Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/302/
WÜRTTEMBERG 
BADEN HESSEN EL- 
SASS - LOTHRINGEN' 
in. JAHRGANG 
STUTTGART, 8. SEPTEMBER 1906 
Inhalt: Die neue Straßenbrücke bei Neckargartach. — Vom Honoraranspruch des Architekten. — 
Neuerungen im Verlegen von Linoleum. — Vereinsmitteilungen. — Wettbewerbe. — Kleine Mitteilungen. 
— Beleuchtungskörper, ausgeführt von J. Eominger-Stuttgart. — Personalien. — Bücher. 
Alle Rechte Vorbehalten 
Pie neue Straßenbrücke bei Neckargartach 
(Schluß) Nach einem Vortrag des Erbauers, Oberbaurats v. S 
Nach der Winterpause begannen sodann im März 1904 
die Arbeiten zur Aufstellung der Ar beit s- und Lehr 
gerüste durch die Firma Baresel, die mit 2 1 / 2 °/ 0 Ab 
gebot auch die Akkordarbeiten für den „Aufbau der 
Brücke“ zugescblagen erhalten hatte. Für Beförderung 
der Baustoffe leistete die Privatbahn des Salzwerks Heil 
bronn wertvolle Dienste; sie hat im Lauf der Bauzeit 
mehr als 1000 Eisenbahnwagen vom Bahnhof Neckar 
sulm unmittelbar zur Baustelle geführt. Teilweise konnten 
die Materialien auch zu Schiff auf dem Neckar zugeführt 
werden, lieber die Lehrgerüste ist folgendes zu be 
merken : Am ganzen Lehrgerüst sind keine Yerzapfungen, 
an ihrer Stelle sind eiserne Dollen, 8 cm lang, 3 cm stark, 
verwendet. Die Hölzer können auf diese Weise um die 
Zapfenlänge kürzer genommen und die Dollen immer 
wieder verwendet werden; die Arbeit ist damit verein 
facht. Die Kranzhölzer sind aus einem Stück. Pfosten 
und Streben stehen nicht unmittelbar auf der Schwelle, 
sondern in kräftigen I I-Eisen, deren Flanschen ein seit 
liches Ausweichen verhindern. Statt der sonst üblichen 
Pflöcklinge wurden als Schalhölzer 8 cm starke Dielen 
verwendet, die Ueberhöhung betrug im Scheitel 10 cm, 
an den Widerlagern 2 cm und erwies sich später als 
richtig berechnet. Die Gerüste wurden, unter Vermeidung 
Von Sandtöpfen, ausschließlich auf Senkschrauben auf 
gesetzt, das Aufschlagen wurde durch drei große Lauf 
kranen erleichtert. Da die Schiffahrt und Flößerei nicht 
unterbrochen werden durfte und sowohl wegen der Fahr 
zeuge als wegen der Bauarbeiten die größte Vorsicht not 
wendig war, so wurden über die Dauer der Arbeiten über 
dem Neckar besondere Vorschriften für die Schiffahrt 
erlassen, ein Wahrschauerdienst eingerichtet und ein 
Benzinmotorboot bereitgestellt, mit dem sich sämtliche 
zu Tal gehenden Fahrzeuge und Flöße durch die Schiff 
gasse schleppen lassen mußten. Diese Vorsichtsmaßregeln 
haben sich sehr gut bewährt; sie verursachten zwar einen 
beträchtlichen Aufwand, hatten aber das Ergebnis, daß in 
den sechs Monaten, während welcher die Lehrgerüste 
standen, der Schiff- und Floßverkehr unbeschränkt 
weitergeführt werden konnte. Dabei sind in dieser Zeit 
159 Schlepper mit 650 Schiffen zu Berg sowie 799 Schiffe 
und 212 Flöße zu Tal gefahren. 
Von Mitte Juni bis Anfang September 1904 wurden 
die Granitgelenkquader von der Granitgewerkschaft 
Wunsiedel im Fichtelgebirge angeliefert. Die Steine 
haal, im Württemberg^eben Verein für Baukunde. 
waren nach Beschaffenheit wie Aussehen sehr gut, die 
Bearbeitung der geschliffenen Gelenkflächen wurde an 
jedem einzelnen Stück mit besonderen Stahllinealen aufs 
eingehendste nachgeprüft und die sich zeigenden Mängel 
durch Nachschleifen ausgebessert. Das vorläufige Ein 
bringen der Steine auf die Gewölbeschalung besorgte der 
Unternehmer im Akkord, das genaue Versetzen wurde 
mit der peinlichsten Sorgfalt im Taglohn ausgeführt. Im 
einzelnen wurde bei dieser Arbeit die folgende Reihen 
folge eingehalten: 
1. Versetzender Widerlagerquader. 
Die vorläufig eingebrachten Quader waren je an dem 
Platz, an den jeder gehörte, auf Dachlatten aufgesetzt. 
Nun kam: 
a) das Herstellen des Betonkörpers hinter den Quadern, 
zunächst auf halbe Höhe, um noch bequem am Stein 
hantieren zu können und unter Freilassung einer 12 cm 
weiten Fuge zwischen Beton und Quader, 
b) das genaue Versetzen nach einem Schnurgerüst 
und mit Hilfe von Stahllinealen als Setzlatten. Jeder 
Quader wurde hinten auf zwei viereckige Eisenstücke, 
vorn auf zwei Paar gehobelte Stahlkeile gesetzt und in 
die richtige Lage gebracht. War auf diese Weise die 
ganze Reihe ausgerichtet, so kam 
c) das sorgfältige Ausstopfen der 2 cm starken unteren 
Stand- bezw. Lagerfuge mit Zementmörtel 1; 2 (Main 
sand). Dann nach eintägiger Erhärtung des Mörtels 
d) das Ausstampfeu der 12 cm weiten Fuge hinter 
den Quadern mit Hilfe von Schmalstämpfeln mit Feinbeton 
(1 TeilZement, 1 Teil Mainsand, 2 Teile Porphyrgrus), sodann 
e) das Nachprüfen mit den Stahllinealen, ob keine 
Verschiebung eingetreten war, 
f) das Herausklopfen der Stahlkeile und Ausstopfen 
der freiwerdenden Löcher sowie 
g) das Ausgießen der Stoßfugen auf die ganze Quader 
höhe und 
h) das Weiterbetonieren des Betonkörpers hinter den 
Quadern auf die ganze Höhe unter Offenlassen der 12 cm- 
Fuge und endlich nach dem Erhärten dieses Betonkörpers 
i) das Ausstampfen der 12 cm-Fuge. 
2. Versetzen der ßogensteine an den Kämpfern. 
Diese Arbeit erfolgte erst nach Vollendung des Ge 
wölbes. Zwischen dem vorläufig eingebrachten Gelenk-
        

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