Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

Das Schicksal der Kgl. Anlagen und das Tlieaterprojekt 
Ein Schloßgarten wurde schon unter Herzog Karl 
Eugen geplant, daraus entstanden die jetzigen Kgl. An 
lagen, welche König Friedrich ausführte und am 1. Ok 
tober 1808 dem Publikum öffnete. Der obere Anlagensee 
reichte bis direkt hinter die Nebenseite des Kgl. Residenz 
schlosses, der Botanische Garten bis zur Akademie. Der 
Teil, wo jetzt der Privatgarten ist, war erhöht; damit 
war vom Gartenarchitekten in der Hauptachse der An 
lagen ein reizvoller Blick über die Danneckersche Nymphen 
gruppe, See im Vordergrund, bis zur später erstellten 
Hylas-Gruppe geschaffen. 
Im Jahre 1815 wurden vom König Friedrich die 
unteren Anlagen geplant, sie wurden aber erst von 
König Wilhelm I. angelegt. 
Im Jahre 1838/39 wurde das Reithaus in den Bota 
nischen Garten gebaut und eine Straße zwischen dem 
Reithaus und dem Kgl. Leibstall durch geführt. An 
nähernd in derselben Zeit wurde der Anlagensee auf 
seine jetzige Form reduziert. 
Unter König Karl wurde der obere Teil der Anlagen 
zum Privatgarten angelegt und die Schloßgartenstraße 
durchgeführt. Damals wurden viele Stimmen laut, die 
sich gegen dieses Abschneiden der Anlagen richteten. 
Als die Graf-Eberhard-Gruppe in die Hauptachse der 
Anlage gestellt wurde und den weiten Blick von der 
Nymphengruppe bis zur Hylasgruppe störte, wurde dies 
allgemein verurteilt. Kunsthistoriker Lübke nennt das 
Denkmal eine plastische Verstopfung der Anlagen. Unser 
Aesthetiker Vischer ergoß seinen Spott auf das „Stiefel 
magazin“, er sprach von „öffentlicher Stiefliothek“, die 
Lage des Denkmals nennt er „eine Verstümmelung der 
schönen Perspektive der herrlichen Allee“. 
Aus letzter Zeit ist bekannt, daß Kulissenhaus und 
Katharinenstift in die oberen Anlagen gebaut wurden. 
Mit der Bahnhofverleguug muß, wie die Planskizze 
zeigt, etwa ein Viertel der Anlagen vom Königstor bis 
zur Kgl. Meierei abgeschnitten werden. Im ganzen Lande 
sind mißbilligende Stimmen über die Verkleinerung der An 
lagen laut geworden. Man hat sich aber im Publikum 
beruhigt, indem man sich sagte; der Verkehr erfordert es. 
Auch die Verbindungsstraße, welche in der Ver 
längerung der Schillerstraße gegen die Münze geführt 
wird und ein großes Stück der Anlagen zum Opfer 
fordert, kann nicht umgangen werden, weil auch hier 
Verkehrsgründe maßgebend sind. 
Wenn man alle diese Opfer in Betracht zieht, die 
der Verkehr verlangt, so sollten weitgehende Eingriffe 
für Bauzwecke unter allen Umständen vermieden werden! 
Prof. Theodor Fischer hat in seinem Vortrag über das 
Bauprogramm der Stadt Stuttgart unter dem Beifall seiner 
Zuhörer ausgeführt: Es sei dringend zu wünschen, daß 
einzelne Teile der die Stadt umgebenden Wälder an ge 
eigneten Stellen heruntergezogen werden in den Verkehr, 
damit es möglich sei, im Grünen und im Schatten der 
Bäume das Freie zu gewinnen. Wenn aber durch die 
Kgl. Anlagen den Einwohnern der Stadt Gelegenheit 
geboten ist, durch den schönen Park vom Herzen der 
Stadt aus weite Spaziergänge bis zum Neckartal zu 
machen, so sollte man diese herrlichen Anlagen nicht 
weiter verkleinern und durch Bauten durchschneiden, 
sondern ihren Bestand erhalten. 
Es erhebt sich die Frage; Ist durch den Beschluß 
der Kommission, welche ihren Vorschlag für einen Theater 
platz gemacht hat, bezüglich Erhaltung der Anlagen, so 
weit praktische Gründe es zulassen, das Möglichste getan? 
Die Stellung des Schauspielhauses mit seiner senk 
rechten Lage zur Hauptachse der Anlagen und in un 
mittelbare Nähe des Baumbestandes der Hauptallee vor 
geschoben , führt, um Symmetrie zu erhalten, zu d e m 
Notbehelf, vom Marstall her einen Gebäudeblock 
herauszuziehen. Diese Anlage des Schauspielhauses sowie 
des hierzu symmetrischen Blocks nehmen unverant 
wortlich viel Platz von den Anlagen weg. Es dürfte 
die Platzwirkung, wie sie in der Vogelperspektive zum 
Ausdruck kommt, niemals erreicht werden, weil ein üeber- 
sehen der gesamten Anlage vom natürlichen Standpunkt 
aus ausgeschlossen ist. Auch erscheint die Ausnutzung 
des Areals des Marstalls zu Hotelzwecken in solch enormer 
Tiefe von der Königstraße her, wie es in dem Vorprojekt 
ausgeführt ist, zu weitgehend und zu wenig nutzbringend 
an sich und für die Allgemeinheit. Hotelanlagen sind 
in Stuttgart viele und zwar sehr gute schon vorhanden, 
Perspektive der Gesamtanlage 
Projekt Neckarstraße 
Baurat C. Hengerer
	        

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