen derart verschwächen, daß sie auf die be 
treffenden Strecken eine Stärke von nur 25 cm statt wie 
durch § 34 der Vollziehungsverfügung zur Bauordnung 
vorgeschrieben, 38 cm erhalten würde. 
Diesem Vorhaben ist von den beiden Vorentschei 
dungen mit Recht die Genehmigung versagt worden. 
Nach dem Wortlaut des § 34 der Vollziehungsverfügung 
zur Bauordnung müßten streng genommen Brandmauern 
die jeweils vorgeschriebene Stärke durchgehends ohne 
jede Verschwächung aufweisen. Wenn das Ministerium 
trotzdem Verschwächungen durch „Nischen“ nicht als 
der Dispensation nach Art. 76 der Bauordnung bedürftige 
Verstöße gegen die eben erwähnte Vorschrift, sondern als 
im ordentlichen Verfahren zuzulassende Abweichungen 
behandelt und durch die Unterbehörden behandeln läßt, 
so kann sich diese Hebung nicht auf eine entsprechende 
Anwendung des § 36 der Vollziehungsverfügung zur Bau 
ordnung stützen, der sogar vollständige Durchbrechungen 
von Brandmauern durch Oeffnungen unter Umständen für 
zulässig erklärt. 
Das äußerste Maß, bis zu dem die so gerechtfertigte 
Zulassung von Brandmauerverschwächungen ausgedehnt 
werden kann, wird durch die in den einzelnen Fällen 
natürlich sehr verschiedenen Anforderungen an die Stand- 
und Tragfähigkeit der Brandmauern bestimmt. Es ist 
aber keine Rede davon, daß die Bauenden irgendeinen 
Rechtsanspruch auf Zulassung von Brandmauerver 
schwächungen hätten, geschweige denn auf Zulassung 
bis zu der im einzelnen Falle durch die obigen Gesichts 
punkte bestimmten äußersten Grenze. Vielmehr sind 
die Brandmauern vom Gesetz offensichtlich gedacht als 
Bauteile von ganz besonderer, das unbedingt erforderliche 
Maß übersteigender Zuverlässigkeit. Den Baupolizei 
behörden muß daher, selbst ungeachtet einer etwaigen 
ziemlich gleichmäßigen Uebung, stets die Freiheit gewahrt 
bleiben, Brandmauerverschwächungen aus irgendwelchen 
im einzelnen Falle liegenden Gründen gar nicht oder 
in beschränkterem Umfange als in einem andern Falle 
zuzulassen. Die Entscheidung hierüber ist ganz in das 
gewissenhafte Ermessen der Baupolizeibehörden gestellt. 
Daß die beiden Vorentscheidungen, die in der Haupt 
sache gleichfalls von den dargelegten grundsätzlichen 
Gesichtspunkten ausgehen und somit keinen Rechtsirrtum 
erkennen lassen, bei der zu entscheidenden Frage durch 
andre Rücksichten als durch Anwendung gewissenhaften 
Ermessens beeinflußt wären, ist nirgends ersichtlich. Ein 
Grund zur Aufhebung dieser Entscheidungen besteht 
daher nicht, zumal auch das Ministerium die beabsichtigte 
verschwächte Bauart nicht billigen kann im Hinblick 
darauf, daß es sich um ein vierstöckiges Gebäude mit 
einem Untergeschoß und einem Kellergeschoß handelt, 
in dem vom Keller bis zum I. Stock einschließlich größere 
Räume vorgesehen sind und in dem neben fünf Wohnungen 
eine lithographische Anstalt und eine Schreinerei ein 
gerichtet werden sollen.“ 
Y ereinsmitteilungen 
Akademischer Architekten-Verein „Motiv“, 
Stuttgart. Unter zahlreicher Beteiligung von Vereinsmit 
gliedern und Gästen fand am 25. Mai d. J. die Besprechung 
der Ferienkonkurrenz durch Oberbaurat Professor Jassoy, 
der die Aufgabe gestellt und das Preisrichteramt über 
nommen hatte, statt. Das Programm forderte den Ent 
wurf eines ca. 80 m langen Mietsfabrikgebäudes mit Ma 
schinen- und Kesselhaus. Der Redner ging zunächst in 
einem längeren, äußerst lehrreichen Vortrag auf sämtliche
        

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