Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/324/
23. September 1906 
BAUZEITDNG 
303 
führen? Viel, dankenswert viel, man fühlt sich gewisser 
maßen namens seines eignen engeren Vaterlandes gegenüber 
dem gastfreundlichen Lande dauernd verpflichtet, und doch 
ist das Gebotene so unendlich wenig gegenüber dem, was 
Ausstellungen bieten. Für diese hat der ganze Apparat 
der Verwaltung gearbeitet, hier ist vom Guten das Beste 
gezeigt, hier ist die Darbietung so mannigfach, daß zu 
den Vorzügen der Vertiefung in einzelne Fälle auch 
noch der ganz besondere Vorzug der Erweiterung des 
Blickes über ganze in sich abgeschlossene Gebiete tech 
nischer Tätigkeit kommt. Es bleibt deshalb dabei, daß 
die Lehrmittelsammlung den Schülern dient und daß 
eine Studienreise in den meisten Fällen nur einzelnen 
Spezialgebieten gelten kann. Wird auf derselben vieles 
zu erlangen gesucht, so nimmt sie zu viel Zeit in An 
spruch oder dient sie nur der Oberflächlichkeit; die Aus 
stellungen dagegen sind in ganz außergewöhnlichem Maße 
geeignet, den gesamten technischen Bildungsstand zu 
heben, den Blick zu erweitern, das Urteil zu schärfen, 
dazu beizutragen, daß aus dem Jünger, dem heute noch 
obliegt, auf seinem Bauplatze die Pläne andrer zur Aus 
führung zu bringen, einstens der umsichtige Meister wird, 
dessen umfassende Kenntnisse und Erfahrungen der Ge 
samtheit zugute kommen. 
Für die Erreichung eines solchen Zieles deucht mir 
keine Aufwendung zu groß, weder solche an Zeit noch 
solche an Geld, denn der Techniker verarbeitet so un 
geheuer große Werte des Volks Vermögens bei den staat 
lichen und den privaten Bauausführungen, daß aller Grund 
vorliegt, das Zustandekommen glücklicher Lösungen der 
ihm gestellten Aufgaben auf jede mögliche Weise zu 
fördern. Das Maß seiner Sachkenntnis und die Sicher 
heit seiner Anordnungen führen entweder dazu, daß er 
seinen ganzen Jahresgehalt an einer einzigen Bauaus 
führung einspart oder unbeachtet den gleichen und noch 
höhere Beträge nutzlos verwendet. Die Zweckmäßigkeit 
der Gestaltung größerer Entwürfe ist von so großer Be 
deutung, daß die ganze Summe der Lebensgehalte nicht 
bloß eines einzelnen, sondern eines ganzen Bureaus durch 
dieselbe aufgewogen erscheinen kann. Das sollte nie aus 
dem Auge gelassen werden; unsre Großindustriellen haben 
dieser Tatsache längst Rechnung getragen, sie suchen 
sich nicht bloß den tüchtigsten Mann heraus, sondern sie 
stellen ihn so, daß er das Höchste zu leisten vermag, daß 
er in seiner Ausbildung weiterschreiten, daß er nicht 
kleinlich, nicht engherzig werden kann. Und sie tun dies 
in ihrem wohlverstandnen eignen Interesse, sie sehen ein, 
daß von dem gleichen Geiste, der sich unter den Sorgen 
des Alltagslebens zu Hause ahzuquälen hat, nicht eine 
halbe Stunde nachher eine lehensfrische Entfaltung frucht 
bringender Tätigkeit erwartet werden kann. 
Mit andern Worten; Die Frage der Weiterbildung ist 
in den meisten Fällen eine Gehaltsfrage. Läßt sich die 
Gehaltsfrage eben nicht allgemein in solcher Weise lösen, 
daß von jedem Techniker gefordert werden kann, daß er 
auf eigne Kosten an seiner Weiterbildung fortarbeitet, 
so hat man in vermehrtem Maße die Pflicht, ihm dies 
im einzelnen Fall zu ermöglichen, man muß die Benutzung 
solcher Bildungsmittel, wie es zum Beispiel Ausstellungen 
sind, geradezu fordern; Urlaub und Reisebeiträge, welche zu 
diesem Zweck verwilligt werden, sind sonach produktive 
Aufwendungen, und deren Gewährung sollte nicht in 
erster Linie von Bitten abhängig gemacht werden, sondern 
es ist meines Erachtens die Bereitwilligkeit zu deren 
Verwilligung in nicht mißzuverstehender Weise von den 
Bureauvorständen und sonstigen Vorgesetzten dem be 
treffenden Personal bekanntzugeben. 
Sodann noch ein Punkt. Jeder Gebildete wird nach 
dem Studium einer Ausstellung, speziell einer auswärtigen 
Landesausstellung, seinen Blick so erweitert haben, daß 
er das Gute in der Heimat besonders schätzen lernt. Er 
hat im Nachbarland Vorzüge gesehen, aber er ist dadurch 
nicht blind geworden für die heimatliche Entwicklung, 
er arbeitet von neuem mit frischem Mute weiter an der 
Ausgestaltung der Aufgaben, welche seine Stellung mit 
sich bringt. 
Auf solche, welche die schwäbische Mundart verlernt 
haben, weil sie mit einem Extrazug in Berlin oder gar 
an der Wasserkante „jew r esen“ sind, bitte ich diese Be 
hauptung nicht anzuwenden. 
Zum Schlüsse noch eins: ich weiß mich frei von der 
Absicht, den maßgebenden Personen Belehrungen erteilen 
zu wollen. Mein Bestreben ging nur dahin, mit den vor 
stehenden Zeilen den hohen Wert, welcher in einer Aus 
stellung liegen kann und in der Bayrischen Landesaus 
stellung in Nürnberg tatsächlich liegt, öffentlich in der 
Fachpresse zu betonen, die volkswirtschaftliche Bedeutung 
der Benutzung dieser hervorragenden Gelegenheit der 
Weiterbildung nicht bloß auf technischem, sondern auf 
allen Gebieten, welche die Ausstellung umspannt, hervor 
zuheben. 
Das eine will ich allerdings nicht verschweigen — die 
Beobachtung, daß der Besuch der Ausstellung durch 
Kollegen kein so allgemeiner gewesen zu sein scheint, wie 
es dieselbe wohl zweifellos verdiente, diese Beobachtung 
ist es, welche mir in letzter Stunde die Feder zu vor 
stehenden Zeilen in die Hand gegeben hat. 
Wettbewerb Saalbau Mülbausen i. Eis. 
(Fortsetzung) 
Wir bringen heute die Entwürfe der Architekten 
Prof. Billing und Vittali, Karlsruhe, und Prof. Dr. Vetter 
lein, Darmstadt. Das Urteil des Preisgerichts über diese 
Arbeiten lautet wie folgt: 
Kennwort: „Sonate“, Verfasser Prof. H. Billing und 
Vittali, Karlsruhe. 
Der Entwurf ist eine erfreuliche künstlerische Leistung 
und weist in langgestreckter, geschlossener Grundrißform 
gute Raumbildung mit geräumigen Treppen, Vorplätzen 
und Kleiderablagen auf. Letztere sind mit den Abort 
anlagen in einem besonderen Zwischengeschoß geradezu 
vorbildlich angeordnet; der erforderliche Verkehrsraum 
neben und zwischen den Sitzreihen im Hauptsaal ist 
reichlich bemessen. Durch diese Vorzüge wurde natur 
gemäß der umbaute Raum und damit die Bausumme er 
heblich gesteigert. Dagegen ist der Aufbau in so ein 
fachen und doch sehr gefälligen Formen und Verhältnissen 
geplant, daß hierdurch andern Entwürfen gegenüber an 
den Baukosten wesentliche Ersparnisse zu erzielen sind. 
Zu loben ist die geschickte Anordnung der Gesell- 
schaftsräurae und der Tagesrestauration mit vorgelagerter 
Terrasse im Erdgeschoß wie die als Variante vorge 
schlagene rechtwinklige Stellung des Gebäudes zur Park 
anlage und die hieraus sich ergebende trapezförmige 
Gestalt der Plätze vor und neben dem Saalbau. Die 
dadurch gewonnene Platzerweiterung läßt die gesteigerte 
Höhenentwicklung des Gebäudes noch erträglich er 
scheinen. 
Kennwort: „Lokalkolorit“, Verfasser Prof. Dr.-Ing. 
Vetterlein, Darmstadt. 
Vorzügliche und klare Gesamtanordnung von Ein 
gängen, Garderoben, Bequemlichkeits- und Verkehrs 
räumen. Zu loben ist auch die Restaurationshalle mit 
der Gartenterrasse sowie die Beziehung des ganzen 
Hauses zum Garten. Im ersten Stock dürften die den 
Saal umgebenden Korridore geräumiger sein. Als zweck 
mäßig wird die Lage der Küche im Erdgeschoß neben 
dem Wirtschaftshofe anerkannt. Seiner einfachen Grund 
rißanlage entsprechend zeigt der Bau auch im Aeußeren 
eine klare Massengliederung. Bei aller Trockenheit wirkt 
die gleichmäßige Behandlung im Putzstil nicht unsym 
pathisch. Eine bessere Ausbildung der etwas hoch liegen 
den Saalgalerien wäre möglich gewesen. (Schluß folgt)
        

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