Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/86/
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FÜR WÜRTTEMBERG' 
BADEN HESSEN EL 
SAS S - LOTH RINGE N* 
STUTTGART, 10. MARZ 1906 
ALLE RECHTE VORBEHALTEN. - INHALT: DAS KÜNSTLERISCHE SCHAFFEN. - EINIGE BAUTEN PRIEDR. RATZELS. 
— SÜDDEUTSCHER HOLZMARKT. - VEREINSMITTEILUNGEN. - DAS HÜTTENSCHLÖSSOHEN BEI WÜRZBURG. — 
WETTBEWERBE. - KLEINE MITTEILUNGEN. - PERSONALIEN. 
-HALIHIEIN- 
„DAS KÜNSTLERISCHE SCHAFFEN“ 
VORTRAG, GEHALTEN VON PROF. .1. M. OLBRICH AUF 
VERANLASSUNG DES WÜRTTEMBERGISCHEN KUNST 
GEWERBE VEREINS ZU STUTTGART AM 13. DEZ. 1906 
Olbrich zergliedert das künstlerische Schaffen in drei zur 
Einheit werdende Wesenheiten: Das Erschauen, das Er 
lernen und die Phantasie. Die Phantasie als „unbestimmtes 
Etwas“ aufgefaßt, das nur dem Künstler innewohnt. 
Das Schauvermögen befähigt den künstlerisch empfinden 
den Menschen, große' Zusammenhänge zu sehen. Olbrich 
als schauender Künstler sieht in dem Rom von heute 
das einst kaiserliche Rom, die Stadt, deren Kunstwerke 
aus der überströmendsten Kraft eines überschäumenden 
Volkes durch dessen Führer, die Herrscher, entstanden 
sind. Rom, ein Ausdruck des Großzügigen, Mächtigen, 
der höchste Ausdruck des Willens zur Macht durch die 
Form. „Immer werde ich durch Rom beeinflußt beim 
Erscheinen großer Aufgaben, welche die heutige Zeit 
mir stellt.“ 
Ein andres Bild; Eine kleine mittelalterliche Stadt. Wir 
erschauen das Kleinzügige, das Einfältige, Einzelne. 
Spruch, Tier, Mensch, Blume. Ein Haus ist wie das 
andre. Alles behaglichste Poesie. Zünftige Meisterkunst 
beherrscht. Der große Eindruck fehlt ganz. Dagegen das 
Kleine, Einzelne in Vollendung. Jedes nennt eine Seele 
sein eigen. Der Wert liegt im Detail. Jeder hat das Recht 
sich auszusprechen und tut dies in vollstem Maße. 
Ein drittes Bild: Amerika, das Neuland der Kunst. Der 
Weg dorthin führt uns übers Meer. Das Meer läßt alles 
andre vergessen. In aller Schiffahrt aber tritt uns ein 
konstruktiver Geist entgegen. Das Schiff: die konstruk 
tive Einheit. Die Harmonie dieser mechanischen Kräfte 
ist erreicht und erprobt durch lange Zeiten hindurch. 
Das Schiff ist uns „das technische Wunder“. Der Zweck 
allein, der mit der Schönheit noch nichts zu tun hat, 
schafft Ordnung. Zweckmäßigkeit allein ergibt Nüchtern 
heit, und nur zu stark drückt Amerika bis heute die Un 
fähigkeit zur Schönheit aus. 
Nirgends ist das Mißverständnis zwischen der in der 
Schule erlernten Monumentalität und der schönen tech 
nischen und konstruktiven Monumentalität, wie die Kon 
struktionsmasse sie von selbst ergibt, größer als in 
Amerika. Unfähigkeit zu eignem Ausdruck drängt zum 
Plagiat. Man entlehnt bei den Schönheiten vergangener 
Zeiten und heißt dieses archäologische Treiben dann 
Tradition (bei uns heißt man solch feine Art des Re 
staurieren und Rekonstruieren — Heimatkunst). Amerika 
verheißt viel und kann alles versprechen, denn ihm 
eignet das große Gut der praktischen Phantasie. Alles 
andre muß noch dazukommen. Aus diesen Denkmalen 
der Arbeit muß die Schönheit erstehen. — Solcherart 
sind die Begriffe der Schauarbeit des künstlerisch ge 
bildeten Menschen. Das Schauen des Laien aber ist 
äußerst voreingenommen. Der Eindruck dessen, was er 
gesehen, fehlt und keine geistige Tätigkeit verarbeitet 
das Geschaute. Wieviel entbehrt er. Entsteht doch der 
wahre Genuß durch die Verbindung des körperlichen 
Schauens mit der Sensibilität und der Phantasie. Das 
Schauen aber ist unbeschränkt und die Zahl der Objekte, 
die zur Basis des Schauens und der daraus entspringen 
den Entwicklung dienen können, sind unendlich. Alle 
Gebiete heutiger und vergangener Zeiten dienen dazu. 
Ob Höhlenmensch oder Böcklin, ob Hieroglyphe oder 
vollendete Plastik; Künstler ist immer nur der, welcher 
das Altgeschaute in neuer Form zu geben imstande ist. 
Alle Gebilde, die von der Empfindung aufgenommen wer 
den, sind vom Beginn ihrer Erscheinung bis zur Wieder 
erweckung durch die Phantasie in Entwicklung be 
griffen, künstlerische Entwicklung aber setzt inneren Be 
sitz voraus. Neben der Schautätigkeit geht Hand in 
Hand das Erlernen, der Aufschluß durch konstruktives 
Wissen; die Statik. Jedermann kennt heute die Einzel 
bezeichnungen der Statik: Druckfestigkeit, Biegungs 
festigkeit und Knickfestigkeit. So klar uns heute diese 
Begriffe sind, so liegen doch Jahrtausende hinter uns, 
welche diese Gesetze zum Werden gebracht haben. Uns 
steht es an, sie genau zu kennen. Verschiedentlich waren 
daneben die Entwicklungsformen. Das Blatt, von dem 
der aufscblagende Regentropfen abläuft, führt zur Kon 
struktion des Daches. Der Baumstamm als Einzelsttitze 
wird zur Wand, die Verteidigung gegen den Feind schafft 
den geschlossenen Raum. Aus Holz wird Stein. Es 
schafft die Entwicklung. Der dorische Tempel entsteht. 
Wie oft mag der Architrav gebrochen sein, ehe die Ent 
fernung der Säulen zur Norm wurde. Die Höhe der 
Säulen ergab sich. Dieser dorische Tempel bedeutet tek 
tonisch einen Höhepunkt der Statik. Weiter aber schafft 
die Entwicklung. Der Rundbogen entsteht, er wird zum 
Gewölbe, zur Kuppel. Das Widerlager als statisches 
Moment ergibt eine horizontale Gliederung des Aufbaues. 
Weiter führt die Entwicklung. Im gotischen Spitzbogen 
liegt die senkrechte Kraft und mit ihr der Pfeiler. Statik 
ist alles, sie beherrscht das Ornament und die Dekoration. 
Das starre, geheime Wissen der Bauhütten des Mittel 
alters beherrscht und überliefert diese Kenntnisse der 
Statik. Nach der Gotik der Zerfall. Liebhaberei und
        

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