Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BAUZEITUNG 
Nr. 27 
Abb. 12. Drehgestell dev Leinzuglokomotive 
dienst ein, und es können die Befrachter, da außerdem 
die Störungen durch Niederwasser im kanalisierten Fluß 
wegfallen, künftig mit festen Lieferzeiten weit sicherer 
rechnen als heute. Dieser Punkt ist von besonderer 
Wichtigkeit. Da die Wasserstraße für den Verkehr 
besser ausgenutzt werden kann, wenn die Fahrt nicht 
jedem Schiffer selbst überlassen, sondern durch einen ge 
nauen Fahrplan geregelt wird, so wie man dies auf 
Schienenwegen von vornherein als selbstverständlich be 
trachtet, so gelangt man durch diese Ueberlegung zur 
Einführung eines Schleppmonopols. 
Was schließlich die Frage anbelangt, ob der Monopol 
betrieb durch den Staat selbst erfolgen oder unter staat 
licher Aufsicht der Privatindustrie überlassen werden soll, 
so ist an andrer Stelle schon öfters ausgesprochen worden, 
daß der Staat als solcher kein hervorragender Industrieller 
wei’den kann, weil ihm hierzu die Freiheit der Bewegung 
fehlt. Der staatliche Beamtenorganismus ist für die Durch 
führung genehmigter Verordnungen sehr gut geeignet, 
taugt jedoch einesteils weniger für die Einführung indu 
strieller Neuerungen, andernteils für das rasche Erfassen 
und für die Ausnutzung plötzlicher Konjunkturen, wo so 
oft Täuschungen und Mißerfolge mitunterlaufen können. 
Derartige Eventualitäten kann der Privatkapitalist auf 
eigne Gefahr wagen, niemals aber der Staatsbeamte, der 
einer Reihe von Vorgesetzten, Behörden und gesetzgeben 
den Körperschaften unterstellt ist und denen er, wie auch 
der Gesamtheit der Steuerzahler, verantwortlich ist. 
Es kann daher in Frage kommen, ob der Betrieb des 
Schleppdienstes auf dem kanalisierten Neckar nicht in 
einer dem heutigen Schleppbetrieb ähnlichen Weise der 
Privatindustrie überlassen werden kann und der Staat 
sich lediglich auf die Festsetzung der im öffentlichen 
Interesse notwendigen Betriebsbedingungen sowde auf die 
Ueberwachung ihrer richtigen Ausführung beschränkt. 
Diese staatlicherseits aufzustellenden Bedingungen hätten 
lediglich den Zweck, die Allgemeinheit vor möglichen 
Mißbräuchen, wie z. B. übertriebenen Preisen, ungenügen 
den Dienstleistungen und ähnliches, zu schützen. Wenn 
ferner dem Unternehmer bei redlicher Arbeit ein mäßiger 
Abb. 13. Vollständiger Schleppzug auf dem Teltow-Kanal 
Gewinn dadurch sichergestellt würde, daß eine kleinste 
Verzinsung seines Betriebskapitals vom Staat garantiert 
wird und ihm zugleich die Auflage gemacht wird, vom 
allfallsigen Mehrertrag einen Teil an den Staat abzu 
liefern, so wird einerseits der Trieb, durch zweckent 
sprechende Verbesserungen und Neuerungen den Verkehr 
zu heben, bei der Unternehmung wachgehalten, und die 
Zusicherung einer Zinsengarantie veranlaßt anderseits 
größere und solide Handelsfirmen zu der Mitbeteiligung, 
was der Allgemeinheit nur zum Vorteil gereichen kann. 
Die Einführung eines staatlichen Schleppmonopols 
wäre auch deshalb zu begrüßen, weil dadurch die von 
vielen Seiten, aber mit Unrecht ausgesprochene Be 
fürchtung der Konkurrenz zwischen Staatseisenbahn und 
Schiffahrtstraße beseitigt und im Gegenteil eine Assozia 
tion beider angebahnt würde. 
Der Deutsche Arbeitgeherhund für das 
Baugewerbe und der große Abwebr- 
kampf in Berlin 
Unter dem Vorsitz des Baurats Felisch tagte am 
22. Juni der Vorstand des Deutschen Arbeitgeberbundes 
für das Baugewerbe in einer Sitzung in Berlin, bei 
welcher auch der Landesverband Württemberg 
vertreten war, um zu dem Kampf im Berliner Bau 
gewerbe Stellung zu nehmen. Nach Eröffnung der Sitzung 
wies der Vorsitzende besonders auf die große Bedeutung 
hin, die der Bewegung im Berliner Baugewerbe zukomme. 
Es handle sich hier bekanntlich nicht um Lohnfrage, 
sondern der Abwehrkampf der Arbeitgeber richte sich 
vielmehr gegen das sozialdemokratische Prinzip des Acht 
stundentages. Daraus folge, daß Berlin hier nicht nur 
für sich, sondern für das ganze deutsche Baugewerbe, 
ja für das deutsche Gewerbe überhaupt kämpfe. Der 
Kampf müsse von den Arbeitgebern gewonnen werden 
im eignen Interesse und dann aber auch — hier komme 
noch ein höherer als der berufliche Gesichtspunkt in 
Frage — im Interesse einer gesunden deutschen Volks 
wirtschaft. Es sei ein praktischer Nonsens, an ein 
Saisongewerbe ‘ den gleichen Maßstab hinsichtlich der 
Arbeitszeitbegrenzung zu legen wie an diejenigen Berufe, 
die das ganze Jahr hindurch in der gleichen Weise pro 
duzieren könnten. Im Baugewerbe betrage bei einer 
sommerlichen Arbeitszeit von neun Stunden der Jahres 
durchschnitt der täglichen Arbeitsdauer schon jetzt nur 
etwa acht Stunden. Die sozialdemokratische Hypothese 
des Achtstundentages sei in Wahrheit hier also schon 
erreicht, es sei denn, daß auch der Achtstundentag in 
zwischen durch noch weitergehende Wünsche abgelöst 
sei. In der Tat habe das Maurerblatt, der „Grundstein“, 
vor kurzem bereits geschrieben, daß es sich „vorläufig“ 
nur um die Erringung der achtstündigen Arbeitszeit 
handle, daß also mit andern Worten eine noch weiter 
gehende Arbeitszeitverkürzung angestrebt werden solle, 
sofern von einem Streben nach Arbeit hier überhaupt 
noch die Rede sein könne. Natürlich hätten diese Volks 
beglücker, die solche merkwürdigen Trägheitsgedanken 
propagierten, nicht das mindeste Interesse an der Er 
haltung eines kräftigen Handwerker- und Gewerbe 
standes; ihre politische Stellung zwinge sie vielmehr, die 
Proletarisierung des Volkes mit allen Mitteln zu be 
treiben und besonders jenen Damm, die ausgedehnte 
Gruppe der wirtschaftlich Selbständigen, zu unterwühlen, 
die den destruktiven Tendenzen der Sozialdemokratie 
immer noch den stärksten Halt geboten habe und noch 
biete. Indem wir dieses erörtern, kämen wir, so betonte 
Baurat Felisch, auf das Gebiet der hohen Politik, das 
ja unserm Bunde allerdings vollständig fernliegt. Aber 
wir hätten das Gebiet streifen müssen, um uns über die
	        

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