Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

IV. Jahrgang 
FÜR WÜRTTEMBERG 
BADEN HESSEN EL 
SAS 8 - LOTHRINGEN* 
Inhalt: Neue evangelische Kirche in GroG-EisIingen. — Restaurierung der Hamburger Michaelskirche. 
— Das Heraion in Olympia. — Vom Holzmarkt. — Zentralheizungen. — Mehr Einigkeit. — Kirche zu 
Affolterbach. — Reichsgerichtliohe Entscheidung. — Alte Kirche zu Zainingen. — Vereinsmitteilungen. 
— Kleine Mitteilungen. — Personalien. — Bücher. — Briefkasten. — Zur gell. Beachtung. 
Alle Rechte Vorbehalten 
Nene evangelische Kirche in droh-Eislingen 
Architekten Prof. R. Böklen und C. Peil, Stuttgart 
Kürzlich wurde in Groß - Eislingen, OA. Göppingen, 
die nach dem Entwurf und unter der Leitung der Archi 
tekten Prof. R. Böklen und C. Feil in Stuttgart erbaute 
neue evangelische Kirche eingeweiht. 
Die Anfänge zu diesem Bauvorhaben liegen weit 
zurück. Schon im Jahre 1898 haben die genannten 
Architekten den ersten Entwurf aufgestellt; aber es sollten 
noch Jahre vergehen, ehe auf solider finanzieller Grund 
lage an die Ausführung des Baues gedacht werden 
konnte. 
Die evangelische Gemeinde Groß-Eislingens hatte sich 
während dieser Zeit wesentlich vergrößert, so daß die 
ursprünglich geforderte Anzahl der Sitzplätze von 600 
auf 750 erhöht werden mußte. Inzwischen hatten sich 
aber auch die Anschauungen auf dem Gebiete des evan 
gelischen Kirchenbaues total verändert. Immer mehr löste 
sich die Grundrißgestaltung vom mittelalterlichen Kirchen 
bauschema ab und daneben zeigte sich das Bestreben, 
auch schon mit Rücksicht auf die Baukosten, einfachere, 
den ländlichen Verhältnissen entsprechendere, boden 
ständigere Bauten erstehen zu lassen. Unter diesen 
Gesichtspunkten ist dann der zur Ausführung bestimmte 
Entwurf entstanden. Freilich haben alle diejenigen, 
welche sich eine Kirche eben nur romanisch oder gotisch 
mit spitzem Turmhelm vorstellen können, zum neuen Ent 
wurf den Kopf geschüttelt, aber erfreulich war es dann 
zu sehen, wie mit dem Fortschreiten des Baues die 
Stimmen des Zweifels immer mehr verstummten. Und 
so ist zu hoffen, daß bei der Weihe des neuen Gottes 
hauses, als das geräumige helle Innere, mit seiner 
hervorragend künstlerischen Ausschmückung versehen, 
sich dem Beschauer darbot, die letzten Bedenken 
geschwunden sind. 
Durch einen säulengetragenen Vorbau, dessen Bogen 
feld über der Haupteingangstüre ein Engel schmückt, der 
mit ausgebreiteten Armen zum Eintritt einladet, und unter 
der westlichen Orgelempore hindurch, welche genügend 
hoch ist, um mit wenigen Schritten schon einen Ueber- 
blick des Gesamtraums zu haben, betreten wir die Kirche 
mit ihrem Hauptraum von Ilm Breite und 21,5 m Länge. 
An den Hauptraum gliedert sich nach Süden ein Quer 
schiff an, das ebenfalls eine Empore enthält; der zu ebener 
Erde gelegene Teil desselben kann als besonderer Saal 
vom Hauptraum abgetrennt werden, so daß darin kleinere 
gottesdienstlicheVersammlungen abgehalten werden können. 
Eigenartig ist die Lösung des Altarraums. Jeder Anklang 
an den mittelalterlichen Chor ist ganz vermieden. Altar, 
Kanzel und Taufstein sind einander so nahe gerückt, 
daß sie bezüglich des Gesehenwerdens von allen Plätzen 
der Kirche aus ziemlich gleichwertig erscheinen. Die 
vielumstrittene Frage der Kanzelstellung, ob axial oder 
seitlich, braucht bei der Anordnung im vorliegenden Falle 
nicht erörtert zu werden. Der Altar hat im vorderen Teil 
des untersten Turmstockwerks seine Aufstellung gefunden 
und ist mit einer Säulenstellung in Verbindung gebracht, 
durch welche die Handlung des Altarumgangs beim Abend 
mahl ihren architektonischen Ausdruck findet. Es ent 
stand so aber auch in dem über dieser Säulenstellung 
sich befindlichen halbkreisförmigen Wandfeld eine Fläche, 
welche zu einer bildlichen Darstellung im monumentalsten 
Sinne ausgenutzt werden konnte. Durch diese Anord 
nung ist aber auch vermieden worden, daß die Gemeinde 
nach Osten in grell beleuchtete Chorfenster blickt. Dank 
der Munifizenz des Vereins zur Förderung der Kunst 
und des Vereins für christliche Kunst konnte dieses Wand- 
feld mit einem Gemälde von erster Künstlerhand ge 
schmückt werden. Prof. Friedrich Keller in Stuttgart 
hat hier ein 5 m breites und über m hohes Wand 
bild mit überlebensgroßen Figuren, die Bergpredigt dar 
stellend, geschaffen. Das Bibelwort „Selig sind die reines 
Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“ kann 
wohl nicht eindrucksvoller zum Herzen sprechen als in 
diesem Kellerschen Meisterwerke. Für die Gemeinde 
aber ist durch dieses Bildwerk die Kirche zu einer 
Sehenswürdigkeit ersten Ranges geworden. Frei, luftig 
und licht ist der ganze Innenraum; die gewölbte Decke 
mit verschieden behandelten Putzfeldern zwischen bemal 
ten Holzbalken ist von feierlichster Wirkung. 
Die Orgel mit 19 klingenden Registern, 2 Manualen 
und 1 Pedal steht auf der Westempore. Der 7 m breite 
Prospekt schließt die Orgelnische wirkungsvoll ab. Das 
Geläute besteht aus drei Glocken im Gesamtgewicht von 
ca. 80 Zentnern. 
Entsprechend der einfachen und klaren Raumgestaltung 
im Innern zeigt sich auch das Aeußere. Der ganze Bau 
konnte unter ein großes schützendes Dach gebracht werden, 
in welches nur das südliche Querschiff einschneidet. Die 
weißgrau geputzten Mauern, das rote mächtige Ziegeldach 
fügen sich dem Landschaftsbilde aufs glücklichste ein. 
Schlicht steigt der stattliche, 36 m hohe Turm an der
	        

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