Volltext : Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1906)

baues,  weil  sie  barock  erscheinen,  sondern  weil  sie  die
geeignete  künstlerische  Ausdrucksweise  dieses  Materiales
sind.  Und  so  könnte  man  lange  fortfahren.
Diese  Wendung  zur  gesunden  Yernunft  nimmt  die  Stilarchitektur ­
  allerdings  bloß  in  der  Hand  derjenigen  Architekten, ­
  die  mit  selbständiger  Empfindung  arbeiten.  Weitaus
  vorwiegend  sind  natürlich  die  Beispiele,  wo  wir  es
mit  nichts  anderm  zu  tun  haben  als  mit  öder  Stilimitation, ­
  die  nur  aus  Mode  ihre  Formen  wechselt.
Reaktion  gegen  die  Stilarchitektnr
Und  dieser  Ueberfluß  an  geistlosen  Bauten,  die  in
schlecht  verstandenem  Maskenkleide  der  Renaissance,  des
Barocks,  des  Empire  daherkamen,  brachte  es  schließlich
dahin,  daß  man  sich  der  Unnatur  bewußt  zu  werden
begann,  die  darin  liegt,  wenn  wir  heute  in  einem
Renaissance-Schloß  und  einem  Rokoko-Palais  wohnen
wollen,  während  alles  andre  um  uns  her  mit  Renaissance
oder  Rokoko  nichts  mehr  zu  tun  hat.  Man  wurde  sich
auch  theoretisch  der  Forderung  bewußt,  im  Wohnbau
unsrer  Zeit  den  Charakter  eben  unsrer  Zeit  zum
Ausdruck  zu  bringen,  ebenso  wie  jene  bewunderten
historischen  Kulturepochen  das  in  ihrer  Weise  getan
hatten.
Und  nun  besann  man  sich  auch  auf  das  Recht  der  persönlichen ­
  Selbständigkeit  des  Künstlers,  rief  nach  individueller ­
  Kunst,  und  es  bildete  sich  aus  ästhetischen  Gründen ­
  eine  lebhafte  Opposition  gegen  alle  historische  Tradition
im  Wohnhausbau.  Man  glaubte  vielfach  zu  seiner  zeitgemäßen ­
  Gestaltung  ganz  von  vorne  anfangen  zu  müssen.
Die  Regung,  die  sich  darin  aussprach,  war  der  Ausdruck

der  endlichen  Erlösung,  die  das  Wohnhaus  sich  im  schweren
Prüfungsgang  durch  alle  Stile  der  Architekturentwicklung
hindurch  errungen  hatte.  Die  Art,  wie  sich  diese  Erkenntnis ­
  praktisch  äußerte,  entsprach  nicht  immer  ihrem
eigentlichen  Wesen.  Vielfach  suchte  man  seine  Freiheit
nur  dadurch  möglichst  deutlich  zu  zeigen,  daß  man  in

ornamentalen  Motiven  absichtliche  Abkehr  von  aller  historischen ­
  Tradition  möglichst  deutlich  zur  Schau  trug,  und
bis  heute  ist  man  in  weiten  Kreisen  der  Ansicht,  daß
die  Einverleibung  neuer  Ornamente  und  gewisser  neuzeitlicher ­
  Linienzüge  die  Erlösung  des  Wohnhauses  vom
historischen  Dogma  der  Stilarchitektur  bedeutet.
(Fortsetzung  folgt)
            
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