Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

9. Februar 1907 
BAUZEITUNCr 
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falls als bestimmt angenommen. Die Form der Holz 
säulen im einzelnen sei aber „unbekannt“ geblieben, doch 
seien die Stämme wegen „Baufälligkeit“ nach und nach 
ausgewechselt worden, und zwar die ersten im 7. und 
6. Jahrhundert, nach der Form der erhaltenen Stein 
kapitelle zu schließen! In ihren Abmessungen könnten 
sie von den späteren Steinsäulen nicht sehr verschieden 
gewesen sein bei gleichem Höhenmaß. Die Durchmesser 
der Holzsäulen wären nach den Steinfunden auf 1 m bis 
1,40 m zu normieren, für die Kapitelle dürfe man „ver 
muten“, daß sie „kuchenförmige dorische Kapitelle 
waren“, weil dann der Unterschied zwischen ihnen und 
den Steinsäulen wenigstens nicht allzu groß wäre (sic!). 
Das letztere ist sicher wahr und hätte einer be 
sonderen Betonung wohl kaum 
bedurft; das erstere ist aber mit 
Rücksicht auf die natürlichen 
Eigenschaften des Holzes wenig 
wahrscheinlich. Man denke sich 
einen 1,355 bis 1,67 m durch 
messenden, nur 20 cm dicken, 
kreisrunden Eichenholzkuchen als 
überführendes und tragendes Bau 
glied mit einem ebenso großen 
und ebenso dicken quadratischen 
Deckel darüber! Die Leute, welche 
in Beni-Hassan die Auflager zwi 
schen Säulenstamra und Architrav 
zu besoi'gen hatten, waren etwas 
klüger, indem sie bei ihrer bild 
hauerischen Nachbildung in Stein 
nur Ueberlaghölzer in der Breite 
des Architraves über der Stütze 
annahmen, die man sich im Holz 
original nach der Tiefe aus 
mehreren Stücken zusammengefügt 
denken kann, wie es Yitruv 
für die Holzarchitrave an 
nimmt. Das ist einfache echte 
Holzkonstruktion, bei der 
einem nicht ein eingelegter 
kreisrunder Holzkuchen zu 
gemutet wird. Auch bei der 
Speos Artemidos kann man 
aus der Verbindung zwischen 
Stütze und Balken die 
ursprüngliche eigentümliche 
Holzkonstruktion ablesen, die 
jeder geschraubten Zumutung 
entbehrt. Vgl. Fig. 2 und 3, 
bei der nach A. Choisy (L’art 
de bätir chez les Egyptiens) 
gezeigt ist, in welcher Weise 
die Alten eine ursprüngliche 
Holzkonstruktion in Stein umsetzten. 
Waren die Säulenschäfte aus Holz, so mußte der 
Uebergang zum Balken nach obenstehender Skizze (Fig. 5) 
ausgeführt werden, wie dies auch aus den alten grie 
chischen Vasenbildern (vgl. Fig. 4) abgelesen werden kann, 
so man technisches Verständnis für eine Auslegung der 
selben besitzt. 
Daß die außergewöhnlich weiten Abstände der Säulen 
von M. z. M. mit 3,27 m ein Holzgebälke veranlaßten, 
beruht angesichts der noch vorhandenen, zum Teil 
noch tragenden Steinbalken, auf einer mangelhaften 
Bekanntschaft mit ausgeführten alten Steinbauten. Die 
Abstände der Säulen bei den Steintempeln übertreffen in 
den meisten Fällen dieses Maß, wie zum Beispiel beim alten 
Tempel in Korinth mit 3,60 m, beim Heraklestempel in 
Akragas mit 4,60 m, beim Parthenon mit 4,30 m, in 
Paestum 4,40 m, in Segest 4,20 m, in Syrakus 3,70 bis 
4,50 m, den fünf Tempeln in Selinus mit 4,40 bis 4,60 m, 
beim großen Tempel T daselbst sogar mit 6,60 m und 
beim Olympieion in Akragas bis 8,20 m. Die Stützweiten 
bei der großen Halle in Karnak gehen bis zu 9 m bei 
ebenso großen Steinbalken und Steinplatten aus einem 
Stück! 
Von den Ausführungen Dörpfelds über diese Spezies 
von Holzarchitektur und der angegebenen sukzessiven 
Auswechslung der Holzsäulen am Heraion durch die 
genannte Musterkarte von Steinsäulen sind auch Perrot 
und Chipiez in ihrem großen Werke (Bd. VII, S. 366) 
beeinflußt. 
üeber die Art der Verwendung und die Querschnitte 
verschiedener Bauhölzer im Altertum haben wir be 
stimmte, unanfechtbare Zeugnisse, einmal durch den Bau 
verding des Arsenals des Philon 
(vgl. Handb. d. Arch., Baukunst 
der Griechen von J. Durm, 2. Auf 
lage, S. 160), durch die Lex Pu- 
teolana u. s. w. und durch aus 
gemeißelte Auflager an Werk 
stücken von Steintempeln. Ein 
solches für die Firstpfette beim 
Dach der Nordhalle des Erech- 
theion setzt eine Höhe von 0,70 m 
und eine Breite von 0,51 m der 
selben voraus (vgl. Fig. 6). Bei 
dem Dachstuhl des genannten 
Arsenals werden hölzerne, auf 
Marmorpfeilern gelagerte Epi- 
stylien von 5/2 Fuß Breite und 
2V4Fuß Höhe vorgeschrieben, also 
beiläufig 0,75x0,67 m (vgl.Fig. 7), 
in beigezeichneter Form, und zwar 
18 Stück solcher auf jeder Seite. 
Firstpfetten im Querschnitt von 
l ä /, x 1 3 /| Fuß (beiläufig 51cm), 
Sattelhölzer von D/aFußDicke, 
Sparren in einer Stärke von 
5 / 8 X 5 /i fi Fuß bei einer Leg 
weite von l 1 /« Fuß. Beim 
Apollotempel in Pompeji und 
an dortigen andern Gebäuden 
ruhen „nach altitalischer 
Art“ die steinernen Gesimse 
auf Holzbohlen (vgl. A. Mau, 
Pompeji in Leben und Kunst, 
S. 44), weil die für erstere 
angeforderten Tuffsteine ein 
Freilegen auf größere Weiten 
nicht gestatteten. Die ver 
kohlten Holzstücke (angeblich 
Säulenschäfte) im Palaste zu 
Knosos weisen einen größten 
Durchmesser von noch 0,50 m 
bei einer Länge von 1,70 m auf. Nehmen wir die durch den 
Brand zerstörte Oberfläche zu 5 cm ringsum an, so dürfte 
die ursprüngliche Stützenstärke mit 60 cm zu berechnen 
sein. Beim Baue des Diribitorium zu Rom blieb ein 
Stamm übrig, der 45 cm Dicke und 30 m Länge hatte, 
und Tiberius stellte einen Lärchenstamm aus, der gleich 
mäßig 60 cm dick war bei 36 m Höhe. Caligula. ließ 
bei dem Transportschiff für einen Obelisken eine Weiß 
tanne verwenden, die über 2 m Durchmesser hatte und 
nach dem Gebrauch mit 13 000 M. bezahlt wurde. Ueber 
die Haltbarkeit der Hölzer vgl. Plinius Nat. Hist, und 
Baukunst der Griechen a. a. O. S. 194. Danach verfügte 
man noch in verhältnismäßig später Zeit über ausgezeich 
netes Bauholz. Die beim Hochbau verwendeten Hölzer 
waren durchweg kräftig dimensioniert, und man darf also 
mit großen Querschnitten derselben auch bei kritischen 
Betrachtungen rechnen. 
Die Dach- und Deckenausführung verlangte sie, bei 
,m Anf-Mustum 
. Torlonia
	        

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