Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BAUZBITUNG 
Nr. 26 
Die Pflege der Kunst durch die Geistlichen 
Die allgemeine Konferenz der evangelischen Geist 
lichen der Provinz Starkenburg, die am 27. Mai in Darm-' 
stadt tagte, beschäftigte sich in eingehender Weise mit 
der vorstehenden Frage, deren Wichtigkeit der Vor 
sitzende, Superintendent D. Flöring, anerkannte und 
des näheren darlegte. Könne man auch keineswegs jener 
in der Gegenwart vielverbreiteten ästhetischen Strömung 
Vorschub leisten, die aus der Kunst und der Kunstpflege 
nahezu ein Surrogat für die Religion und die sittliche 
Erziehung mache, müsse hier vielmehr die Schranke der 
ästhetischen Weltanschauung festgehalten werden, so 
hätten doch nach drei Seiten hin gerade die Geistlichen 
besondere Veranlassung, sich mit Kunst und Kunstpflege 
zu befassen. Erstens sei dies ein Mittel des Ver 
ständnisses für unsre Zeit, zumal die künstlerischen 
Bestrebungen mit den allgemeinen Geistesströmungen 
parallel zu geheu pflegten und keineswegs nur die Stadt 
und die Gebildeten erfaßten, sondern auch auf das Land 
hinüberwirkten. Zweitens sei echte Kunstpflege ein will 
kommener Bundesgenosse für alle wahrhaft volksfreund 
lichen Bestrebungen. Es sei auch für das Gemütsleben 
und die ethischen Kräfte von hoher Wichtigkeit, welche 
Einflüsse in künstlerischer Beziehung zum Beispiel auf 
den Geschmack und die Arbeit des einfachen Hand 
werkers in Stadt und Land ausgeübt werden, und sehr 
zu begrüßen, wenn die Denkmalpflege Sinn und Auge 
für das vorhandene Schöne in der Nähe aufzuschließen 
und echte Heimatkunst zu wecken suche, wenn man 
sich bemühe, auch dem einfachen Handwerker auf dem 
Land wieder Lust zu machen, mit gutem Material und 
einfachen Mitteln etwas Angemessenes und Schönes her 
vorzubringen. Drittens erweitere die Teilnahme an den 
Kunstbestrehungen den Gesichtskreis und bringe persön 
liche Lebenswerte. Den Geistlichen liege diese Teilnahme 
besonders nahe: bei der Frage der Erhaltung, Wieder 
herstellung und Ausstattung der Kirchen, bei der Ein 
wirkung auf die Pflege der profanen Kunstdenkmäler in 
der Gemeinde, überall ständen und sollten die Geistlichen 
mit an der Spitze einer wahrhaft gesunden Volkskunst 
pflege stehen. 
Pfarrer Fischer von Goddelau besprach die Pflege 
der Kunst durch die Geistlichen. Das Thema zielt in 
seiner Tendenz auf ein enger begrenztes praktisches Ge 
biet im Wirkungsbereich des Pfarrers; da sich ihm das 
Problem des Verhältnisses von Religion und Kunst 
geradezu aufdrängt, so muß er sich in das Gebiet der 
Kunst einleben, um aus eigner „Anschauung“ urteilen 
zu können; es genügt nicht reflektierendes Studium, 
Wettbewerb Schulhaus in Heslach. Grundrisse. Motto „Dominante“ 
Ein Preis 500 M. Architekt Ed. Brill, Stuttgart 
Reproduzieren suggerierter Kunsturteile, sondern „Be 
obachtung“; diese verlangt neben anderm ausgiebige 
Ausbildung des Auges, Hebung im künstlerischen Schauen, 
besonders wo plastische Werke, Raumgröße, Perspektive, 
Stimmung eines Innenraumes, Gesamtbild u. dergl. in 
Betracht kommen. Hierzu ist das Auge des Pfarrers, wie 
aller Kunstlaien, zu wenig erzogen. In dieser Hinsicht 
hat sich das Gymnasium schwer am zukünftigen Theo 
logen wie an allen seinen Zöglingen versündigt, die 
theologische Fakultät ihn nicht genügend beraten und 
angeleitet, die Vorlesungen über Kunst ergiebig wahr 
zunehmen. Fleißig nachgeholtes Kunststudium im späteren 
Leben hat die Lücke im Theoretischen der Kunst mehr 
oder weniger ausgefüllt, verbürgt aber noch nicht die 
Fähigkeit „im Schauen“; der Kunstunverstand der „Reiß 
brettarchitekten“ in den letzten Jahrzehnten war dazu 
angetan, ihn, wie alle Gebildeten, irrezuleiten; so er 
klären sich in der Kunstpflege viele im einzelnen vor 
getragene Mißstände, die bei vorhandenem „künst 
lerischen Schauen“ unmöglich wären. Die überaus 
segensreich wirkende Denkmalpflege fordert geradezu 
Erziehung des theologischen Nachwuchses zur Kunst, 
Weiterbildung der älteren Generation durch alle Mittel, 
die besonders den „künstlerischen Blick“ wecken, wie 
durch Vorträge im Angesichte besonders der plastischen 
Kunstwerke, Leitung durch Museen und Ausstellungen, 
Besprechung von Architekturen. „Denn die Kunst ist 
dazu da, daß man sie sehe, nicht davon rede, als höchstens 
in ihrer Gegenwart.“ 
In bemerkenswerter Weise verbreitete sich Prof. 
Wickop, Großh. Denkmalpfleger, über das zur Er 
örterung stehende Thema, wobei er u. a. folgendes aus 
führte; Es ist für den Denkmalpfleger, dessen Tätigkeit 
noch so vielfach unrichtigen Auffassungen begegnet, von 
größtem Wert, sich einmal mit den Geistlichen seines 
Bezirks verständigen zu können. Sind sie doch in 
doppelter Hinsicht die berufensten Mitarbeiter bei der 
Pflege der heimischen Kunstdenkmäler: einmal weil die 
hervorragendste Gattung derselben, die Kirchenbauten, 
ihrer Obhut unterstellt sind, dann aber auch mittelbar 
infolge ihres großen Einflusses auf die Erziehung der 
Bevölkerung. Es ist eine erfreuliche Tatsache, daß die 
Geistlichkeit sich fast durchweg mit warmem Interesse 
der Pflege und Verschönerung ihrer Kirchen annimmt; 
freilich ist es ihr dabei nicht leicht gemacht, stets den 
richtigen Weg zu finden, da ihre Vorbildung sie zu wenig 
auf künstlerische Fragen vorbereitet, die zumal bei der 
Architektur für den Laien schwer zu fassen sind, einer 
seits wegen ihrer geheimnisvollen Formensprache, ander 
seits wegen ihrer Untrennbarkeit von technischer und 
K
	        

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