Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

FÜR WÜRTTEMBERG 
BADEN HESSEN ELr 
SASS - LOTHRINGEN 
Stuttgart, 28. Dezember 1907 
Inhalt: Aus dem alten und neuen Ulm. — Neue Tapeten. — Landhaus des Prof. Dr. Max Diez in Stutt 
gart. — Interieur. — Der Techniker und die Zeichnung»n seines Chefs. — Die Baubeschränkung des 
Straßen- und Platzlandes. — Vereinsmitteilungen. — Wettbewerbe. — Kleine Mitteilungen. — Per 
sonalien. — Bücher. — Briefkasten. — Zur gefl. Beachtung! 
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Alle Rechte Vorbehalten 
Aus dem alten und neuen Ulm 
Das Zundeltörle 
Wendet man sich vom Bahnhofvorplatz der guten 
Stadt Ulm gegen Osten, so durchmißt man auf der 
Anlagenstrecke, welche in nördlicher Richtung Alt- und 
Neustadt trennt, der sog. Olgastraße, ein großes Stück 
der alten Landbefestigung der Reichsstadt aus der Zeit 
ihrer ältesten Ummauerung im zwölften bis vierzehnten 
Jahrhundert. Während die im Zickzack vorspringenden 
niederländischen Bastionen aus der Mitte des siebzehnten 
Jahrhunderts längst eingeebnet sind und deren Reste nur 
noch bei den Gründungsarbeiten moderner Bauwerke zu 
tage treten, ist die mittelalterliche Stadtmauer auf große 
Längen noch erhalten, wenn auch der Graben längst 
eingefüllt ist. Die Erhaltung der Mauer ist hauptsäch 
lich dem Umstand zuzuschreiben, daß dieselbe heute noch 
den auf dem aufgefüllten Zwinger errichteten Soldaten 
häuschen als Fundament dient. Wenn auch auf der langen 
Zeile der leicht gebogenen Olgastraße bis hinab zu den 
weitbekannten Wielandschen Messingwerken die Stadt 
mauer großenteils noch vorhanden ist, so sind leider die 
massigen Türme am Neuen Tor und Frauentor ver 
schwunden. Dagegen steht am Ende der Strecke der 
einzige auf der Landseite noch drohende Turm, der Seel 
turm oder das Zundeltörle. Stellt man sich auf dem 
Kreuzungspunkt der Olgastraße, König-Wilhelm-Straße 
und Griesbadstraße bei der Wielandschen Fabrik auf, so 
kann man mit kurzer Wendung die verschiedensten Bilder 
alter und moderner Städtebaukunst und Architektur über 
blicken. Gegen Süden am Elektrizitätswerk vorbei das 
Tor in der Stadtmauer, zwar erneuert, aber im alten 
Stil wiederhergestellt, mit dem Turm aus der gotischen 
Zeit und seiner allmählich zusammengewachsenen roman 
tischen Umgebung. Gegen Westen und Norden drei- bis 
vierstöckige Neubauten mit der Aussicht auf die neu 
erbaute katholische Garnisonkirche von Merkel, der 
gotisch baut, aber in all seinen Aeußerungen durchweg 
modern bleibt und das Programm straff durchführt. Der 
schroffe Gegensatz von der Erhaltung des Alten in der 
Grenze der Altstadt mit dem Neuen in der anschließenden 
Erweiterung wirkt aber nicht störend, denn durch reich 
lichen Baum wuchs ist ein angenehmer Uebergang ge 
schaffen. 
Der Seelturm, nach dem in der Nähe befindlichen 
Seelhaus, einem früheren Kloster, jetzt Gefängnis, so 
genannt, zeigt mit seinen Anhängseln noch deutlich den 
Charakter der gotischen Befestigung. Der stark ge 
drungene Unterbau hat quadratischen Grundriß mit 6 m 
Seitenlänge. Der auf einem starken Gebälk ruhende 
Oberstock ist 2 m schmäler und mit spitzem Walmdach 
abgedeckt. Der hierdurch entstandene Absatz ist mit 
Pultdächern aus Hohlziegeln versehen. Die gesamte Höhe 
des Turms beträgt 20 m, aus den Seitenflächen schauen 
heute noch die alten Schießscharten auf die jetzt so ver 
änderte Umgebung herab. Der Turm bildet den Abschluß 
des sog. Seelengrabens im Osten und steht hier so recht 
an seinem Platz, denn der Seelengrahen verkörpert uns 
die geschichtliche Weiterentwicklung der Bauten auf der 
Stadtmauer aus der gotischen in die neuzeitliche Bau 
weise. Auf dem Geschützwall, welchen Dürer durch die 
Auffüllung des Zwingers hergestellt hat, sind in ge 
schlossenen Reihen die eineinhalbstockigen Häuser der 
ülmer Stadtsoldaten errichtet, welche mit ihren wohl 
gepflegten Gärtchen heute noch gesuchte und gutbezahlte 
Wohnungen bilden. In Ulm sind dieselben als Vorgang 
für die von der Stadt errichteten Arbeiterhäuser von Wert 
gewesen. Auf der Ostseite des alten Turmes liegt das 
jenige Anwesen, welches ihm seinen neuen Namen, 
Zundeltor, gegeben hat, nämlich die aus dem vorigen 
Jahrhundert stammende Zundelfäbrik, deren vielgestaltige 
Bauart und Gruppierung in verschiedenen Höhenlagen 
der Umgebung des Turms die reizvollen Ansichten ver 
leiht, welche den Vorübergehenden immer wieder von 
neuem erfreuen. Dem langjährigen Festhalten dieses 
Anwesens in sicherer Hand ist die Erhaltung desselben 
bis auf die Jetztzeit zu verdanken. Schon hatte im An 
fang der neunziger Jahre die Begradigungswut der Bau 
linienpläne demselben Untergang gedroht. Damals wurde 
das Projekt für den Anbau des alten Festungsgrabens 
zwischen Frauentor und Zundeltor auf der Nordseite, die 
heutige Heimstraße, festgestellt. Die Fortsetzung der 
selben zur alten Schiff bastion hinauf hätte die Beseitigung 
des Anwesens verlangt, wenn nicht, allerdings erst nach 
langem Kampf, die neuen Grundsätze für die Anpassung 
der Wohn- und Verkehrstraßen an vorhandene Anlagen 
Geltung erlangt und durch eine leichte Ausbiegung der 
Straße gegen Norden ihrem westlichen Abschnitt am 
Fuße des alten Festungswerks ein wirkungsvoller Abschluß 
erhalten geblieben wäre. Aus der Stadt heraus führt 
die alte Griesbadgasse, nach dem in nächster Nähe stehen 
den architektonisch bedeutenden Griesbad so genannt, 
unmittelbar auf den Turm zu. Eine kleine, platzartige 
Erweiterung der Straße innerhalb der Mauer gab hier 
Gelegenheit, den Verkehr zu den anschließenden Ver-
	        

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