Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

6. April 1907 
BAUZEITUNG 
107 
pflege genommen wird. Ebenso durch das Hereinfallen der 
Bevölkerung auf verlockende und verführerische Anzeigen 
einiger Blumen- und Samengeschäfte. 
Manche Blumenliebhaber hört man klagen: Bei mir 
wollen die Pflanzen überhaupt nicht gedeihen, und er 
unterläßt in der Folge die Schmückung seiner Baikone 
und der Fenster. Geht man der Sache aber einmal auf 
den Grund, so stellt sich als Ursache oft falsche Behand 
lung und Pflege der Blumen heraus. Viele Baikone 
liegen gerade nach Süden, viele nach Norden. Auf der 
einen Seite grellste Sonne, eine wahre Wüsteutemperatur, 
auf der andern Seite tiefer Schatten. Wieder andre 
Baikone sind der Wetterseite, heftigen Winden aus 
gesetzt. Blumen und Blätter werden zerfetzt oder die 
Pflanzen kommen infolge der schlechten Lage nicht vor 
wärts im Wachstum. In allen diesen Fällen wird ge 
sagt, hier kann nichts gedeihen. Die Bepflanzung unter 
bleibt; man hat die Lust dazu infolge der mehrfach miß 
glückten Versuche verloren. 
AVie wir also sehen, ist die Ursache der vielen blumen 
losen Baikone in der Hauptsache auf falsche Behandlung 
und Lösung der allgemeinen Fragen zurückzuführen. Des 
halb aber gleich die 
Flinte ins Korn zu 
werfen ist ein Unrecht. 
Dem Blumenfreunde sei 
zum Trost gesagt, daß 
durch mancherlei Ein 
richtungen, wie Schutz 
wände, Drellvorhänge 
u. s. w., Abhilfe geschafft 
werden kann. Außer 
dem liefert uns das große 
Pflanzenreich Material 
für jede Lage, ob windig, 
grellste Sonnenglut oder 
tiefster Schatten, ist 
gleich. 
Doch die Kenntnis 
zen, es ist leider nur 
bei unsern Gärtnern vielfach eine 
recht mangelhafte. Man halte einmal 
Umschau in den Straßen. Ueberall 
das gleiche Bild: rosa Efeu-Pelargo 
nien und rote Geranien. Hin und 
wieder auch mal Lobelien, Petunien, 
Fuchsien und einige andre Gewächse. 
An Schling- und Kletterpflanzen; 
Kapuzinerkresse, wilder AVein, Efeu, 
türkische Bohnen, Glycinen und 
Cobaea. Diese Auswahl bildet im 
allgemeinen den Pflanzenschutz der 
Gärtner für Balkon- und Fenster 
schmuck, von einzelnen rühmlichen 
Ausnahmen natürlich abgesehen. 
Der Erfolg der Balkon- und Fenster 
gärtnerei hängt einzig und allein 
von der richtigen Anordnung und 
Ausstattung der Pflanzenauswahl 
sowie von der Pflege und Behand 
lung der Gewächse ab. 
Doch wie sieht es in den meisten 
Städten aus? Nicht mangelt es dort, 
wo der Blumenschmuck angebracht 
ist, an gutem AVillen, Baikone 
und Fenster auf das schönste zu 
schmücken, wohl aber an richtigem 
Verständnisse für die Lösung der 
allgemeinen Fragen. Wie sehr auch 
richtig angebrachter und wohl 
gepflegter Häuserblumenschmuck das 
Städtebild wesentlich verschönert, 
wird noch viel zu wenig gewürdigt. Daß dadurch auch der 
Fremdenverkehr beeinflußt und gehoben wird, ist eine Tat 
sache, mit der man in einigen Städten schon längst rechnet. 
Manche geben zu diesem Zwecke alljährlich große Summen 
aus. Als Beispiel sei Dresden genannt, wo viele Vereine, 
allen voran der Verkehrsverein, in besagter Lichtung eine 
erfolgreiche Tätigkeit ausüben. Ja, man geht dort sogar 
so weit, daß viele Hausbesitzer den Mietern Balkonkästeu 
und Pflanzen umsonst verabreichen. Auch die Stadt selbst 
beteiligt sich hervorragend und nachahmenswert an diesem 
friedlichen AVettkampf, indem sie manche Schule, das Rat 
haus und andre städtische Gebäude mit Blumenschmuck 
versieht. Mögen sich andre Städte hieran ein Beispiel 
nehmen. 
Mag ein Haus in der Behandlung der Architektur 
auch noch so schön sein, stets erscheinen uns diese leb 
losen Gebilde kalt und tot. Sobald aber nur einige 
Blumen hinzukommen, welches Leben, welche Anmut, 
Lieblichkeit und vorteilhafte Unterstützung der Archi 
tektur, wie ganz anders und traulich erscheint dann das 
Gebäude. Gerade in den Hauptverkehrs- und Geschäfts 
straßen, die doch der Fremde zuerst und am häufigsten 
e A 
dieser Pflan- 
zu wahr, ist 
Kgl. Baugewerkschule Stuttgart 
Wohnhausentwurf von W. Kehle
	        

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