Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

10. Juli 1909 
BAUZEITUNQ 
221 
Der Hauseinsturz auf dem Legions 
kasernenareal in Stuttgart 
lieber diese Katastrophe, die am 15. Oktober 1907 
sich ereignete und vier italienischen Maurern das Leben 
kostete, haben wir seinerzeit unter Vorführung bildlicher 
Darstellungen berichtet. Jetzt, nach 1 3 / 4 Jahren, kam 
die Sache in den Tagen vom 22. bis 25. Juni zur Verhand 
lung vor der Strafkammer. Bei dem Interesse, das der 
Fall für die gesamte Fachwelt darbietet, glauben wir 
etwas näher auf denselben eingehen zu sollen. 
Die Verhältnisse bei der Bauausführung waren fol 
gende: Bauherrschaft war die Eigentümerin des Legions 
kasernenareals, die Rheinische Kreditbank in Mann 
heim; dieselbe hatte den Bau der Häuser Marienstr. ID, 
Kleine Königstraße 9 und 11 und das gegenüberliegende 
Haus an der Kleinen Königstraße um runde Summen zur 
schlüsselfertigen Herstellung an einen Generalunternehmer, 
das Baugeschäft Krü ger & Lauermann in Berlin, über 
geben. Dem Vertrag lagen die von den Architekten 
Bi hl & Woltz in Stuttgart gefertigten Eingabspläne 
und eine generelle Baubeschreibung zugrunde. 
Behufs genauerer Bestimmung der Ausführung lieferte 
die Bauherrschaft dem Generalunternehmer Werkpläne 
im Maßstab 1: 50 und 1: 20 und architektonische Details 
in natürlicher Größe, welche ebenfalls von Bihl & Woltz 
angefertigt waren. Die Konstruktionsstärken in den 
Werkplänen beruhten auf einer statischen Berechnung 
von Ingenieur Hartenstein hier. 
Die Firma Krüger & Lauermann hatte als ihren Ver 
treter und Leiter der Bauausführung den vorher in Berlin 
tätig gewesenen Architekten Fohrmann entsandt. Die 
Rheinische Kreditbank hatte ihrerseits als Vertretung sowie 
zur Kontrolle des Generalunternehmers eine Bauleitung 
aufgestellt, welche aus Hofwerkmeister Hangleiter, dem 
Vertrauensmann der Rheinischen Kreditbank, und dem 
ersten Bauführer, Schäfte, sowie dem zweiten Bauführer, 
Buhl, bestand. Schäfte nahm von den Architekten 
Bihl & Woltz die Werkpläne und Details in Empfang 
und übergab sie zur Ausführung an Fohrmann. Bihl & 
Woltz hatten sich um die Ausführung des Rohbaus 
nicht zu kümmern und sollten nur bezüglich der bau- 
künstlerischen Ausgestaltung der Bauten nach Bedarf 
beigezogen werden. 
Fohrmann vergab die Ausführung der Grab-, Beto- 
nierungs- und Maurerarbeit an Unterakkordanten, die 
Maurermeister Zerpelloni & Mazzi, welche fast aus 
schließlich italienische Arbeiter beschäftigten und anfangs 
deutsche Poliere hatten — Harpprecht und Städter —, 
während von Ende August 1907 an Pietro Zerpelloni, 
ein Bruder des Unternehmers, die Arbeiter beaufsichtigte. 
Als der Einsturz erfolgte, war das Haus im Rohbau 
nahezu vollendet, das Dach war im Eindecken begriffen, 
die Eisengebälke ausbetoniert, die Holzgebälke aufge- 
lattet. 
Nach dem Einsturz wurde Fohrmann sofort in Unter 
suchung gezogen. Als Sachverständige bei letzterer 
fungierten Oberbaurat Mörike von der Ingenieurabtei 
lung der Technischen Hochschule und ßaurat Gunzen 
hauser von der Baugewerkschule hier. Dieselben faßten 
die technischen Ergebnisse der Untersuchung im April 1908 
in einem ausführlichen Gutachten (|200 der Vorunter 
suchungsakten) zusammen. Daraufhin wurde die Vor 
untersuchung noch auf eine Anzahl der obengenannten 
Personen, nämlich auf Hangleiter, Woltz, Schäfte, Buhl 
ausgedehnt und schließlich im Oktober 1908 neben 
Fohrmann die drei letztgenannten in Anklagezustand 
versetzt. 
Die Anklage ging an Hand des genannten Gut 
achtens 200 davon aus, daß der Einsturz durch den Zu 
sammenbruch des Backsteinpfeilers D (der stärkstbelastete 
Mauerpfeiler der südöstlichen Nebenseite) verursacht 
worden sei. Dieser Pfeiler, auf welchem über dem ersten 
Stock ein 85 cm hoher, quer zur Außenmauer liegender 
Blechträger von 6,30 m Stützweite ruhte, wäre an sich 
stark genug gewesen, ja, er hätte die vorschriftsmäßige 
zehnfache Sicherheit geboten, wenn die auf ihm ruhende 
Last (Mauerlast -j- Blechträger — 61 000 kg) zentrisch auf 
ihn eingewirkt hätte. Letzteres sei aber nicht der Fall 
gewesen, denn es sei 
a) der Blechträger unmittelbar auf einem ganz roh 
bearbeiteten Auflagequader aufgelegen und nicht, wie 
erforderlich, auf einer vermittelnden Eisenplatte. Auch 
sei er auf den nicht abgefeilten Nietköpfen ganz nahe 
der inneren Mauerkante aufgelegen. Durch dieses 
schlechte Auflager sei eine gefährliche Exzentrizität 
der Pfeilerpressung hervorgerufen worden; 
b) diese exzentrische Pressung sei noch höchst be 
denklich verstärkt gewesen dadurch, daß der Blech 
träger in der Außenmauer vollständig eingemauert war, 
statt „kunstgerecht ummauert“ zu sein; 
c) eine weitere Exzentrizität sei dadurch hinzu 
gekommen, daß die auf den Pfeiler treffende Mauerlast 
der oberen Stockwerke infolge Verschiebung der Fenster 
achsen (kurzweg „Stelzenform“ des Pfeilers D genannt) 
nicht zentrisch, sondern exzentrisch auf den Pfeiler 
eingewirkt habe. Diese Exzentrizität habe allerdings 
nur die Wirkung gehabt, daß der Einsturz, der infolge 
der andern Fehler ohnehin unvermeidlich war, durch 
dieselbe zeitlich um weniges vorgerückt worden sei. 
Durch die unter a, b, c aufgeführten Fehler, also 
durch die sich summierenden Exzentrizitäten, sei in der 
nördlichen Pfeilerkante eine solche Pressung erzeugt
	        

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